Wir waren jung und brauchten das Gel

Erinnert sich noch jemand an JOY-Gläser und dass man die irgendwann in grauer Vorzeit mal gesammelt hat (ohne eigentlich so genau zu wissen, wozu und wieso)?  An auf das Nervigste fiepsende  Tamagotschis, an Radlerhosen, die zu jeder Gelegenheit getragen wurden nur nicht zum Radfahren? An Loopingstrohhalme und Beverly Hills 90210?

Dann ist man mit diesem Buch gut beraten, denn es ist schon ein befreiendes Gefühl, zu wissen, dass man mit all dem Krempel nicht alleine dagestanden hat..
Untertitelt ist das Buch mit „Lexikon der Jugendsünden“, was ich nicht wirklich treffend finde. Es geht nicht ausschließlich um „Sünden“, sondern schlicht um Erinnerungen an Dinge, die in den 80ern-90ern „angesagt“ waren. Das Buch richtet sich somit an die Generation der Thirtysomethings und löst stellenweise einen gewissen Fremdschämreflex aus. Wie konnten wir nur? Haben wir sowas wirklich getragen? Und auch  noch GUT gefunden?? Man weidet sich an all den Scheußlichkeiten, die hier hervorgekramt und einem unter die Nase gerieben werden) (Radlerhosen, XXXXXL-Shirts, hochtoupierte Ponys, Blümchenbodys usw.) und erlebt andererseits auch schöne nostalgisch angehauchte Momente: Brieffreundschaften hat man früher beispielsweise noch geführt, so richtig mit Papier und Stift und Briefmärkchen! Auf Klassenfahrten Splatterfilme geschaut und liebevoll gestaltete Poesiealben ausgefüllt…

Eine Mischung aus Kuriositätenkabinett und Schatzkästchen, das leider viel zu kurz war. Staubtrockener Humor und stellenweise absolut ernüchternd in seiner Endgültigkeit. Absolut lesenswert für alle, die in den 80ern und 90ern ihre Jugend erlebt haben!


Lisa Seelig, Elena Senft – Wir waren jung und brauchten das Gel
Fischer Taschenbuch Verlag, Mai 2011
ISBN 359618987X
255 Seiten
8,99 Euro

Saftschubse

Ein nettes Buch. Noch netter, wenn man es im Flugzeug während einer achtstündigen Flugreise liest (ich hatte es mir extra hierfür aufgehoben). Am allernettesten, dass die Kapitel eher kurz sind und man nicht sonderlich viel verpasst, wenn man eins mal nur überfliegt.

Will sagen: Ein nettes Buch (wie gesagt…), aber auch keins mit sonderlich großem Gehalt oder gar in irgendeiner Weise innovativ. Annette Lies schildert den zweifelhaften Aufstieg der Charlotte Loos von der Werbetante zur Stewardess. Angefangen beim Recruitingverfahren, was nicht uninteressant war bis zum Arbeitsalltag. Erläutert werden schon gewisse Hintergründe, allerdings war für meinen Teil nichts dabei, was mich wirklich überrascht oder gar erhellt hätte. Es werden treffsicher die gängigen Vorurteile über „Saftschubsen“ aufgegriffen und teils bestätigt, teils widerlegt.

Der Schreibstil ist lockerflockig, für meinen Geschmack allerdings ein bisschen zu sehr auf lustig-lustig-tralala gemacht. Charmant und witzig fand ich die Zitate von Passagieren, die jedem Kapitel vorangestellt waren. Das war ein netter Gag und zeigte so ein bisschen den alltäglichen Wahnsinn im Saftschubsenalltag. Es wird dem Beruf viel von seiner „Magie“ genommen – allerdings nur dann, wenn man wirklich komplett voller Illusionen herangeht. Wenn man, wie ich, von vornherein weiß, dass auch Flugbegleiter im Grunde ein Beruf wie jeder andere ist, erfährt  man nicht wirklich was Neues.

Ein nettes Buch ohne größere Höhen oder Tiefen. Nicht mehr und nicht weniger.

AnnetteLies – Saftschubse
Heyne Verlag, April 2011
ISBN 9783453408579
272 Seiten
8,99 Euro

Saugfest

Steffi von Wolff schreibt Comedy. Darüber muss man sich im Klaren sein, wenn man ihre Bücher liest, und vor allem muss man es mögen. Sonst wird das nichts.
Ich habe bisher alle Bücher von ihr gelesen (und die meisten davon auch gemocht!). Dh nein, fast alle: Das letzte, Gruppen-Ex, fand ich so blöd, dass ich es nach der Hälfte abgebrochen habe. Auch mein Sinn für Albernheiten hat seine Grenzen.

Bei Saugfest hat mich vor allem interessiert, was Frau von Wolff aus dem langsam wirklich mal ausgelutschten Vampirtrend gemacht hat. Nun, das Buch war erwartungsgemäß laut, schrill, schnell – und ziemlich zusammenhangslos. Das sind von Wolffs Bücher eigentlich fast immer, denn wie gesagt: Sie schreibt Comedy. Dh Gag reiht sich an Gag, und wenn man den einen fertig hat, kommt der nächste. Dabei wird häufig vergessen, dass sowas wie ein roter Faden oder gar ein Plot manchmal nicht das Schlechteste ist bei einem Roman. Es gibt Romane, die kommen ohne Plot aus oder mit nur sehr wenig. Dieser hier gehört nicht dazu, da auch die Gags und Pointen irgendwann alle durchgenudelt sind und nur noch lahm wirken. Man will ja auch mal vorankommen, nech?

Ich will nicht behaupten, dass ich das Buch gar nicht witzig fand – und Steffi von Wolff lese ich sowieso ausschließlich, weil ich „was Witziges“ lesen will. Aber dies ist eine simple Aneinanderreihung von teils platten Witzen, und ein so völlig zielloses und ungerichtetes Blabla – das macht selbst mir, die ich eine wirklich nicht zu anspruchsvolle Leserin bin, keinen Spaß.
Dabei ist die Grundidee gar nicht mal so schlecht, sie kommt nur einfach zu schwer in die Gänge und wirkt ein bisschen so, als sei sie der Autorin erst recht spät beim Schreiben eingefallen: Die grundsätzlich missgelaunte und misanthropische sowie etwas naive Helene begegnet zunächst einem Wolf und dann allerhand bleichgesichtiger und muffiger Gestalten, die in einem Keller zu hausen scheinen. Bei dem, was sie zunächst für Systemadministratoren [sic!] hält, erhärtet sich schließlich der Verdacht, dass es sich auch um Vampire handeln könnte. Durch sie bekommt Helene überraschend die Möglichkeit zur Rache an 10 Personen, die sie nicht leiden kann. Und Helene kann so gut wie gar niemanden leiden, sondern macht ausdauernd sich selbst und anderen das Leben schwer.

Ab da entwickelt sich eine Art Road Movie, es passiert im Grunde nichts außer einer Fahrt quer durchs Land, bei der Helenes Opfer eingesammelt werden. Dabei wird ausufernd gequatscht, Witze gerissen und Unsinn erzählt. Teilweise ist das Ganze derart skurril, dass ich nicht mal drüber lachen konnte, sondern mich eher gelangweilt habe – war irgendwie alles schon mal da.
Erst auf den letzten Metern vorm Ziel wird es überraschenderweise nochmal spannend und interessant! Da fügte sich dann alles zu einem – im Rahmen der Möglichkeiten – sinnvollen Ganzen, als sich herausstellt, dass die ganze Story eigentlich nur dazu diente, die miesepetrige Helene umzupolen. Die Idee fand ich eigentlich ganz süß, nur wie gesagt, das kam etwas plötzlich, nachdem ich mich 150 Seiten lang geärgert habe, so ein langweiliges und sinnloses Buch zu lesen und wirkte insofern etwas lieblos angehängt, einfach weil kein Zusammenhang zu der gesamten „Story“ vorhanden ist.

Ein bisschen schade finde ich es, dass aus dieser an sich guten Idee so wenig gemacht wurde und so viel Zeit mit sinnlosem Jux und flachen Pointen verplempert wurde. So finde ich das Buch unterm Strich lediglich „ausreichend“, denn für hier und da mal einen Lacher muss ich kein Buch lesen, da tuts auch die Witzeseite der BILD Zeitung.

Steffi von Wolff  – Saugfest
254 Seiten
Fischer Taschenbuch Verlag, Juni 2010
ISBN: 3596185955
8,95 Euro

Die Wette

Man kann dieses Buch eigentlich ganz schlecht beschreiben – man muss es einfach selber lesen erleben. Eine dringende Leseempfehlung sei hiermit jedenfalls schonmal ausgesprochen!

Ich bin ja nicht so die Gemütlichzuhauseaufmsofaleserin, aber bei dem Buch hatte ich mir vorgenommen, so viel wie möglich davon zu Haus zu lesen, da man mir ja ein zentnerschweres, etwas unhandliches Manuskript zugeschickt hatte. Das war mir schlicht und ergreifend zu umständlich zum Lesen in der S-Bahn. Ist mir dann aber auch tatsächlich gelungen und sogar vergleichsweise leicht gefallen.

Tja, worum gehts? Steht schon im Titel: „42.000 km, 2 Männer, 1 Globus, Keine Flugzeuge“
Dieses Experiment bzw. diese Wette ist auch wirklich so „passiert“, von März bis Juli 2007. Die Autoren und Protagonisten Steve Hely und Vali Chandrasekaran sind befreundete Drehbuchautoren und Fernsehgagschreiber – und somit wahrlich nicht auf den Mund gefallen.
Inhalt ihrer Wette: Einmal um den Globus reisen, von Los Angeles ausgehend, jeweils in eine andere Richtung, und ohne die Benutzung von Flugzeugen (oder sonstigen fliegenden Gerätschaften) – und wer zuerst wieder zurück ist, hat gewonnen. Und zwar eine Flasche Scotch von Anno Dazumal.
Um das Ganze finanzieren zu können, haben sie sich fix einen Verleger für diese Story gesucht als Geldgeber, und ab gings dann.

Es gibt keine Kapitel, Steve und Vali beschreiben jeweils abwechselnd ihre Sichtweise der Dinge bzw. ihre Erlebnisse. Vom Zustandekommen der Wette (welches jeder gaaaaaanz anders erlebt haben will als der andere!) über die Motivation bis zur eigentlichen Weltumrundung und wieder zurück. Durch viel Wortwitz, trockenen Humor und das wiederholte gegenseitige „Zuwerfen“ von Pointen gleicht das Ganze manchmal einer Screwball Comnedy und liest sich somit auch sehr schnell.
Da sie jeweils nur sehr kurz in den einzelnen Ländern weilen, sind die Betrachtungen natürlich meist etwas oberflächlich. Aber gerade das macht es so lesenswert und amüsant; die Art und Weise wie jeweils im Schnelldurchlauf die Eigenheiten und Gewohnheiten eines Landes beobachten und wiedergeben, macht einen Großteil des Buches und seines Charmes aus. Man darf sich keinen Reiseführer vorstellen, sondern einfach ein Buch, in dem zwei sehr wache und mit sehr trockenem Humor gesegnete Geister einfach das schildern, was sie erleben und hierüber reflektieren. Und da man auf einer Weltreise in kürzester zeit so vieles erlebt, so viel Ungewöhnliches und Einzigartiges, kommen jede Menge Anekdoten zusammen.

Geärgert habe ich mich, diese kleine Erxkurs sei gestattet, dass Deutschland extrem schlecht bei wegkam. Man kann selbst Staatsbürgder des Landesd sein, das die Atombombe abgeworfen hat und Schwarze jahrzehntelang versklavt und anschließend nochmals jahrhundertelang diskriminiert hat. Man kann Russland durchreisen und die Mongolei, Dschingis Khan als persönliches Idol preisen, ohne ein schlechtes Wort darüber zu verlieren. Aber wer sind die Bösen schlechthin? Natürlich die Deutschen wegen ihrer Nazivergangenheit! Einer der Autoren fragt einige junge Deutsche, ob sie sich schämen bzw sich verantwortlich fühlen würden für diese Vergangenheit. Erst die Gegenfrage, ob er sich dafür schämt, dass seine Vorfahren Sklaven gehalten und schwarze Kinder bespuckt haben etc., brachte ihn zum Verstummen und zum Nachdenken.

Abgesehen davon hatte ich viel Spaß beim Lesen und viel zu lachen! Das Vorhaben an sich ist wahnwitzig und beneidenswert, die Art der Schilderung und Nacherzählung höchst unterhaltsam und macht es zu einem der lustigsten Bücher, die ich seit langem gelesen habe.
Was ich mich gewünscht hätte bei solche einem Buch wären ein paar Fotos gewesen und ein nicht ganz so abruptes holterdipolter-Ende. Ein kleiner Epilog wäre nett gewesen – fand ich. Trotzdem finde ich 5 Sterne absolut verdient, da das Buch liebevoll und merkbar mit Herzblut geschrieben und gestaltet wurde (bemerkenswert fand ich zB auch die Seitenzahlen, die sich nicht immer an der gleichen Stelle befinden, sondern vom Anfang bis zum Ende des Buches einmal rund um den Text „wandern“) !

rating5

PS: Wie ich soeben erfahren habe, gibt es zumindest online Fotos von der Reise, und zwar bei Facebook! Unbedingt anschauen, sehr sehenswert! (Vor allem wenn man das buch schon gelesen hat. Hat einen gwissen Wiedererkennungseffekt: „Aaaaach das, soooo sieht das aus!!“

Briefe in die chinesische Vergangenheit

Wie schon berichtet habe ich mir dieses Buch auf die Empfehlung einer Buchhändlerin hin gekauft und muss sagen – ich war begeistert (mit kleinen Einschränkungen)! Sowas sollte man glatt öfter machen, so tun sich einem ganz neue Welten auf – denn dieses Buch hätte ich mir so „von alleine“ nie und nimmer gekauft.

Die Idee ist witzig und kann, obwohl das Buch bereits 1983 erstmals veröffentlicht wurde, locker mit der derzeitigen Kulturschock-Bücher mithalten (so nenne ich Bücher wie Antonio im Wunderland oder Ich bin ein Pariser oder Quattro Stagioni und wie sie alle heißen, die den Buchmarkt ja geradezu inflationär überschwemmt haben): Der Mandarin Kao-Tai reist mithilfe eines „Zeitreise-Kompasses“ aus dem China des 10. Jahrhunderts in das München („Min-Chen“ in „Ba-Yan“) der heutigen Zeit. Die Zeitreise war beabsichtigt zu „Forschungszwecken“ – der Zielort allerdings ein Versehen. So gelangt der arme Kao-Tai nicht nur in eine andere Zeit, sondern vor allem eine völlig fremde Kultur, die er verzweifelt zu verstehen versucht.
Es hat mir Spaß gemacht zu lesen, wie Kao-Tai versucht, sich in dieser fremden Welt zurechtzufinden und sie zu begreifen und in ihr zu leben. Aufgenommen wird er bei einem netten Herrn – offenbar ein Lehrer – dem er seine Herkunft auch anvertraut. Dieser „Herr Shi-Shmi“ zeigt sich ebenso wissbegierig wie Kao-Tai, und so profitieren sie beide voneinander; zudem lernt Kao-Tai über seinen neuen Freund etliche andere Menschen kennen.

Wie der Titel schon andeutet, ist der Roman in Briefform gehalten, da Kao-Tai seinem Freund und Mitwisser Dji-Gu regelmäßig sehr lebhaft aus der Zukunft berichtet. Es ist überaus witzig, wie er versucht, sich einen Reim auf ihm völlig unbekannte Dinge zu machen und diese zwangsläufig mit der ihm bekannten Kultur vergleicht. Die Angewohnheit des Rauchens beispielsweise kann er sich verständlicherweise überhaupt nicht erklären oder irgendwie einordnen – er vermutet daher Brandopfer zur Dämonenaustreibung. Überhaupt erklärt er sich vieles als „kultische Handlung“, so auch das Abnehmen von Fingerabdrücken bei der Polizei.
Banalste Alltagsgegenstände und -handlungen werden von ihm bestaunt und ausführlich in seinen Briefen erörtert. Die Sprache ist etwas „altmodisch“ und gestelzt, oftmals extrem umständlich und verschachtelt, aber dennoch gut verständlich. Das absolute i-Tüpfelchen sind die „einchinesischten“ Wörter, die Kao-Tai für deutsche Begriffe verwendet: Ant-su ist ein Anzug, A-tao das Auto, Shao-Bo ein Schlauchboot usw. Manches habe ich nicht gleich erraten, manches auch gar nicht (vor allem Eigennamen, so kann ich bis jetzt nur vermuten, dass Herr Shi-Shmi wohl eigentlich Schmidt heißt).

Sehr lustig waren auch die kurzen Einblicke in Kao-Tais „wirkliches“ Leben, die uns mindestens ebenso unverständlich erscheinen, wie ihm unsere heutige Welt. So darf zB unter GAR KEINEN Umständen sein Lieblingshengst die Stute des Vizekanzlers decken, weil dieser ja so dumm und unsympathisch ist. Lieber soll der Sohn des Vizekanzlers eine von Kao-Tais Töchtern heiraten…
Die Mischung aus Naivität, Neugierde und Arroganz gegenüber dem Neuen macht das Buch zumindest anfangs zu einem echten Page-Turner. Nach etwa 2 Dritteln ist das jedoch abgenutzt, und für mich war dann einfach die Luft raus. Irgendwie wiederholt sich alles nur noch, und ich hatte manchmal ein bisschen den Eindruck, als hätte Rosendorfer zuletzt eigentlich nur noch ganz allgemeine Kritik an der Gesellschaft anbringen wollen – eben durch Kao-Tai als Beobachter.

Manches schien mir ein wenig arg unlogisch bzw. unglaubwürdig, so zB dass Kao-Tai die deutsche Sprache rasend schnell erlernt und nach nur einem halben Jahr sogar schon Buddenbrooks lesen kann und diese ihm zudem auch noch ausgesprochen gut gefallen (ich bezweifle einfach, dass jemand mit 5 Monaten Deutschkenntnissen dieses Buch überhaupt verstehen kann)

Alles in allem dennoch ein lesenswertes und durchaus witziges Buch – es hat sich somit gelohnt, einfach mal mehr oder weniger blind um eine Empfehlung zu bitten in der Buchhandlung!

rating4

PS: Habe gerade durch Zufall herausgefunden, dass es auch eine Fortsetzung gibt: Neue Briefe in die chinesische Vergangenheit. Das ist aber fein! Wollen wir doch mal sehn, obs die bei Tauschticket gibt…