Eine Frage der Höflichkeit

Ein ganz wunderbares Buch, dessen Zauber sich einem vielleicht nicht immer auf Anhieb erschließt. Obwohl es ohne große Höhen und Tiefen auskommt und fast 400 Seiten sacht dahin plätschert, ist es nie oberflächlich oder gar langweilig. Stellenweise etwas langatmig, man hätte manches sicher nicht ganz so sehr breit treten müssen. Jedoch wird hier eine Geschichte mit Bedacht erzähl, mit ganz feinem Witz und viel Esprit.

Kateys Leben ist der Mittelpunkt dieser Geschichte, und allein die Atmosphäre im New York der 30er Jahre, die Amor Towles hier erschafft, ist es wert, dieses Buch zu lesen! Katey war mir von Anfang an sympathisch: Eine clevere junge Dame, die mit Willensstärke und Klarsicht ihren Weg geht, die stets Grips und Gelassenheit beweist, und die dabei warmherzig und integer ist. Eine meiner liebsten Romanprotagonistinnen seit Langem!
Ihre Beobachtungen und Beurteilungen von Menschen und Situationen fand ich spannend zu lesen. Ich habe zum Lesen auch unverhältnismäßig viel Zeit gebraucht – einfach weil das Buch so viele Impulse gibt und ich viel reflektiert und nachgedacht habe beim Lesen.

Es „passiert“ im Grunde eher wenig in diesem Roman, und gerade für diese Art von Büchern muss der Autor wirklich herausragende erzählerische Fähigkeiten haben. Diese kann ich Amor Towles in jedem Fall bescheinigen – mich haben selbst banale Beschreibungen von einem Abendessen in ihren Bann gezogen. Hier sitzt einfach jedes Wort, Charaktere werden messerscharf charakterisiert. Man erwartet mit Spannung den Fortgang der Geschichte, die Towles ganz offensichtlich mit so viel Hingabe niedergeschrieben hat.

Die 110 „Regeln der Höflichkeit“ (Rules of Civility), die George Washington einst niederschrieb, sind dem Buch als Anhang nachgestellt. Gleichzeitig wird in dem Roman immer wieder implizit die Frage nach „Etikette“ und deren Grenzen gestellt. Was ist gesellschaftlich erlaubt und was nicht.

Eine echte Perle! Ein rundum gelungenes, sehr atmosphärisches und vielschichtiges Buch, an dem ich lediglich den für meinen Geschmack zu knapp geratenen Schluss zu bemängeln habe und einige Längen, die dem Buch aber insgesamt keinen Abbruch tun.

Amor Towles – Eine Frage der Höflichkeit
Graf Verlag, März 2011
ISBN 9783862200108
416 Seiten
19,99 Euro