Dunkler Wahn

Es gibt Bücher, bei denen ärgere ich mich am Schluss, für eine derart verworrene und unlogische Story so viel Zeit verschwendet zu haben. Dieses Buch war so eins. Ja, ich muss sagen, ich fühle mich regelrecht getäuscht. Denn eigentlich fing es an sich ganz gut an und hat einen Plot, der sehr viele Möglichkeiten bietet: Eine Stalkerin stellt dem Psychiater Jan Forstner nach, terrorisiert ihn mit Anrufe, Briefen, Rosensträußen und makaberen Zeichnungen. Forstner versucht zunächst, ganz der patente Stardoktor, das Ganze rational-analytisch anzugehen und schenkt den Vorfällen ansonsten keine weitere Beachtung. Erst als sich abzeichnet, dass die unbekannte liebeskranke Dame auch vor Mord nicht zurückschreckt, sofern sie das Gefühl hat, dass ihr jemand im Weg ist, wird Forstner unruhig.

Leider greift Herr Dorn schon von Anfang an ganz tief in die Klischeekiste und versucht dermaßen aufdringlich falsche Fährten zu legen, dass es stellenweise schon ein bisschen lächerlich wirkte. Das hätte man bedeutend subtiler machen können. Spannend war es schon, da theoretisch wirklich jeder und niemand in Frage käme als Täterin! Irgendwann sind dann alle weiblichen Charaktere abgehandelt, und der Fall nimmt eine durchaus überraschende Wendung. Leider nicht nur überraschend, sondern absolut unglaubwürdig, viel zu kompliziert und ganz schrecklich an den Haaren herbeigezogen. Die Lösung fand ich überhaupt nicht stimmig, und das war auch der Punkt, an dem ich mich zu ärgern begann, das Buch überhaupt gelesen zu haben: Im Grunde geht es hier gar nicht um das Thema Stalking, sondern um etwas ganz anderes (aber das kann ich jetzt nicht verraten, ohn ezu spoilern…). Um etwas dermaßen Konstruiertes und weit Hergeholtes, dass es mich schaudern ließ. Ich hatte den Eindruck, dass hier versucht wurde, die abgedrehteste und am weitesten entfernt liegende Möglichkeit als „Lösung“ anzubieten, egal ob das auch nur ansatzweise logisch ist oder nicht.

Gestört hat mich das durchgehende pseudowissenschaftliche Geschwafel des ansonsten nicht unsympathischen Dr. Forstner. Vieles las sich so klischeehaft als wäre es aus einem Lehrbuch für Zweitsemester abgeschrieben worden. Es gelingt Dorn nicht besonders gut, seinen Charakteren Leben einzuhauchen. Außer Forstner selbst sind eigentlich fast alle Charaktere eher blass geblieben oder alternativ bis zur Unkenntlichkeit parodiert.

Über den streckenweise doch recht biederen und leiernden Erzählstil konnte ich hinwegsehen, solange die Geschichte in sich stimmig und spannend war. Insgesamt ist jedoch auch dies ein Negativaspekt, ein begnadeter Erzähler ist Wulf Dorn ganz sicher nicht, es  fehlt der Geschichte an Witz und Schmackes.

Unterm Strich eine gute Idee, bei der sehr viel verschenkt wurde, indem überhaupt nicht stringent erzählt wurde und zu viel vermischt wurde, was nicht zusammengehört. Logik und Stimmigkeit wurden einem möglichst furiosen Ende geopfert (oder dem, was der Autor anscheinend dafür hält.)


Wulf Dorn – Dunkler Wahn
Heyne Verlag, September 2011
ISBN 3453267052
432 Seiten
17,99 Euro

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