Das Wesen

Führt leider kein Weg dran vorbei: Ich fand dieses Buch richtig schlecht. Das hat mich gleichermaßen erstaunt und enttäuscht, denn Strobels letzter Thriller Der Trakt hat mir sehr gut gefallen! So war ich dann auch gespannt auf sein neues Werk.

Zum Teil war es sicherlich auch die Thematik, die mir im Trakt einfach mehr zugesagt hat. Das Wesen ist kein Thriller, bei dem es um den Grat zwischen Illusion und Wahrheit geht, sondern ein „normaler“ Thriller mit der klassischen Täterfrage: Wer wars? Und warum?
Wer hat vor 15 Jahren die vierjährige Juliane missbraucht und getötet? War es wirklich der intelligente und eloquente Psychiater Dr. Lichner, der für diese Tat verurteilt wurde und eine 13jährige Haftstrafe dafür abgesessen hat? Oder ist bei den Ermittlungen damals geschlampt worden? Hatte Kriminalhauptkommissar Menkhoff Gründe, gezielt Indizien und Beweise gegen Lichner zu sammeln, um ihn vor Gericht zu bringen?

Erzählt wird auf zwei Zeitebenen: Kurz nach Julianes Ermordung und 15 Jahre später, nachdem Joachim Lichner aus der Haft entlassen wurde.  Und hier fängt das erste Problem an, das ich mit diesem Roman hatte:  Die Zeitsprünge erfolgten zu schnell. In beiden zeitlichen Ebenen berichtet aus seiner Perspektive der Kriminalkommissar Seifert, (jüngerer und rangniederer) Partner von Menkhoff. Ich habe durchgezählt, und in den ersten beiden Dritteln des Buches (das sind ca. 250 Seiten) wechselt nach 3 bis maximal 5 Seiten die Zeitebene. Das ist nicht spannend, sondern unglaublich anstrengend. Vor allem vor dem Hintergrund, dass der Erzähler und die Personen jeweils die gleichen sind. Auch wenn die einzelnen Kapitel immer mit Datum (und Uhrzeit) versehen sind, ich habe mich total schlecht zurecht gefunden. Oft dachte ich „Ja Moment, wie jetzt? Bei der und der Zeugin waren sie doch eben erst!“ – Aber nein, das letzte 3seitige Kapitel ist ja schon 15 Jahr her! Stimmt ja.
Ich persönlich fand das extrem verworren und ermüdend beim Lesen, zumal auch noch zu viele unwichtige Details eingestreut wurden. Ganz ehrlich, mich interessiert nicht die Bohne, welche Farbe die Möbel und Gardinen haben und was sich jemand aufs Brot schmiert. Die Handlung ziiiieht sich dadurch leider auch sehr lange hin. Nach 250 Seiten ging es für mich eigentlich erst richtig los. Auf der gleichen Seitenzahl schaffen andere Autoren einen gesamten spannenden (!) Roman.

Leider überzeugt auch der Schreibstil an sich überhaupt nicht. Auf mich wirkte die Erzählweise unsicher, hausbacken und „wie gewollt und nicht gekonnt“. Die Dialoge waren mir zu ausufernd, da hier noch jedes „äh“ und „ach“ und „ich meine…“ mit geschrieben wurde. Das Buch enthält sehr viel wörtliche Rede, und diese enthält mir durchweg einfach zu viel Gestotter! Insgesamt wirkte die Handlung dadurch auf mich sehr gestellt.
Die Charaktere fand ich ebenso unauthentisch und hölzern. Sie entwickeln sich auch nicht, sie bekommen von Strobel mit aller Gewalt einen Stempel aufgedrückt, der sie teils bis zur Karikatur verzerrt. Speziell bei Ermittler Menkhoff ist mir aufgefallen, dass er mit dem Holzhammer zur zwielichtigen und irgendwie undurchsichtigen Figur aufgebaut werden sollte und dabei leider kein Stück sympathisch wirkte.  Ich persönlich fand ihn einfach nur lächerlich, wie er einerseits als Choleriker vom Dienst beschrieben wurde, der zudem nicht unbedingt das hellste Birnchen zu sein scheint, der sich selbst aber für besonders schlau hält – und am Ende (hallo Glaubwürdigkeit!) natürlich doch als strahlender Held hervorgeht, nachdem 350 Seiten lang dargelegt wird, wie er seinerzeit Beweise manipuliert hatte etc. Na sischer doch… Sowas ist nicht spannend oder überraschend, sondern schlicht inkonsistent.

Was mir im Trakt noch gut gefallen hatte, dieses Hin und Her, das „Kippen“ der Handlung, wenn plötzlich neue Fakten bekannt werden, war hier nur anstrengend, da die Handlung bzw der Fall an sich schon nicht wirklich stimmig war.
Hier wird viel „Nichts“ unnötig aufgebauscht. „Spannend“ fand ich es zumindest insofern, dass ich tatsächlich lange nicht gewusst habe, wer der Täter war, da Strobel so demonstrativ falsche Fährten legt.
Das pseudoesoterische Gelaber um „das Wesen“ (gemeint ist das Wesen eines Menschen im philosophischen Sinne) hat dem Ganzen noch die Krone aufgesetzt. Mir persönlich kam es so vor, als sei das nachträglich noch eingefügt worden, um wenigstens die psychologische Komponente des Romans noch etwas aufzupeppen. Das hätte man streichen können – jedoch hätte der Roman dann einen neuen Titel gebraucht, und vllt hatte keiner mehr Lust, sich einen auszudenken?

Unterm Strich für mich trotz streckenweise spannender Geschichte ein schlechter Thriller mit einem lahmen und unglaubwürdigen Plot, langweiligen und nichtssagenden Charakteren, einem absolut schnarchigen Schreibstil und billiger Effekthascherei.

Arno Strobel – Das Wesen
Fischer Verlag
ISBN 3596186323
8,95 Euro

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15 Kommentare zu “Das Wesen

  1. Ganz so schlimm fand ich das Buch zwar nicht, aber „Der Trakt“ war mir auch lieber. Und die Personen sind wirklich schlimm, ich konnte da auch zu niemand eine Beziehung aufbauen. Die waren echt alle unsympathisch und nervend.

    • Ich war einfach nur genervt von dem Buch, so dass ich mich gegen Ende glaub ich auch immer mehr reingesteigert hatte, glaub ich. dabei wollte ich es wirlicvh mögen, weil ich den Trakt so gut fand und was Ähnliches erwartet hatte.
      Aber dieser Menkhof ist mir so dermaßen auf den Keks gegangen, den WOLLTE ich irgendwann auch gar nicht mehr mögen. Am liebsten war mir ehrlich gesagt die Ganze Zeit über noch Lichner, so dass ich mit dem Ende dann logischerweise auch nicht zufrieden war.

  2. Oh. Doof! Das Buch hatte ich letztens noch in der Hand und wollte es beim nächsten Mal mitnehmen. Fand »Der Trakt« nämlich auch ziemlich spannend damals und hatte gehört (oder gelesen?), dass »Das Wesen« eigentlich noch besser sein soll. Na, versuchen werde ich es wohl (Fand das Schneewittchen ja auch nicht so übel wie du), aber muss nicht sofort sein.

    • Naja, wenn ich ein Buch schlecht finde, dann ja meist richtig schlecht ;)
      Ich fand das Wesen jetzt aber wirklich sehr stümperhaft – genau wie das Schneewittchen, und mir ist nach wie vor komplett schleierhaft, wie man diese Bücher gut finden kann. Aber das muss nix heißen, denn das Buch wird komischerweise fast durchweg gut bewertet.
      Vllt liegts auch daran, dass ich wirklich gerne und viele Krimis lese, und auch gerne eher subtilere Sachen wie Noll, Deitmer, Alvtegen. Da ist mir „sowas“ einfach zu platt. Und wenn das dann noch so unbeholfen erzählt ist… nein, wirklich nicht!

  3. Nach dem Trakt hatte ich eigentlich auch nichts anderes erwartet, das fand ich nämlich richtig, richtig schlecht. Andererseits, das Buch hat dir gefallen…vielleicht gefällt mir dann das Wesen? ;-) Werde bei Gelegenheit mal einen Blick reinwerfen.

    • Gut möglich! Bei Twitter schrieb neulich jemand, dass er den Trakt schlecht fand – das Wesen hatte ihm gefallen.
      Probiers einfach mal aus ;)

  4. So schlecht ja? Dann muss ich es auch mal lesen und mir eine Meinung bilden :-) Vielleicht ist es ja wie bei Kinofilmen: Die Kritiker verreissen einen Film, und ich finde ihn gut *gg* Geschmäcker können schon arg auseinander gehen… Allerdings kenne ich „Der Trakt“ auch noch nicht, steht aber auf meiner Wunschliste. Ist der vergleichbar schlecht?

      • Na ja, aber dir gefiel im „Trakt“ dieses hin und her noch ganz gut – mich nervte es! Was soll ich dann erst hier sagen, wo es dann dir auch schon zu viel wurde? *g*
        Aber ist ja auch egal, ich hatte eh nicht vor, das Buch zu lesen, jetzt fühle ich mich nur noch bekräftigt. :-D Hab Dank, du weises Wesen! Höhö, Wortspiel… Ich sollte ins Bett gehen… :-D

        • Also das Hin und Her ist hier eher weniger, zumindest kam es mir so vor. Ich mag sowas eigentlich sehr bei Krimis. Das Problem waren eher die wirklich extrem kurzen Kapitel, die ständigen Zeitsprünge und dass die Charaktere alle klischeebeladen bis zum Gehtnichtmehr waren.
          Aber bitte, zwinge dich natürlich nicht zum Lesen. (Ganz ehrlich, das Buch würde ich niemandme empfehlen.) Wollte nur vermeiden, dass es hinterher wieder heißt, ich würde durch meine boshaften Verrisse die Leute vom Lesen abhalten ;p

  5. Ich lese das Buch auch gerade :) Ich finds ok – soweit.
    Die kurzen Kapitel sind echt gewöhnungsbedürftig aber mein größtes Problem bis jetzt ist der gute Herr KriminalOBERkommissar – ein echter Sympatieträger der Kerl -.-

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