Gabriel’s Inferno

Diese zweiteilige Serie (bisher nicht in deutscher Sprache erschienen) wird in amerikanischen Bloggerkreisen mehr oder weniger einstimmig als das bessere/niveauvollere Fifty Shades gehandelt, und so musste ich das natürlich lesen. Die Ähnlichkeiten beschränken sich inhaltlich auf die Konstallation der Hauptcharaktere so wie gewissen Eigenschaften der beiden. Ähnlich ist in beiden Büchern vor allem die Intensität der Beziehungen.

Um es vorwegzunehmen: Mir persönlich hat dieses Buch in der Tat sogar eher besser gefallen als Fifty Shades, was vor allem daran lag, dass diese etwas unglaubwürdige BDSM-Kiste komplett wegfiel. Auch Gabriel Emerson ist zwar wie Christian Grey wohlhabend, charmant, kultiviert und so ein bisschen „bossy“ und in allem was er tut sehr souverän und kompetent. Aber tatsächlich das Buch sprachlich auf ganz anderem Niveau angesiedelt und hat auch auf gewisse Weise mehr Tiefe als Fifty Shades.

Es ist eine verbotene Liebesgeschichte zwischen einer Studentin der italienischen Literatur und ihrem Professor, einem Dante Spezialisten. Wobei hier nicht die Problematik im Vordergrund steht, dass Schülern und Lehrern eine Beziehung zueinander von Seiten der Universität untersagt ist, sondern vielmehr die inneren Konflikte beider Hauptfiguren, mit denen sie sich selbst und auch ihrer Beziehung zueinander im Weg stehen.
Professor Gabriel Emerson ist Anfang 30, gutaussehend und smart (habe mich auf der Stelle in ihn verknallt, also jetzt mal ganz wirklich!), klug und kultiviert. Und ein ganz toller Hecht, dem die Frauen aus offensichtlichen Gründen nur so zu Füßen liegen, der jede haben kann und auch schon etliche hatte. Dabei bleibt er immer ein bisschen unnahbar und ist unter seinen Studenten als sehr streng bekannt.
Julianne dagegen ist ganz die Unschuld vom Lande und Typ sehr scheues Reh. Nachdem er sie ein paar Wochen lang herablassend behandelt und sogar beschimpft und beleidigt hat, obwohl er sich eigentlich unterschwellig auch magisch von ihr angezogen fühlt, finden „Dante & Beatrice“ (in Anlehung an beider Forschungsthema, auf welches sich auch der Romantitel Bezieht) schließlich doch noch zueinander. Diesen Part und die Vorgeschichte, zu der ich allerdings nichts spoilern möchte, fand ich eigentlich am schönsten, da ich die Konflikte hier noch am ehesten nachvollziehen konnte.

Aber damit gehen die Probleme dann erst so richtig los, denn trotz aller erotischen Spannung: die angesprochenen Konflikte müssen bewältigt werden, und das reißt Wunden auf und erfordert Vertrauen. Zudem ist Julianne mit ihren 23 Jahren noch jungfräulich, und im Prinzip arbeiten die beiden locker 350 Seiten lang systematisch auf Julias Entjungferung hin. Immer wieder wird davon gesprochen und immer wieder reicht entweder das Vertrauen noch nicht aus oder muss irgendwas ganz wichtiges vorher diskutiert werden. Denn man muss sich ja gut kennen, bevor sowas passiert, völlig egal, wie scharf man eigentlich aufeinander ist.
Spricht auch im Prinzip nix dagegen! Anfangs fand ich das auch irgendwie noch (be-)rührend. Aber ich muss sagen: Ich persönlich hätte ein bisschen mehr Sex und ein bisschen weniger Gequatsche ganz gut gefunden. Wir reden hier immerhin von satten 500 Seiten. Trotzdem faszinierend, wie unglaublich sexy das Buch ist, obwohl wirklich gar nichts „passiert“! Alles auf rein verbaler Ebene, und die Ansichten des Professors über Liebe, Lust, Freundschaft und Hingabe waren sehr anders und irgendwie auch angenehmer als das ewige Gepoppe in Fifty Shades.

Zunehmend nervig fand ich Julias extreme Keuschheit. Es wird zwar angedeutet, dass sie in der Vergangenheit Erfahrungen mit physischem und psychischem Missbrauch gemacht hat, aber mir war das ein klein wenig zu dick aufgetraten: Sie lässt sich willig von ihrem Professorenfreund knutschen, zuckt aber gepeinigt zurück, wenn er sie durch die Kleidung hindurch an der Brust berührt. Dezente Aktfotografie an den Wänden findet sie fürchterlich anstößig, und andauernd schlägt sie züchtig die Augen nieder (andererseits wieder schmachtet sie heimlich den offenbar sehr ansehnlichen Pops des Professors an…). Am liebsten hätte ich manchmal gesagt „Mädel, jetzt geh mal kurz beiseite, ich mach das hier mal eben!“

Zwischen lauter Liebesschwüren und den Versuchen des Professors, Julianne zu beweisen, dass er trotz seines bisherigen promiskuitiven Lebenswandels aufrichtig liebt und sie ihm gut tut wäre es mir vermutlich doch bald langweilig geworden, denn so sexy der Professor auch ist und so tolle Dinge er immer sagt – das reicht mir auf Dauer nicht. Spannung baute sich dadurch auf, dass Gabriel wiederholt andeutet, dass es in seiner Vergangenheit Dinge gegeben hat, die ihn für Julianne „unwürdig“ machen, die sie ihm nicht verzeihen könne. Ich habe ewig herumgerätselt, was das sein könnte und konnte das Buch deswegen teilweise bis morgens um 4 nicht aus der Hand legen! Als das geheimnisvolle Gehemins dann endlich gelüftet wurde, war es mir eigentlich fast schon zu unspektakulär, aber ich hatte Gabriel so ins Herz geschlossen, dass es mir andererseits auch egal war ;-) Und trotz allem Pathos wars irgendwie auch rührend, wie der arme Mann sich so lange damit herumgequält hat *schneuz*

Leider war der Schluss für mich dann eindeutig zu kitschig und hat mir das Buch auch ein wenig verdorben. Dieses ewige Gewese um Julias „erstes Mal“. Ich weiß nicht, vielleicht bin ich inzwischen einfach zu alt für sowas, aber ich fand das in dem Maße nicht mehr romantisch, sondern nur noch albern und nervig. Seitenweise Vorspiel und Liebesschwüre und Bloß-vorsichtig-sein und Ich-liebe-dich-so-sehr und Ich-will-dir-wirklich-nicht-wehtun. Schön und gut,  aber die ist doch nicht aus Zucker, man kann auch alles übertreiben. Mir persönlich wars einfach ein wenig zu kleinmädchenhaft und keusch. Vorbei wars dann für mich beim Bestehen Gabriels auf einer Ibuprofen (!!) für die soeben frisch Deflorierte, obwohl diese im postkoitalen Glücksrausch versichert, dass es wirklich nur ein ganz kleines bisschen gezwickt hat. Also mal mal ehrlich!

Trotz aller Kritik muss ich unterm Strich sagen, dass ich das Buch sehr mochte und auch bereits Teil 2 in den Startlöchern habe. Es ist ein Buch zum Fallenlassen, zum Hachachach-Machen, und der Professor ist ne geile Sau ein wirklich smarter und angenehmer Mann nach meinem Geschmack. Über das, was mir weniger gefiel, konnte ich die meiste Zeit hinwegsehen.
Gabriel’s Inferno hat eine gute Mischung aus Romantik, Erotik (und die spielt sich was ausschließlich verbal ab, was ich eigentlich sogar gut fand zur Abwechslung!), Kultur und „Twisted Characters“, diesem Böser-Wolf-vs.-Lämmchen-Schema, das anscheinend derzeit so in Mode ist und das die Amis mit „Angsty“ bezeichnen. Es gibt viele Parallelen und Anspielungen zu Literatur, Kunst und Musik, das Buch ist offensichtlich sehr gut recherchiert worden. Es geht um die Frage nach Vertrauen und Hingabe und wie diese beiden zusammenhängen. Um die Differenzierung von Lust, Begehren, Erotik, Sex und Liebe. Im Grunde geh ich auch konform mit den Ansichten des Autors (das ist doch ein Pseudonym?! Ich kann mir irgendwie gar nicht vorstellen, dass das ein Mann geschrieben hat). Allerdings finde ich das einfach normal, dass man sich in einer Beziehung vertraut und gegenseitig öffnet. Dass man auch Fehler zugibt und eventuelle Erlebnisse aus der Vergangenheit bespricht. Der Trick bei diesen „Angsty“ Bühern besteht wohl einfach darin, dass diese Punkte überbetont und breit getreten werden, so dass es dann immer besonders dramatisch wirkt, wenn die beiden dann trotz aller Widrigkeiten und trotz der potenziellen Gefahr, die vom männlichen Helden ausgeht, zueinander finden.

Ich sach ma: Wer Fifty Shades gut fand, sollte es mit Gabriel’s Inferno ruhig mal versuchen. Alle anderen wohl besser nicht ;-)

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3 Kommentare zu “Gabriel’s Inferno

  1. „Fifty Shades“ fand ich ziemlich gut, obwohl manchmal ein bisschen zu naiv und künstlich gleichzeitig. Das hier klingt interessant aber ich kann mir schon von deiner Beschreibung vorstellen, dass ich die Hauptfigur hassen würde :), was mich total blockiert beim Lesen – ich lese grade „Die Wand“ von Marlen Haushofer, total spannendes und gut geschriebenes Buch aber die Protagonistin wikt so unsympatisch, dass ich Schwierigkeiten habe, weiter zu gehen. Passiert dir auch sowas manchmal?

    • Welche Hauptfigur, die männliche oder die weibliche? Den Professor mochte ich, obwohl er mir gegen Ende einfach zu waschlappenmäßig wurde im Vergleich zum Anfang. Julianne war mir tatsächlich nicht übermäßig sympathisch, die war mir einfach zu blass und zu passiv und zu brav. Ich kenn das schon, dass ich ein Buch dann nicht gerne lese, wenn ich die Figuren nicht mag, aber solange das nur eine ist und die Story ansonsten stimmt, lese ich dann auch weiter.

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