11.22.63 / Der Anschlag

Eins dieser sehr raren Bücher, die man am Ende zuklappt und erstmal tief ausatmen muss. Weil man noch völlig benommen ist von der Wucht der Worte und der Geschichte. Weil man nicht möchte, dass es schon vorbei ist (obwohl über 800 Seiten nun auch wahrlich nicht gerade wenig sind). Und weil man eigentlich auch gar nicht glauben kann, was man da alles durchlebt hat mit dem Charakteren.

11.22.63 (Deutscher Titel Der Anschlag) ist kein Buch über den Mord an John F. Kennedy. Dieses Ereignis wurde wohl deswegen zur Darstellung dieser Raum-Zeit-Thematik gewählt, weil es noch nicht zu lange her ist und weil es in den Köpfen vieler Amerikaner immernoch ein gewisses Trauma darstellt. Das Buch zentriert sich vor allem um die Frage: Wie  hängen kleinste Ereignisse miteinander zusammen, und ist es richtig , darauf Einfluss zu nehmen?
22.11.63 ist ein bisschen wie Die Frau des Zeitreisenden meets Friedhof der Kuscheltiere. Ein bisschen Liebesgeschichte, ein bisschen Alternate History, ein bisschen subtiler Grusel, ein kleiner Schwenk in Richtung Dystopie. Und vor allem: Ganz große King’sche Erzählkunst!
Am Anfang tat ich mich noch sehr schwer mit dem doch sehr ausschweifenden Erzählstil (obwohl das bei weitem nicht mein erstes King Buch war, aber das erste nach langer Zeit), aber nach etwa 150 Seiten habe ich beschlossen, mich einfach tragen zu lassen von diesem unaufgeregten und fließenden Erzähstil, ja beinahe Plauderton. Denn mit fortschreitender Handlung entwickelt dieses Buch einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. King beschwört Emotionen  herauf, positive wie negative, wie es nicht viele Schriftsteller können.

Selten einen so sympathischen Helden gehabt wie den jungen Lehrer Jake Epping, der die Geschichte selbst aus seiner Sicht erzählt. Der von einem älteren und todkranken Freund Al gebeten wird, dessen Lebenswerk für ihn zu vollenden: Durch eine Zeitspalte ins Jahr 1958 zu gehen und dort 5 Jahre zu bleiben, um 1963 die Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedys zu verhindern. Al glaubt, dass (gemäß dem Butterfly Effect) Kennedys Ermordung die Weltgeschichte langfristig gesehen zum Schlechteren gewendet hat und möchte dies umkehren. Durch die hinter Als Küche gelegene Zeitspalte gelangt man stets zum 9. September 1958, und wenn man auf dem selben Weg wieder in die Gegenwart zurückkehrt, sind hier stets nur 2 Minuten vergangen. Dies ist beliebig wiederholbar, und jede erneute Reise zurück in die Vergangenheit führt zu einem kompletten „Reset“.
Soweit die Spielregeln. Jake sagt für diese Mission zu und trifft im Jahre 1958 zunächst in der Kleinstadt Derry auf alte Bekannte eingefleischter King-Leser, nämlich Figuren aus einem seiner bekanntesten Romane:  „ES“. Diese Referenz war (ich kenne das Buch) durchaus interessant, aber in meinen Augen jetzt nicht so arg wichtig für die eigentliche Geschichte, wenn man mal von den Parallelen absieht, die King zieht: ES ist genauso unabwendbar wie die Vergangenheit, die sich mit aller Macht dagegen wehrt, verändert zu werden.
Mit dieser Schwierigkeit sieht sich Jake oft konfrontiert, der es schafft, sich in der „Vergangenheit“, die für ihn schnell zum Jetzt wird, schnell ein neues Leben aufzubauen. Er findet einen Job als Lehrer, engagiert sich, ist bei Freunden und Kollegen sehr beliebt und findet auch die Liebe, als die neue Kollegin Sadie in sein Leben tritt. Sadie vertraut Jake, obwohl sie mehrmals beklagt, nichts über seine Vergangenheit zu wissen und obwohl er mehrfach andeutet, dass er darüber auch nichts sagen könne. Sie spürt jedoch, dass irgendwas nicht ganz in Ordnung ist, denn „He reminds me of a ghost: He’s bright and shiny, but not all there.“

Als Sadie von einem schweren Schicksalsschlag getroffen wird, widersteht Jake nur mühsam der Versuchung, wieder durch sein „Rabbit Hole“ ins Jahr 2011 zurückzugehen und dann erneut zurück in die Vergangenheit. Denn jede Zeitreise setzt alles bisher Gewesene zurück. Er könnte Sadie vor ihrem Unglück bewahren. Das hat mich thematisch stark an Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ erinnert, denn auch hier setzt sich ein Mann aus Liebe über eine Grenze hinweg, die man nicht überschreiten sollte: Den Tod.
Insgesamt sehe ich viele Parallelen zwischen diesen beiden Büchern (die ich persönlich übrigens für die besten von King halte (oder die besten, die ich gelesen habe, aber das waren viele). Grundaussage ist bei beiden: Es gibt Dinge, die sind unabänderlich oder sollten es zumindest bleiben. Es hat einen Grund, wieso der Tod ein Geheimnis ist. Und es hat auch einen Grund, wieso die Zeit immer nur vorwärts geht, aber nie rückwärts: „The past is obdurate. When you try to change the past, it bites. It’ll tear your throat out if you give it the chance.“

Etwas ermüdend und langatmig fand ich den sachlicheren Teil des Buches, nämlich die Observation des mutmaßlichen Kennedymörders Lee Oswald. Für meinen Geschmack war das alles zu raumgreifend, aber man merkt, dass King Spaß daran hatte, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen und viel recherchiert hat. Ob Jake diese eigentliche Mission, die Ermordung Kennedys zuverhindern, erfüllen kann, möchte ich hier nicht verraten. Viel wichtiger ist aber auch die Erkenntnis, dass die Zukunft nicht vorhersagbar ist. Selbst mit dem Wissen, was an einem bestimmten Tag in der Vergangenheit geschiehrt und mit der Möglichkeit, dies rückgängig zu machen – es passieren immer neue Dinge. Und selbst wenn man eine Katastrophe verhindert, kann es gut sein, dass man damit gemäß dem Butterfly Effect eine andere Katastrophe auslöst. Die Sache mit dem Butterfly Effect ist ein Punkt, mit dem King viel gespielt hat in diesem Buch. Ich habe oft innegehalten beim Lesen und nachgedacht, dieses „Was wäre wenn?“ entwickelt einen unglaublichen Sog.

Der Buch ist streckenweise durch seine Düsternis und die beklemmende Atmosphäre sehr verstörend, aber der Schluss hat mich dann doch wieder versöhnt. Geständnis: Ich habe bei den letzten Seiten furchtbar geweint. King hat mal in einem Interview gesagt, er könne keine Liebesgschichten schreiben. 22.11.63 ist der Gegenbeweis, die Liebe zwischen Jake und Sadie ist eine der schönsten, die mir je in Romanen begegnet sind, denn dort spielt Zeit keine Rolle: „I believe that love is a uniquely portable magic. I do believe that blood calls to blood, and mind calls to mind and heart to heart.“

Und so ist es.

Unbedingte Leseempfehlung, dies war mit Abstand das beste und anspruchsvollste Buch, das ich seit langem gelesen habe.

Englische Ausgabe: 22.11.63
Deutsche Ausgabe: Der Anschlag

14 thoughts on “11.22.63 / Der Anschlag

  1. Wenn mir der King nicht so schwerfallen würde, würde ich das direkt jetzt auf der Stelle lesen. Hab ich nämlich auch noch auf meinem kindle-SUB.

    • Aber lohnt sich! (Wobei das ja auch Geschmackssache ist)
      Versteh aber dass man sich da schwer tut. King schreibt schon manchmal etwas sperrig, un dich hab auch schon etliche Bücher von ihm abgebrochen und später nochmal neu angefangen.

    • Ich bin sicher, du wirst es lieben!
      Ich konnte tagelang nichts anderes lesen, weil ich eigentlich nur „zurück“ wollte (wie passend irgendwie).

  2. Einerseits schöne Rezension, andererseits: Grrrrh! Ich hatte mir gerade noch Einkaufsverbot für den Kindle gegeben. Aber da ich schon länger mit dem Buch liebäugel, muss es wohl nun dran glauben. Ich bin gespannt – mir geht’s mit King immer ähnlich: Ganz früher habe ich alles verschlungen, dann ging gar nix mehr. Heute breche ich entweder das Buch ab oder mag es meistens sehr.

    Danke für den tollen Leseeindruck!

    • Jap, genau wie bei mir! Früher jedes Buch ein Volltreffer, aber dann… Ich glaube, nach „Das Mädchen“ hab ich aufgegeben, danach fand ich das meiste nur noch blöd. Er schreibt halt auch sehr ausschweifend, und wenn man das Buch dann nicht so mag, nervt dieser Stil nur, weil man so auf der Stelle tritt. Bei dem hab ich mich anfangs auch ein wenig zusammenreißen müssen, aber da lag mir einfach auch das Thema (Zeitreise, Kennedy usw). Und es hat wirklich gelohnt. Ich hoffe, du magst es auch!

  3. Hey, ich habe die englische Edition kürzlich auch bestellt und werde es bald in meinen zweiwöchigen Urlaub mitnehmen.:) Ich habe schon lange kein so dickes Buch mehr gelesen und habe auch befürchtet, dass mich über die weite Strecke nicht alle Passagen packen werden, aber deine Rezi macht einen ja echt gespannt darauf. Mir hat ehrlich gesagt schon die erste Seite mit den Zitaten gefallen, besonders das japanische.;)

    • Vor allem auf das 2. und 3. Zitat wird im Buch auch noch mal direkt Bezug genommen :)
      Mich schrecken so dicke Bücher auch immer ab, und ich finde, kein Buch MUSS 850 Seiten lang sein ;) Man hätte da auch deutlich kürzen können. Aber gut, er hat gesagt, was er zu sagen hatte, und vieles davon war auch wirklich klasse. Ich fand nur diese eeewiglangen Beobachtungen zu Oswalds Leben etwas too much, da hab ich dann irgendwann auch vieles überflogen und hatte nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

  4. Stephen King habe ich seit ewig nicht mehr gelesen. Sind mir auch nur die Klassiker aus den 80er bekannt. Deine Rezension macht mich nun aber neugierig… vielleicht hab ich was wohl verpasst??

  5. definitiv mein buch des jahres, wenn auch das jahr noch nicht vorbei ist und ich viel gutes gelesen habe. und ich war nie king fan. jetzt bin ich es !

    • Kann ich gut verstdehen! :-) Hat bei mir auch beste Chancen auf den Titel Buch des Jahres. Ich wüsste jetzt nicht, was ich dieses Jahr noch gelesen habe, das mich derart gefangen genommen hat.
      Kennst du Friedhof der Kuscheltiere? Das ist mein ältestes und auch liebstes King Buch (und eins meiner meistgelesenen Bücher überhaupt). Das geht auch so ein klein wenig in diese Richtung wie 11.22.63, wenn ich auch finde dass der Schreibstil heute etwas gereifter ist.

  6. Tatsache ist, dass King in „Der Anschlag“ das tut, was er immer getan hat: eine gute Geschichte erzählen. Das Buch ist eine Hommage an die 50er und 60er und ergänzt auf diese Weise eine Rückwärtsgewandheit, eine nostalgische Sehnsucht nach der Vergangenheit, die man von TV-Serien wie „Mad Men“ oder Woody Allens „Midnight in Paris“ kennt. Immer wieder wird die Geschichte mit Beschreibungen der Zeit angereichert, man hört „Mr. Sandman“ von The Chordettes im Hintergrund, Rock ’n Roll macht sich gerade erst daran, die Kinder zu verderben. Aber ähnlich wie in „Mad Men“ brodelt es unter der Oberfläche, die „gute alte Zeit“ ist auch nur ein Mythos, den King geschickt und an vielen Stellen gefühlvoll aufdröselt.

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