Winterreise

Ein typischer Nothomb: kurz und knackig, verworren und verstörend.
Nothomb zeichnet ein beklemmendes Psychogramm eines Mannes, der aus Liebe zum Amokläufer wird. Gleich zu Beginn erfährt der Leser in lakonischen Worten, dass Zoile gerade im Begriff ist, einen Terroranschlag zu begehen. Nicht etwa aus politischen oder religiösen Motiven heraus! Nein – aus verzweifelter und enttäuschter Liebe.

Das ist so befremdlich wie interessant, und so lässt man sich hineinziehen in diese gleichzeitig faszinierende und unglaublich abstoßende Geschichte: Der Pariser Heizungsinstallateur Zoile lernt bei einem Kundenbesuch die ätherische Astrolabe kennen und ist sofort fasziniert von ihr. Astrolabe lebt in einer baufälligen und unbeheizbaren Wohnung zusammen mit einer „Irren“, wie Zoile sie beschreibt: Aliénor. Diese scheint geistig zurückgeblieben, spricht nichts Zusammenhängendes, fällt aber durch ihr abstoßendes Verhalten auf. Überrascht erfährt Zoile, dass Aliénor eine gefeierte Schriftstellerin ist und Astrolabe diese sozusagen „betreut“, indem sie sich um sie kümmert, da Aliénor ihr Leben alleine nicht bewältigen kann aufgrund ihrer Behinderung. Sie wird von Astrolabe betreut, diese schreibt auch die Romane nieder, die Aliénor ihr diktiert und verhandelt mit Verlagen bzw sorgt dafür, dass diese die geistig minderbemittelte Schriftstellerin nicht ausbeuten.

Verzweifelt muss Zoile schließlich erkennen, dass er Astrolabe  nicht für sich alleine haben kann und diese regelrecht mit Aliénor verkettet ist.  Treffen alleine mit der Angebeteten sind unmöglich, und so wird der Verliebte schließlich zu einer Verzweiflungs- und Wuttat getrieben.

Beim Lesen fühlte ich mich einerseits abgestoßen, andererseits war da dieses riesige Fragezeichen in meinem Kopf. Und irgendwie war ich auch fasziniert von den kruden Gedankengängen, die die Autorin da gesponnen hatte mit ihrem Buch.
Astrolabe ist eiskalt (Winter?), lässt den verliebten Zoile um ihre Gunst buhlen, bleibt aber schlussendlich hart und weigert sich, sich von ihrem Mündel zu lösen. Ich bin den Eindruck nicht ganz losgeworden, dass es ihr Spaß machte und ihr wiederholtes „Es geht nicht!“ eher mit einem perfiden Lächeln hervorgebracht wurde als mit Bedauern.
Die Nüchternheit und Abgeklärtheit, mit der Zoile schlussendlich seinen terroristischen Anschlag plant und durchführt, korrespondiert mit der Perfidie Astrolabes, die ihn einerseits lockt, andererseits dann immer wieder schroff abweist unter dem Hinweis auf Aliénor.

Wie die geistig zurückgebliebene Aliénor es schafft, von der Literaturszene gefeierte Bücher zu schreiben, ist mir nicht ganz klar geworden. Denn wie Astrolabe einmal erklärt: „Sie versteht das Prinzip der Textinterpretation nicht“. Nun, wenn ich meine eigenen Texte nicht interpretieren kann – warum schreibe ich sie dann bzw welchen Sinn haben sie dann? Genau – nur den, den andere in ihm sehen! Insofern habe ich das Ganze ein wenig als Parodie verstanden auf die Tatsache, dass gerne „Sinn“ in Bücher hineininterpretiert wird, der gar nicht da ist.

Der Schreibstil ist sehr nüchtern und oft etwas sperrig, enthält Metaphern, die sich einem oft erst auf den 2. oder 3. Blick erschließen. Sicher kein einfaches Buch, oftmals abstoßend und verwirrend. Kein Buch, das ich als unterhaltend im eigentlichen Sinne empfunden habe, eher als spannendes Experiment und sehr  nachdenklich machend, aber auch schwer zu begreifen. Mir persönlich fehlt einfach ein gewisser Unterhaltungswert, das Ganze wirkt auf mich eher wie eine Skizze als wie ein fertiger Roman.

Amélie Nothomb – Winterreise
Diogenes Verlag, Januar 2011
ISBN 325706778X
18,90 Euro

Advertisements