Der Fall Collini

Nachdem mich von Schirachs Erzählbände Verbrechen und Schuld sehr beeindruckt hatten, war ich auf seinen ersten Roman natürlich sehr gespannt. Die Erwartungen waren hoch, und zumindest was seine Erzählkunst betrifft wurden sie auch erfüllt. Ich kann nur wiederholen, was ich schon zu Verbrechen gesagt habe: Präzise, schnörkellos und ungeschönt. Von Schirach sagt, was er zu sagen hat und lässt alles Überflüssige weg. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen haftet seinen Texten eine merkwürdige Poesie an, die mich beim Lesen in ihren Bann zieht.

Leider hat mich die Geschichte als solche eher gelangweilt, nachdem recht schnell klar wurde, worum es geht: Zunächst weiß man nur, dass ein betuchter älterer Herr, der sich in der Vergangenheit als erfolgreicher Unternehmer einen Namen gemacht hat, ohne erkennbaren Grund von einem ehemaligen italienischen Gastarbeiter  brutal ermordet wurde. Der Täter Collini streitet die Tat nicht ab, sondern stellt sich der Polizei, lehnt aber ansonsten jede Aussage oder Begründung ab. Der junge und noch unerfahrene, aber begabte Anwalt Caspar Leinen wird als sein Pflichtverteidiger bestellt. Er legt sein Mandat trotz erheblicher innerer Konflikte auch dann nicht nieder, als er erfährt, wer genau das Mordopfer war: Der Großvater seines verstorbenen Jugendfreundes, mit dessen Familie er aufgewachsen ist und mit der er nur gute Erinnerungen verknüpft. Er kann sich nicht vorstellen, was Hans Meyer getan haben könnte, um einen derartigen Hass auf sich gezogen zu haben. Zumal Collini hierzu zunächst hartnäckig schweigt.

Durch geschickte Recherchen findet Leinen schließlich doch die Verbindung. Es kommt zum Prozess, und weite Teile dieses Kurzromans sind Leinens Schilderungen vor Gericht. Er beschreibt weit zurückliegende Geschehnisse in den 40er Jahren, während des 2. Weltkrieges. Ab da habe ich innerlich nur noch mit den Augen gerollt, denn ganz ehrlich: ich finde Kriminalromane, die die deutsche Nazivergangenheit aufarbeiten sterbenslangweilig. Davon hat es genug gegeben, eine literarische Auseinandersetzung mit der Thematik mag vor 30 Jahren noch spannend gewesen sein, aber irgendwann muss es auch mal gut sein. Von Schirachs Roman bietet nichts Neues, auch die Herangehensweise an das Thema fand ich sehr einseitig und die unausgesprochenen Schuldzuweisungen doch etwas zu penetrant.

Schade, denn stilistisch ein kleines Meisterwerk bietet dieser Roman inhaltlich weder Neues, noch besonders Spannendes, sondern behandelt ein völlig ausgelutschtes Thema. Schirach hat hier vieles verschenkt, denn wie seine bisher veröffentlichten Kurzgeschichtenbände beweisen, ist er durchaus in der Lage, einen komplexen Fall auch psychologisch zu durchleuchten, ohne zu werten und ohne den Zeigefinger zu erheben.


Ferdinand von Schirach – Der Fall Collini
Piper Verlag, September 2011
ISBN 3492054757
208 Seiten
16,99 Euro