Before I go to sleep

Ich möchte für dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen!
Es lag bei Hugendubel auf einem Stapel englischsprachiger Sonderangebote, und mich sprach zunächst die Covergestaltung an. Der Klappentext verriet, dass es sich um genau mein Beuteschema handelt, denn ich liebe Krimis um vermisste, verschollene oder vergessene Personen.

In diesem Falle geht es um einen Gedächtnisverlust, der der Protagonistin zu schaffen macht. Christine Lucas leidet an einer besonders schweren Form der Amnesie: Ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert nur solange sie wach ist. Legt sie sich über Nacht zum Schlafen hin, ist am  nächsten Morgen alles wieder verschwunden, und sie wacht Tag für Tag erneut auf, nicht wissend, wer der Mann neben ihr ist und erstaunt darüber, dass ihr aus dem Spiegel eine Mittvierzigerin entgegen blickt statt einer jungen Frau in den Zwanzigern.

Die Schwere dieses Gedächtnisausfalles sowie auch die eindringliche Perspektive – erzählt wird aus Christines Sicht in der Ich-Form (ich liebe Icherzählungen!) haben mich sofort gefesselt. Da ja streng genommen keine Handlung im eigentlichen Sinne stattfinden kann, wenn die Protagonistin jeden tag neu beginnen muss und nicht mehr weiß, was am vorherigen passiert ist,  hat sich der Autor eines guten Kunstgriffes bedient: Christine schreibt ein Tagebuch, in dem sie akribisch alles festhält, was sie erlebt  und über ihr bisheriges und aktuelles Leben erfahren hat. Zu diesem Tagebuch hat sie der junge Psychiater Dr. Nash ermuntert, de sie täglich anruft und ihr sagt, wo sie das Buch findet und sie ans Schreiben erinnert. Sie beiden treffen sich auch regelmäßig zu Therapiesitzungen, denn Nash ist der Meinung auch Christine könne nach 18 (!!) Jahren Amnesie noch geholfen werden.

Angenehm schnörkellos und sehr eindringlich lasst Watson Christine Ausschnitte ihres Lebens beschreiben, ihre Gefühle und immer mehr auch ihr Misstrauen und ihre Vermutung, dass irgendetwas nicht stimmt mit der Geschichte, die ihr Mann Ben ihr erzählt. Zu konstruiert scheint manches, zu glatt ihre Vergangenheit.
Der Clou ist, dass man als Leser keinen Schritt voraus ist, da ausschließlich von Christine erzählt wird. Man wird immer mehr hineingezogen in diesen Strudel aus Ungereimtheiten und ist nicht sicher, wer von den wenigen Personen,  mit denen Christine zu tun hat, lügt und wer etwas um jeden Preis verbergen möchte. Der Schluss ist nachvollziehbar und im Rahmen dieser unglaublichen Geschichte auch logisch und schlüssig.

Der Roman hat einige Längen, ist aber insgesamt unglaublich spannend! Man muss sich einlassen können und wollen auf diese etwas ungewöhnliche Konstruktion, die im Kern an „Täglich grüßt das Murmeltier“ erinnert. Jedoch hat Watson dies in seinem wie ich finde überragenden Debütroman wirklich geschickt gelöst. Zugegeben: Wirklich thrillermäßige  Hochspannung entwickelt das Buch erst etwas ab dem letzten Drittel, aber mich hat das nicht gestört, da ich andere Aspekte des Romans noch viel spannender fand. Ich mochte Christine sofort und habe mit ihr gelitten und getrauert um diese 18 verlorenen Jahre ihres Lebens, von denen sie nichts weiß. Das Buch bearbeitet sehr stark die Frage, was einem Menschen eigentlich noch bleibt, wenn er keinerlei Erinnerungen mehr hat. Weder an Großteile seines eigenen Lebens, noch an die Personen, die er kennt und die ihn geprägt haben. Was bleibt, wenn man nicht mehr weiß, wen man liebt und warum? Wenn man nicht weiß, warum man der Mensch geworden ist, der man ist?

Ein eindringliches und kluges Buch mit viel Tiefgang, das mehr ist als ein Thriller (ich kann die vielen negativen Stimmen auf Amazon irgendwie überhaupt nicht nachvollziehen.)


SJ Watson – Before I Go To Sleep
Doubleday
ISBN 0857520172
368 Seiten
9,30 Euro

In deutscher Sprache: Ich. Darf. Nicht. Schlafen.

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