Sechzig Lichter

Ein herrliches Buch. Gewaltig. Ich habe mir gewünscht, es möge nie aufhören, denn ich hätte der Geschichte noch ewig weiter folgen wollen.
Da ich selbst sehr ambitioniert und mit viel Herzblut fotografiere und mich zudem sehr für die Geschichte der Fotografie interessiere, schien dieses Buch wie für mich gemacht geschrieben:

„Lucy Strange ist eine der ersten Fotografinnen des 19. Jahrhunderts. Ihr Leben war kurz, aber prall gefüllt mit Licht, Farbe und Abenteuer. Ein grandioses viktorianisches Lebensbild zwischen Sydney, Bombay und London und zugleich eine Archäologie der Fotographie. Ein Roman von flammender Schönheit.“

Und ich wurde nicht enttäuscht. Lediglich der Anfang machte mir etwas zu schaffen, ich musste mich erst in die etwas nüchterne und beinahe distanzierte Sprache gewöhnen, und brauchte etwas um in die Geschichte rein zu kommen, da Gail Jones weit ausholt und zuerst das weit zurückliegende Kennenlernen von Lucys Eltern beschreibt. Abgesehen von diesen Startschwierigkeiten habe ich die Sprache bald sehr zu schätzen gelernt. Das Buch ist voller Metaphern, und ich habe mich der forschen Lucy und ihrer hingebungsvollen Faszination für das Licht sofort verbunden gefühlt. Licht, schon im Buchtitel enthalten, nimmt einen zentralen Platz in Lucys Leben ein. Fotografie bedeutet „Schreiben mit Licht“. Selbst Lucys Name leitet sich ab von „Lux“, was ebenfalls Licht bedeutet. Lucy entwickelt schon lange bevor sie erstmals überhaupt mit der Fotografie in Berührung kommt, eine regelrechte Obsession für das Licht, für die Atmosphäre, die es schaffen kann und seine physikalischen Besonderheiten. An vielen Stellen des Buches wird das Licht geradezu beiläufig erwähnt, und man muss sehr aufmerksam lesen oder so wie ich selbst stark für Lichtsituationen sensibilisiert sein, um dies zu bemerken.

Lucys kurzes, aber intensives Leben führt sie als Waise aus Australien über London nach Indien und wieder zurück nach England. Von Beginn an zentral ist neben dem Licht für Lucy der Drang zum Festhalten von Situationen, von Momenten, von Stimmungen. So legt sie schon früh ihr „Journal of Special Things Seen“ an, in welchem sie Dinge festhält und akribisch beschreibt, die ihr aufgefallen sind.
Sehr richtig bemerkt sie Jahre später, nachdem sie zur Fotografin wurde, dass dieses Tagebuch Besonderer gesehener Dinge für sie das war, was ihr nun die Fotografie ist. Denn „jedes fotografische Unterfangen ist der Versuch, ein Gesicht heraufzubeschwören und das wieder aufzuspüren, was sich hinter dem Geschehenen verbirgt.“

Lucy legt keinerlei Wert auf technische Perfektion, obwohl sie die Fotografie handwerklich solide bei einem Fotografen erlernt. Ein gutes Bild ist für Lucy eines, das den Moment so abbildet, wie er war. Und wenn das Foto unscharf ist, dann ist das eben eine Aussage für sich und kein Makel. Ich liebe diese Einstellung und könnte Gail Jones dafür küssen, mit welch schönen Worten sie diese zu Papier gebracht hat!

Lucys „äußeres“ Leben ist entbehrungsreich und doch so reich. An Bildern, Erfahrungen, Menschen. Als Waise von dem fürsorgeberechtigten alten Onkel an dessen alten Freund Isaac nach Indien „verkauft“, erlebt sie auf der Überfahrt mit dem Schiff ihre erste Liebe. Sie wird bitter enttäuscht, jedoch bleibt ihr dieser Mann auf ewig liebevoll im Gedächtnis – weil er „ein neues Wort für das Licht gewusst hat.“ Isaac entpuppt sich als alt und grau, aber harmlos und nicht weniger verschroben als Lucy selbst. Diese ist unglückseligerweise bereits schwanger als sie in Indien ankommt, doch das ungleiche Paar entwickelt allen Widrigkeiten zum Trotz Respekt, wenn auch keine Liebe, füreinander. Jeder profitiert vom anderen, jeder auf seine Weise.

Lucy reist schließlich mit ihrer Tochter zurück nach England, und auf auf dieser Überfahrt nimmt eine folgenschwere Veränderung ihres Körpers ihren Lauf: Sie erkrankt an der Schwindsucht (=Tuberkulose). Lucy ahnt, dass sie nicht mehr lange Leben wird, und umso wichtiger wird ihr das Sammeln von Licht und von Bildern.

Die Geschichte an sich wäre sehr schnell erzählt, und ich möchte diejenigen Leser davor warnen, die eine Liebesgeschichte erwarten oder einen dieser unsäglichen unzähligen historisch angehauchten „Braut-wandert-aus“ Romane. Sechzig Lichter ist nichts davon. Es ist sperrig und zugleich unglaublich poetisch geschrieben. Es ist ein Roman über die Faszination der Bilder und der Geschichten, die aus ihnen sprechen. Über die Hingabe an die Fotografie und dem, was sie im Kern ausmacht: Das ungeschönte Konservieren von Stimmung, Atmosphäre und Emotionen.
Der Roman ist auch nicht umsonst zeitlich in den Anfängen der Fotografie angesiedelt, denn heutzutage kann ja jedes Telefon schon Fotos aufnehmen. Zur damaligen Zeit war ein einziges Foto mit einem riesen technischen und zeitlichen Aufriss verbunden, da musste man such schon gut überlegen, was und warum man fotografiert. Und dennoch nimmt Lucy ihre Fotografien so intuitiv wie möglich auf – ohne dabei etwas zu retuschieren, verstecken oder schönen zu wollen, denn das mit Makeln Behaftete fasziniert Lucy, es ist für sie menschlich (ähnlich wie bei der grandiosen Fotografin Diane Arbus): „Zufall und Irrtum. Das sind die schönen Dinge.“

Ich bin ebenso nur zufällig (durch einen Hugendubelgrabbeltisch) an dieses Buch geraten, und das sind ja bekanntlich oftmals die besten!


Gail Jones – Sechzig Lichter
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN 3423138475
224 Seiten
8,90 Euro

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Der Fall Collini

Nachdem mich von Schirachs Erzählbände Verbrechen und Schuld sehr beeindruckt hatten, war ich auf seinen ersten Roman natürlich sehr gespannt. Die Erwartungen waren hoch, und zumindest was seine Erzählkunst betrifft wurden sie auch erfüllt. Ich kann nur wiederholen, was ich schon zu Verbrechen gesagt habe: Präzise, schnörkellos und ungeschönt. Von Schirach sagt, was er zu sagen hat und lässt alles Überflüssige weg. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen haftet seinen Texten eine merkwürdige Poesie an, die mich beim Lesen in ihren Bann zieht.

Leider hat mich die Geschichte als solche eher gelangweilt, nachdem recht schnell klar wurde, worum es geht: Zunächst weiß man nur, dass ein betuchter älterer Herr, der sich in der Vergangenheit als erfolgreicher Unternehmer einen Namen gemacht hat, ohne erkennbaren Grund von einem ehemaligen italienischen Gastarbeiter  brutal ermordet wurde. Der Täter Collini streitet die Tat nicht ab, sondern stellt sich der Polizei, lehnt aber ansonsten jede Aussage oder Begründung ab. Der junge und noch unerfahrene, aber begabte Anwalt Caspar Leinen wird als sein Pflichtverteidiger bestellt. Er legt sein Mandat trotz erheblicher innerer Konflikte auch dann nicht nieder, als er erfährt, wer genau das Mordopfer war: Der Großvater seines verstorbenen Jugendfreundes, mit dessen Familie er aufgewachsen ist und mit der er nur gute Erinnerungen verknüpft. Er kann sich nicht vorstellen, was Hans Meyer getan haben könnte, um einen derartigen Hass auf sich gezogen zu haben. Zumal Collini hierzu zunächst hartnäckig schweigt.

Durch geschickte Recherchen findet Leinen schließlich doch die Verbindung. Es kommt zum Prozess, und weite Teile dieses Kurzromans sind Leinens Schilderungen vor Gericht. Er beschreibt weit zurückliegende Geschehnisse in den 40er Jahren, während des 2. Weltkrieges. Ab da habe ich innerlich nur noch mit den Augen gerollt, denn ganz ehrlich: ich finde Kriminalromane, die die deutsche Nazivergangenheit aufarbeiten sterbenslangweilig. Davon hat es genug gegeben, eine literarische Auseinandersetzung mit der Thematik mag vor 30 Jahren noch spannend gewesen sein, aber irgendwann muss es auch mal gut sein. Von Schirachs Roman bietet nichts Neues, auch die Herangehensweise an das Thema fand ich sehr einseitig und die unausgesprochenen Schuldzuweisungen doch etwas zu penetrant.

Schade, denn stilistisch ein kleines Meisterwerk bietet dieser Roman inhaltlich weder Neues, noch besonders Spannendes, sondern behandelt ein völlig ausgelutschtes Thema. Schirach hat hier vieles verschenkt, denn wie seine bisher veröffentlichten Kurzgeschichtenbände beweisen, ist er durchaus in der Lage, einen komplexen Fall auch psychologisch zu durchleuchten, ohne zu werten und ohne den Zeigefinger zu erheben.


Ferdinand von Schirach – Der Fall Collini
Piper Verlag, September 2011
ISBN 3492054757
208 Seiten
16,99 Euro

Erst in der Nacht

Mein Problem mit diesem Buch war vor allem die sehr, sehr sperrige Konstruktion und die unglaubliche Distanz, die die Autorin sowohl zwischen dem Leser und der Geschichte als auch zwischen den beiden Protagonisten schafft. Beigetragen zu dem nicht ganz so positiven Leseeindruck hat sicherlich auch der Verlag mit seiner Einordung des Buches als Liebes- oder doch zumindest erotischer Roman. Im Klappentext ist von Begehren und erotischer Anziehung die Rede, von extremen Gefühlen. Vielleicht habe ich nicht die Antennen für diese Art von Geschichte, vielleicht waren es einfach falsche Erwartungen, die mich enttäuscht haben. Gefühle sind bei mir kaum angekommen, Erotik ebenfalls nicht – allenfalls derber und primitiver Trieb.

Bereit gewesen wäre ich für vieles, aber für eins nicht: Für eine in meinen Augen völlig lieblose  und abgehackte Schilderung des inneren Erlebens zweier sehr schwieriger Menschen. Ich habe versucht, es als Experiment zu sehen, da ich derartiges bisher noch nie gelesen habe und auf die Geschichte als solche sehr gespannt war. Dennoch fiel es mir schwer, mich auf die Protagonisten und ihre Geschichte einzulassen: Erzählt wird im Präsens in der Ich-Form, und zwar von beiden Protagonisten, Manfred und Marina. Es wird weder typographisch noch sonst wie kenntlich gemacht, wer von beiden gerade berichtet. Trotzdem, und das muss man der Autorin zugute halten, weiß man spätestens nach 2 Sätzen eigentlich immer, wer gerade das Wort hat. Erschwerend kommt jedoch hinzu, dass auch zeitliche Rückblicke – und davon gibt es viele – ebenfalls im Präsens geschildert werden. Man könnte meinen, dass dadurch besonders viel Nähe zum Geschehen geschaffen wird, aber das ist nicht der Fall. Ich habe mich selten der Handlung so fern gefühlt und hatte selten derartige Schwierigkeiten, Zugang zu den Figuren zu finden wie bei diesem Buch.

Ich bin mir nicht sicher, ob das beabsichtigt war, aber beide waren mir dermaßen sperrig und unsympathisch, dass sie für mich keinerlei Identifikationspotenzial hatten. Marina ist eine nervöse, unsichere und fahrige Frau unbestimmten Alters. Sie ist verheiratet und hat einen zweijährigen Sohn, mit dem Sie Urlaub in den Bergen macht. Mit ihrem Sohn Marco ist sie ganz offensichtlich überfordert, hat Angst Fehler zu machen und fühlt sich von ihm eingeschränkt. Sie sagt, sie liebt ihn über alles, jedoch hatte ich nicht wirklich diesen Eindruck. Sie nennt ihn stets „das Kind“, was mich regelrecht abgestoßen hat. Ich fand sie ziemlich etepetete, ansonsten blieb sie mir fremd.
Der Vermieter der Ferienwohnung, Manfred, ist ein ungehobelter und wortkarger Bergbauer, der sich selbst der Nächste ist. Als Kind von der Mutter verlassen, als Erwachsener verließ ihn die Ehefrau und nahm die beiden Kinder gleich mit. Manfred ist verbittert, Frauen sind für ihn allerhöchstens Fleisch, an dem er ab und zu seine Lust befriedigen kann. Aber auch hier scheint er hin und her gerissen zwischen Trieb und Abneigung, ja Verachtung. Einzig Kindern gegenüber taut er ein wenig auf, aber auch ihnen verlangt er viel ab, will sie nicht verweichlichen. Alles in allem kein Mensch, für den ich besondere Sympathien aufbringen kann.

Die beiden leben also für mehrere Wochen nah  beieinander, einer beäugt den anderen misstrauisch, und die Verachtung, die beide füreinander empfinden, ist nicht zu übersehen.
Die vom Verlag beschriebene Anziehungskraft zwischen den beiden habe ich dagegen nicht gespürt, von Marina am allerwenigsten. Manfred hat ungeachtet all seiner Verachtung zumindest hin und wieder freundliche Gedanken für Marinas Beine über, bemängelt aber das nicht ausreichende Vorhandensein von Brust und Po. Also wenn das erotische Anziehung ist… okay. Insgesamt habe ich diesen Aspekt sowieso nur als Nebenhandlung empfunden, da alles, was geschieht nur in den Köpfen der Protagonisten stattfindet.
Spannend fand ich allenfalls streckenweise die Frage, wie und ob die beiden sich nochmals annähern, denn das zumindest suggeriert ja der Klappentext. Allerdings wurde auch das dann dermaßen flach und distanziert beschrieben, dass mich das Buch  ab einem gewissen Punkt eher gelangweilt als unterhalten  hat.

Bei einem Unfall in den Bergen wird Manfred so schwer verletzt, dass er Pflege benötigt. Ausgerechnet die Ehefrau kehrt zu ihm zurück – in diesem Moment wurde mir durch Marinas Eifersucht erstmals deutlich, dass auch sie Gefühle für Manfred hegen muss. Nie wird darüber jedoch ein Wort verloren. Nie hat sich mir erschlossen, was sie an diesem derben Klotz fand.
Das Ende des Buches hat mich wütend gemacht: Nach einem Zeitsprung von 15 Jahren sehen sich die beiden wieder, und beinahe kommt es auch endlich zu dem anscheinend von beiden immer ersehnten sexuellen Kontakt. In dessen Verlauf zeigt sich Manfred dann aber erneut derart ruppig, egozentrisch und völlig bar jedes menschlichen Gefühls, dass ich mich gefragt habe, wieso er nicht einmal über seinen Schatten springen kann, wenn er Marina doch angeblich so sehr begehrt. So aber blieb er sich selbst bis zum Schluss der Nächste.

Ich habe bestimmt keinen Kitsch a la Nora Roberts erwartet oder gewollt. Aber dargestellt wurde in meinen Augen in diesem Roman keine Liebe, keine Anziehungskraft und auch kein Begehren. Es geht um zwei Menschen, die nur  jeweils sich selbst kennen, die im Grunde ihres Herzens Misanthrop sind, die von einer nicht näher bestimmten Lust/Geilheit/Begierde/Wasauchimmer getrieben werden, dabei aber im Grunde sich selbst stets die Nächsten sind. Wobei ich gestehen muss, dass die Figur der Marina bzw. ihre Motive mir völlig fremd blieben, das oben Gesagte gilt daher primär für Manfred.

Wenn wenigstens die Sprache nicht so unfassbar sperrig gewesen wäre, so distanziert und damit die Geschichte einfach anders erzählt worden wäre, hätte mir der Roman bedeutend besser gefallen können. Selten habe ich eine derart deprimierende und prosaische Schilderung über die Beziehung zweier Menschen gelesen! Die Grundidee fand ich an sich nicht so schlecht, aber dieser Telegrammstil hat mir auch diese komplett vergällt. Mich hat der Roman, das muss ich ganz ehrlich sagen, in erster Linie abgestoßen, und ich kann dem Buch daher nicht wirklich etwas abgewinnen.

Cristina Comencini – Erst in der Nacht
Piper Verlag, Juni 2011
ISBN 349225960X
256 Seiten
9,95 Euro

Lokalhelden

Eigentlich steh ich ja total auf solche Coming of Age Romane. Beispiele für sehr gelungene Vertreter dieses an sich absolut coolen Subgenres: Im Jahr der Weiber (70er) und Haarweg zur Hölle (80er). Jörg Harlan Rohleder legte nun mit seinen Lokalhelden einen Roman über das Erwachsenwerden in den 90ern vor. Ich bin selbst als Thirtysomething in etwa derselbe Jahrgang wie der Autor –  passt also!
So dachte ich zumindest.

Es passte für mich leider überhaupt nicht, ich fand das Buch sehr enttäuschend. Zwar fängt es gut an, aber der Autor macht es sich ein bisschen einfach, indem er einfach alles so weiterlaufen lässt wie am Anfang: Das Buch ist nichts anderes als eine mit Lokalkolorit angereicherte Aneinanderreigung von  ausgesprochen langweiligen Schilderungen übers Saufen, Kiffen, Mädchen, Schule, Skaten und W.ichsen. Das Ganze spielt sich grob zwischen 1991 und 1996 im Dreieck Echterdingen-Stuttgart-Stetten ab. Protagonisten (wenn man das so nennen will) sind der Ich-Erzähler „Schmall“ und seine Kumpels Enni und Brownsen. Wobei letztere noch halbwegs gut gezeichnete Figuren sind, Schmall aber bleibt seltsam blass.

Es wird viel Bezug genommen auf die Musik der 90er sowie auch bestimmte zeitgeschichtliche Eckdaten wie zB der Freitod von Kurt Cobain oder der Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn. Was ich eigentlich sehr mochte, aber das anfängliche „Hachja!“-Gefühl bei der Erwähnung von Musikbands und Fernsehserien aus der damaligen Zeit bleibt schnell aus, weil dazwischen einfach nichts wirklich Nennenswertes passiert, wie oben schon erwähnt. Trauriges Highlight ist der tragische Drogentod eines entfernten Kumpels unseres Dreiergespanns. (Nicht unerwähnt bleibt natürlich, dass Schmall anschließend gleich mal mit dessen Freundin ins Bett geht und was genau sie da anstellen. Hab mich selten so gelangweilt!)

Dem Buch geht sowas wie ein Spannungsbogen völlig ab, alles plätschert so vor sich hin, und man fragt sich die ganze Zeit, ob noch was kommt oder nicht. Nachdem ich mich durch die knapp 270 Seiten durchgequält habe, muss ich leider sagen: Es kommt nichts mehr!
Zurückgeblieben bin ich mit einem Gefühl von „Was will uns der Autor damit sagen?“ Soll das eine Studie über die MTV-Generation sein? So langweilig waren die 90er doch nun auch wieder nicht! Will er die Inhaltsleere oder die Aussichtslosigkeit einer ganzen Generation anprangern mit seinen unfassbar nichtssagenden Protagonisten, die keine Ziele haben und für die es keinerlei Gesprächsthemen gibt als W.ichstechniken, Skateboards und Musik? Dafür hat er selber die Kurve dann ja ganz gut gekriegt mit Politikwissenschaftsstudium in London und Chefredakteurposten bei einer Musikzeitschrift.

Mich hat das Buch enttäuscht, außer einem klein wenig Nostalgiegefühl konnte ich für mich den Lokalhelden nichts abgewinnen. Es fehlt an Reflexion und Tiefgang – schade! Gute Idee nämlich, aus der man sicher mehr hätte machen können.

Jörg Harlan Rohleder – Lokalhelden
Piper Verlag, Dezember 2010
ISBN 349205384X
276 Seiten
16,90 Euro

Elli gibt den Löffel ab

Selten blödes Buch! Titel, Beschreibung und Cover ließen einen schwung- und humorvollen Roman im Stile der „Papa“-Bücher von Dora Heldt erwarten. Leider habe ich für meinen Geschmack gar nichts davon bekommen. Leider schon wieder schlechtes Verlagsmarketing, das übers Ziel hinausschießt und den Leser bloß enttäuscht. Leider falle ich immer wieder drauf rein. Schon der Schreibstil ist unheimlich hölzern und wirkt sehr gekünstelt. Die Figuren, allen voran Elli, wirken wie gewollt und nicht gekonnt, und auch die Handlung will nicht so recht in die Gänge kommen. Ich vermisse Schwung & Schmackes, statt dessen plätschert alles so vor sich hin.

Elli ist völlig überzeichnet, wird mit ihren gerade mal 60 Jahren (ich finde das nicht wirklich „alt“!) als tattrige Alte dargestellt – völlig an der Realität vorbei! Humorvoll fand ich das Buch überhaupt nicht bzw WENN es das ist, dann gehts leider knapp an meinem Komikzentrum vorbei. Das Lustigste war noch der Buchtitel.

Erst ganz am Schluss kommt allmählich etwas Fahrt auf, und wenn man sich bis dahin durchgegähnt hat, so bekommt man wenigstens den Eindruck einer verschmitzten und lebensbejahenden Dame, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Fragt sich nur, wieso das nicht gleich so sein konnte und der Leser mit gut 300 Seiten Gejammer gelangweilt werden musste.

Herbe Enttäuschung, den Vergleich mit Dora Heldt kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

Tessa Hennig – Elli gibt den Löffel ab
List Taschenbuch Verlag, März 2011
ISBN 3548610498
384 Seiten
8,99 Euro