Ohne jede Spur

Lange kein Buch mehr gehabt, das mich so positiv überrascht hat und nach dem ich sofort noch mehr Bücher des Autors lesen wollte. Angesprochen hat mich der Klappentext zwar sofort, aber das von mir so sehr geliebte Krimithema „Vermisste Personen“ ist leider auch schon etwas ausgelutscht, und selten kommt da (für mich) was wirklich Neues bei rum.
Ohne jede Spurhabe ich völlig atemlos innerhalb kurzer Zeit durch gehabt. Es ist eins dieser Bücher, die so einen Sog entwickeln und einen dermaßen mit sich ziehen, dass man auch beim Nichtlesen immer mal an das Buch denkt.

Der Plot: Die 23jährige Lehrerin Sandy Jones verschwindet von jetzt auf gleich aus ihrem eigenen Haus spurlos. Das letzte was man gesichert von ihr weiß ist, dass sie ihre kleine Tochter Ree ins Bett brachte und dann Klassenarbeiten korrigierte. Als ihr Ehemann Jason spät nachts von seiner Arbeit als Zeitungsreporter nach Hause kommt, findet er nur noch Sandys Handtasche nebst Handy in der Küche. Alles deutet zunächst auf eine Entführung hin. Da sich jedoch keine Einbruchsspuren finden, fällt der Verdacht schon recht bald auf Jason, denn die Ermittler nehmen an, er habe seine Frau „verschwinden lassen“.
Allerhand Motive finden sich schnell. Die Ermittler, und das war für mich eine der Schwachstellen des Buches, kamen mir  aber zu planlos, zu verbissen und teilweise regelrecht vertrottelt vor. Sie treten bei ihren Ermittlungen oft auf der Stelle und sehen manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht. So löst sich der Fall dann letztlich auch mehr oder weniger von selbst.
Wie ich erst später herausfand, handelt es sich um das dritte Buch einer losen Serie um die Sergeantin D. D. Warren, die als schlagfertig, clever und so ein bisschen nymphoman untervögelt dargestellt wird. Nur wie gesagt, das mit der Cleverness, das hat zumindest bei diesem Fall nicht so richtig gekappt, denn ich fand es irgendwann etwas nervig, wie penetrant der Leser auf  falsche Fährten gelockt werden sollte anhand der Ermittlerdenkweise. Trotzdem würde ich gerne auch weitere Bände aus der Serie lesen, um D.D. besser kennenzulernen.

Es wird von Anfang an darauf abgestellt, dass nur Jason Jones als Täter in Frage kommen kann und der in der Nachbarschaft lebende Sexualstraftäter Aidan. Bei Aidan hat mich persönlich gestört, dass er im Grunde nur die Rolle des Buhmanns innehatte, die aber völlig  unlogisch dargestellt wurde: Einerseits soll man ihn unbedingt als Kinderschänder sehen (er hatte als 19jähriger mit seiner 14järhrigen Freundin geschlafen und wurde dafür  mit Gefängnis bestraft), andererseits ist Sandra Jones eine erwachsene Frau und somit nun gar nicht sein Beuteschema. Vermutlich wollte die Autorin genau diese Stigmatisierung anprangern, die jemandem anhaftet, der einmal einen Fehler begangen hat. Das gelingt leider nur teilweise, denn die Figur des Aidan wird bis zur Unkenntlichkeit ins Lächerliche verzerrt.

Spannend fand ich das Buch dennoch, denn das was Schicht für Schicht über Jason Jones zusammengetragen wird, birgt genug Material für Spekulationen. Geschickt erzählt die Autorin abwechselnd aus Sicht der Ermittler und aus Sandys Sicht. Letztere berichtet sehr sachlich in der Ich-Erzählform von den Geschehnissen der letzten Wochen und aus der seltsamen Ehe mit ihrem Mann. Somit weiß man als Leser zumindest, dass sie noch lebt – was ihr Verschwinden für mich um so spannender machte!
Sandy lernt man so als sehr umsichtige junge Frau kennen, sehr vernünftig, aber auch emotional. Und Stück für Stück setzt sich das Bild einer sehr bizarren Ehe zusammen, was Sandys Verschwinden erneut in ganz neuem Licht erscheinen lässt: Man erfährt, dass beide Partner die Ehe als willkommene Fluchtmöglichkeit angesehen haben. Dass sie einander Dinge verheimlichen, dass es diese stillschweigende Übereinkunft gibt, das Vergangene ruhen zu lassen und einander Sicherheit zu geben und der kleinen Tochter Ree eine stabile Familie. Das Spannende ist, dass man erst sehr spät erfährt, was genau beide voreinander zu verbergen haben und warum. Und Sandy scheint Dinge herausgefunden zu haben über ihren Mann, die Anlass zu der Frage geben: Ist Jason ein Pädophiler, der einem K.inderp.ornoring angehört, welcher im Internet sein Unwesen treibt? Schritt für Schritt wird durch Sandys Erzählungen das freigelegt, was die Ermittler nicht herauszufinden vermochten – und das fand ich einfach extrem unlogisch.

Das Ende war nicht unbedingt das, womit man von Anfang an gerechnet hat, aber ein aufmerksamer und erfahrener Krimileser ahnt zumindest auf den letzten Metern dann doch schon, wie der Hase läuft. Für mich war es somit schlussendlich nicht mehr wirklich überraschend, aber die Darstellung hat mir gefallen!
Unterm Strich hat mich das Buch begeistert, insbesonderer wegen der Charaktere und des „Nichts-ist-wie-es-scheint“-Plots. Einige Stellen hätte man sicherlich kürzen können, die Sache um den „Kinderschänder“ aus der Nachbarschaft hätte man umgestalten können und nicht ganz so breit treten müssen. Dann hat man eine solide und spannende Geschichte um ein lang gehütetes Familiengeheimnis und den Versuch einer jungen Frau, sich davon freizumachen und ein normales Leben zu führen. Und einen spannenden Krimi mit liebenswerten Charakteren.


Lisa Gardner – Ohne jede Spur
rororo, August 2011
ISBN 349925557X
544 Seiten
9,99 Euro

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