Erst in der Nacht

Mein Problem mit diesem Buch war vor allem die sehr, sehr sperrige Konstruktion und die unglaubliche Distanz, die die Autorin sowohl zwischen dem Leser und der Geschichte als auch zwischen den beiden Protagonisten schafft. Beigetragen zu dem nicht ganz so positiven Leseeindruck hat sicherlich auch der Verlag mit seiner Einordung des Buches als Liebes- oder doch zumindest erotischer Roman. Im Klappentext ist von Begehren und erotischer Anziehung die Rede, von extremen Gefühlen. Vielleicht habe ich nicht die Antennen für diese Art von Geschichte, vielleicht waren es einfach falsche Erwartungen, die mich enttäuscht haben. Gefühle sind bei mir kaum angekommen, Erotik ebenfalls nicht – allenfalls derber und primitiver Trieb.

Bereit gewesen wäre ich für vieles, aber für eins nicht: Für eine in meinen Augen völlig lieblose  und abgehackte Schilderung des inneren Erlebens zweier sehr schwieriger Menschen. Ich habe versucht, es als Experiment zu sehen, da ich derartiges bisher noch nie gelesen habe und auf die Geschichte als solche sehr gespannt war. Dennoch fiel es mir schwer, mich auf die Protagonisten und ihre Geschichte einzulassen: Erzählt wird im Präsens in der Ich-Form, und zwar von beiden Protagonisten, Manfred und Marina. Es wird weder typographisch noch sonst wie kenntlich gemacht, wer von beiden gerade berichtet. Trotzdem, und das muss man der Autorin zugute halten, weiß man spätestens nach 2 Sätzen eigentlich immer, wer gerade das Wort hat. Erschwerend kommt jedoch hinzu, dass auch zeitliche Rückblicke – und davon gibt es viele – ebenfalls im Präsens geschildert werden. Man könnte meinen, dass dadurch besonders viel Nähe zum Geschehen geschaffen wird, aber das ist nicht der Fall. Ich habe mich selten der Handlung so fern gefühlt und hatte selten derartige Schwierigkeiten, Zugang zu den Figuren zu finden wie bei diesem Buch.

Ich bin mir nicht sicher, ob das beabsichtigt war, aber beide waren mir dermaßen sperrig und unsympathisch, dass sie für mich keinerlei Identifikationspotenzial hatten. Marina ist eine nervöse, unsichere und fahrige Frau unbestimmten Alters. Sie ist verheiratet und hat einen zweijährigen Sohn, mit dem Sie Urlaub in den Bergen macht. Mit ihrem Sohn Marco ist sie ganz offensichtlich überfordert, hat Angst Fehler zu machen und fühlt sich von ihm eingeschränkt. Sie sagt, sie liebt ihn über alles, jedoch hatte ich nicht wirklich diesen Eindruck. Sie nennt ihn stets „das Kind“, was mich regelrecht abgestoßen hat. Ich fand sie ziemlich etepetete, ansonsten blieb sie mir fremd.
Der Vermieter der Ferienwohnung, Manfred, ist ein ungehobelter und wortkarger Bergbauer, der sich selbst der Nächste ist. Als Kind von der Mutter verlassen, als Erwachsener verließ ihn die Ehefrau und nahm die beiden Kinder gleich mit. Manfred ist verbittert, Frauen sind für ihn allerhöchstens Fleisch, an dem er ab und zu seine Lust befriedigen kann. Aber auch hier scheint er hin und her gerissen zwischen Trieb und Abneigung, ja Verachtung. Einzig Kindern gegenüber taut er ein wenig auf, aber auch ihnen verlangt er viel ab, will sie nicht verweichlichen. Alles in allem kein Mensch, für den ich besondere Sympathien aufbringen kann.

Die beiden leben also für mehrere Wochen nah  beieinander, einer beäugt den anderen misstrauisch, und die Verachtung, die beide füreinander empfinden, ist nicht zu übersehen.
Die vom Verlag beschriebene Anziehungskraft zwischen den beiden habe ich dagegen nicht gespürt, von Marina am allerwenigsten. Manfred hat ungeachtet all seiner Verachtung zumindest hin und wieder freundliche Gedanken für Marinas Beine über, bemängelt aber das nicht ausreichende Vorhandensein von Brust und Po. Also wenn das erotische Anziehung ist… okay. Insgesamt habe ich diesen Aspekt sowieso nur als Nebenhandlung empfunden, da alles, was geschieht nur in den Köpfen der Protagonisten stattfindet.
Spannend fand ich allenfalls streckenweise die Frage, wie und ob die beiden sich nochmals annähern, denn das zumindest suggeriert ja der Klappentext. Allerdings wurde auch das dann dermaßen flach und distanziert beschrieben, dass mich das Buch  ab einem gewissen Punkt eher gelangweilt als unterhalten  hat.

Bei einem Unfall in den Bergen wird Manfred so schwer verletzt, dass er Pflege benötigt. Ausgerechnet die Ehefrau kehrt zu ihm zurück – in diesem Moment wurde mir durch Marinas Eifersucht erstmals deutlich, dass auch sie Gefühle für Manfred hegen muss. Nie wird darüber jedoch ein Wort verloren. Nie hat sich mir erschlossen, was sie an diesem derben Klotz fand.
Das Ende des Buches hat mich wütend gemacht: Nach einem Zeitsprung von 15 Jahren sehen sich die beiden wieder, und beinahe kommt es auch endlich zu dem anscheinend von beiden immer ersehnten sexuellen Kontakt. In dessen Verlauf zeigt sich Manfred dann aber erneut derart ruppig, egozentrisch und völlig bar jedes menschlichen Gefühls, dass ich mich gefragt habe, wieso er nicht einmal über seinen Schatten springen kann, wenn er Marina doch angeblich so sehr begehrt. So aber blieb er sich selbst bis zum Schluss der Nächste.

Ich habe bestimmt keinen Kitsch a la Nora Roberts erwartet oder gewollt. Aber dargestellt wurde in meinen Augen in diesem Roman keine Liebe, keine Anziehungskraft und auch kein Begehren. Es geht um zwei Menschen, die nur  jeweils sich selbst kennen, die im Grunde ihres Herzens Misanthrop sind, die von einer nicht näher bestimmten Lust/Geilheit/Begierde/Wasauchimmer getrieben werden, dabei aber im Grunde sich selbst stets die Nächsten sind. Wobei ich gestehen muss, dass die Figur der Marina bzw. ihre Motive mir völlig fremd blieben, das oben Gesagte gilt daher primär für Manfred.

Wenn wenigstens die Sprache nicht so unfassbar sperrig gewesen wäre, so distanziert und damit die Geschichte einfach anders erzählt worden wäre, hätte mir der Roman bedeutend besser gefallen können. Selten habe ich eine derart deprimierende und prosaische Schilderung über die Beziehung zweier Menschen gelesen! Die Grundidee fand ich an sich nicht so schlecht, aber dieser Telegrammstil hat mir auch diese komplett vergällt. Mich hat der Roman, das muss ich ganz ehrlich sagen, in erster Linie abgestoßen, und ich kann dem Buch daher nicht wirklich etwas abgewinnen.

Cristina Comencini – Erst in der Nacht
Piper Verlag, Juni 2011
ISBN 349225960X
256 Seiten
9,95 Euro