Schuld

Dies war mein zweites Buch von Karin Alvtegen und ist gleichzeitig ihr Debütroman. Nachdem ich Der Seitensprung wirklich grandios fand, habe ich mir noch einen weiteren Roman von ihr zugelegt. Der Erstling reicht nicht an die Brillianz späterer Romane  heran, dennoch ist auch hier schon erkennbar, worin Alvtegens große Stärke liegt:  In ihrer Fähigkeit, Charaktere genau zu skizzieren, ihre innere Gefühlswelt dem Leser auch tatsächlich von innen heraus zu vermitteln. Dass sie dabei völlig wertfrei beschreibt, gibt dem Ganzen zusätzlich Tiefe.

Alvtegen schafft auch in Schuld durch die Skizzierung einsamer und teils psychisch kranker Charaktere eine sehr beklemmende Atmosphäre. Ihr angenehm reduzierter und schnörkelloser Schreibstil tut sein Übriges: Bei ihr wirkt jedes Wort mit Bedacht gesetzt. Hier steht nie eine Silbe zu viel, selbst die Dialoge sind knapp, und bei der wörtlichen Rede fehlen stets die Anführtungszeichen. (Der Text ist übrigens mE dennoch gut lesbar!)
Auch was die Anzahl der Personen angeht, kommt Alvtegen mit dem Wesentlichen aus: Im Vordergrund stehen die Protagonisten Peter Brolin und Olof Lundberg, die beide durch Zufall in einen Strudel aus mysteriösen Vorfällen verwickelt werden. Scheinbar zufällig, denn an einem Punkt „kippt“ die Handlung, und es stellt sich heraus, dass es die ganze Zeit nicht um Olof ging, sondern um Peter und das das Ganze genau berechnet war.

Es geht in dem Roman neben der klassischen Täterfrage um Schuld und Vergeltung bzw um die Frage, auf welche Art und Weise man Schuld auf sich laden kann.
Sehr schön fand ich diese zutiefst menschliche Komponente der Geschichte: zwei völlig unterschiedliche Menschen werden durch Zufall zusammengebracht – und jeder lernt auf seine Weise von dem anderen. Peter ist introvertiert, änsgtlich, unsicher im Umgang mit anderen Menschen, und zudem wirtschaftlich am Ende. Olof das genaue Gegenteil: Charismatisch, beruflich erfolgreich, gesellschaftlich angesehen und sehr wohlhabend. Jeder braucht den anderen, jeder auf eine andere Weise. Peter kommt durch Olofs Hilfe aus seiner finanziellen Not, Olof besinnt sich auf das Wesentliche im Leben, und das sind Dinge, die Geld nicht kaufen kann.
Beide verbindet zunächst nur die Jagd nach einem Phantom, der „Dämonin“, wie Peter sie nennt: Sie spricht Peter scheinbar wahllos an und bittet ihn, ein Paket an ihren Ehemann Olof zu liefern. Es stellt sich heraus, dass Olof verwitwet ist und das Paket einen abgetrennten menschlichen Zeh enthält. Olof wird bereits länger von dieser ihm unbekannten Frau belästigt und teilweise bedroht. Die Motive und auch die Identität der Frau liegen völlig im Dunkeln, und so ergibt es sich, dass beide Männer sich zu einer Zweckgemeinschaft zusammentun, um der Frau das Handwerk zu legen, da die Polizei nichts  unternimmt.

Schritt für Schritt tastet sich speziell Peter an die Lösung dieser Fragen heran, bis die Identität der Frau geklärt ist.
Und dann passiert etwas, was ich an Krimis sehr schätze: Dieses plötzliche „Kippen“. Ein „Achnee, doch nicht…“ wenn ganz beiläufig ein Fakt bekannt wird, aus dem abgeleitet werden kann, dass der Fall eben doch noch nicht abgeschlossen ist. Dass man sich geirrt hat. Das alles wieder von vorn losgeht.
Nicht Olof war Ziel der Angriffe, sondern Peter. Aus Gründen, die weit in seiner Vergangenheit liegen. Und wieder tastet er sich Schritt für Schritt heran, bis es zum schließlich finalen Showdown kommt. Wer die Frau wirklich war, erfährt man direkt nach dieser Bruchstelle an der die Handlung kippt. Warum sie tat, was sie tat, erfährt man erst auf den allerletzten Seiten, so dass es wirklich spannend bleibt bis zum Schluss.

Ich bin auch nach dem Lesen dieses Romans wieder beeindruckt von Alvtegens Erzählkunst. Sie erzählt ruhig und völlig unaufgeregt eine spannende, in sich stimmige Geschichte und zeichnet ein beeindruckendes Psychogramm dreier Menschen auf weniger als 250 Seiten. Andere Autoren verplempern teilweise gut das Doppelte – und deren Geschichten sind mitnichten spannender oder besser. (Ich persönlich finde ja nebenbei gesagt, dass gerade im Bestsellerbereich Krimis teilweise unnötig lang sind, aber das ist meine subjektive Meinung.)

Nicht so gut gefallen hat mir unterm Strich nur die Lösung des Falles. Die war mir zu konstruiert, verworren und zu weit hergeholt.
Abgesehen davon ein gutes und spannendes Buch, das ich sehr gerne gelesen habe. Und auch hier kann ich  nur wieder sagen: Es wird definitiv nicht mein letztes von Alvtegen bleiben!

Karin Alvtegen – Schuld
Rowohlt Verlag
ISBN 3499229463
8,90 Euro

2 thoughts on “Schuld

  1. Hallo MAren!

    DAs Buch subbt noch bei mir.
    Vin der Autorin habe ich „Der Seitensprung“ und „Die Flüchtige“ gelesen und beide fand ich ziemlich klasse, eben aus den Gründen die Du auch aufführst, denn die Autorin schafft es einfach ein Szenerie zu erschaffen, die einem beim Lesen total fesselt und irgendwie auch fasziniert.

    Gruß SilkeS.

    • Gell, die ist toll! Und es ist so angenehm zu lesen! Spannend, und doch nicht so überladen. Wahnsinn auch wie vielschichtig die Bücher sind – auf vergelichsweise wenig Seiten! Absolut klasse.
      Ich will auf jeden Fall die 3 anderen Bücher, die ich noch nicht kenne, auch bald lesen.

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