Lokalhelden

Eigentlich steh ich ja total auf solche Coming of Age Romane. Beispiele für sehr gelungene Vertreter dieses an sich absolut coolen Subgenres: Im Jahr der Weiber (70er) und Haarweg zur Hölle (80er). Jörg Harlan Rohleder legte nun mit seinen Lokalhelden einen Roman über das Erwachsenwerden in den 90ern vor. Ich bin selbst als Thirtysomething in etwa derselbe Jahrgang wie der Autor –  passt also!
So dachte ich zumindest.

Es passte für mich leider überhaupt nicht, ich fand das Buch sehr enttäuschend. Zwar fängt es gut an, aber der Autor macht es sich ein bisschen einfach, indem er einfach alles so weiterlaufen lässt wie am Anfang: Das Buch ist nichts anderes als eine mit Lokalkolorit angereicherte Aneinanderreigung von  ausgesprochen langweiligen Schilderungen übers Saufen, Kiffen, Mädchen, Schule, Skaten und W.ichsen. Das Ganze spielt sich grob zwischen 1991 und 1996 im Dreieck Echterdingen-Stuttgart-Stetten ab. Protagonisten (wenn man das so nennen will) sind der Ich-Erzähler „Schmall“ und seine Kumpels Enni und Brownsen. Wobei letztere noch halbwegs gut gezeichnete Figuren sind, Schmall aber bleibt seltsam blass.

Es wird viel Bezug genommen auf die Musik der 90er sowie auch bestimmte zeitgeschichtliche Eckdaten wie zB der Freitod von Kurt Cobain oder der Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn. Was ich eigentlich sehr mochte, aber das anfängliche „Hachja!“-Gefühl bei der Erwähnung von Musikbands und Fernsehserien aus der damaligen Zeit bleibt schnell aus, weil dazwischen einfach nichts wirklich Nennenswertes passiert, wie oben schon erwähnt. Trauriges Highlight ist der tragische Drogentod eines entfernten Kumpels unseres Dreiergespanns. (Nicht unerwähnt bleibt natürlich, dass Schmall anschließend gleich mal mit dessen Freundin ins Bett geht und was genau sie da anstellen. Hab mich selten so gelangweilt!)

Dem Buch geht sowas wie ein Spannungsbogen völlig ab, alles plätschert so vor sich hin, und man fragt sich die ganze Zeit, ob noch was kommt oder nicht. Nachdem ich mich durch die knapp 270 Seiten durchgequält habe, muss ich leider sagen: Es kommt nichts mehr!
Zurückgeblieben bin ich mit einem Gefühl von „Was will uns der Autor damit sagen?“ Soll das eine Studie über die MTV-Generation sein? So langweilig waren die 90er doch nun auch wieder nicht! Will er die Inhaltsleere oder die Aussichtslosigkeit einer ganzen Generation anprangern mit seinen unfassbar nichtssagenden Protagonisten, die keine Ziele haben und für die es keinerlei Gesprächsthemen gibt als W.ichstechniken, Skateboards und Musik? Dafür hat er selber die Kurve dann ja ganz gut gekriegt mit Politikwissenschaftsstudium in London und Chefredakteurposten bei einer Musikzeitschrift.

Mich hat das Buch enttäuscht, außer einem klein wenig Nostalgiegefühl konnte ich für mich den Lokalhelden nichts abgewinnen. Es fehlt an Reflexion und Tiefgang – schade! Gute Idee nämlich, aus der man sicher mehr hätte machen können.

Jörg Harlan Rohleder – Lokalhelden
Piper Verlag, Dezember 2010
ISBN 349205384X
276 Seiten
16,90 Euro