Ehrenwort

Ich bin ein großer Freund von Ingrid Nolls Krimis, seit ich Der Hahn ist tot gelesen habe. Das war vor über 10 Jahren, und seither habe ich dieses und andere Bücher von ihr immer gerne gelesen und mich auf Neuerscheinungen gefreut.

So auch auf diese. Nachdem der letzte Roman Kuckuckskind eher schwach geraten war im Vergleich zu den meisten vorherigen, ließ sich das vorliegende Ehrenwort zunächst sehr gut an. In gewohnt lakonischer Manier wird Schicht für Schicht eine nach außen hin vorbildliche Familie demontiert, in der jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, wobei ein gebrechlicher Opa jedoch im Weg steht.
Der alte Willy Knobel, nach einem Sturz stark gehbehindert und pflegebedürftig, wird von seinem Enkel Max vor dem Pflegeheim gerettet und kurzerhand bei der Familie einquartiert. Platz ist genug in dem großen Haus, doch Sohn Harald Knobel grollt seinem Vater, der sein ganzes Leben lang mit lateinischen Zitaten um sich warf und dem Sohn stets das Gefühl gab, nicht gut genug zu sein für seinen promovierten alten Herrn.

Schwiegertochter Petra ist zunächst Feuer und Flamme für das edle Ansinnen des Sohnes und ist gerne bereit, den gebrechlichen Alten bei sich aufzunehmen – und im Kreise der Familie friedlich sterben zu lassen. Dummerweise geht der Schuss nach hinten los, denn der anfangs stark geschwächte Opa erholt sich dank Maxens fürsorglicher Pflege bestens und tyrannisiert die Familie, die den Alten nun nicht wieder los wird.

Auf die typisch nollsche groteske Art und Weise werden nun Pläne zur Beseitigung dieses lästigen Übels geschmiedet, die leider allesamt schief gehen und/oder die Falschen treffen. So nebensächlich wie in anderen Romanen Brote geschmiert werden, werden bei Ingrid Noll Mordphantasien in die Tat umgesetz. Immer stramm das Ziel und den eigenen Vorteil vor Augen, ohne große Worte zu verschwenden. Diese kleinen Boshaftigkeiten und der schwarze Humor machen für mich Noll-Romane aus, und in dieser Hinsicht war auch Ehrenwort ein Lesegenuss.

Was mir hingegen nicht gefiel, waren einige zu konstruiert wirkende Nebenhandlungen sowie die etwas zu ambivalente Darstellung des Enkels Max. Ich bin aus ihm nicht schlau geworden. Einerseits in liebevoller Fürsorge für den Großvater entbrannt, andererseits ohne Skrupel ihn als Geldquelle zur Begleichung persönlicher Schulden zu missbrauchen. Das war mir zu wischiwaschi, und gerade von dieser zentralen Person hätte ich mir einen etwas eindeutigeren Charakter gewünscht.
Insgesamt flacht die Geschichte im letzten Drittel auch inhaltlich stark ab. Das war nicht hü und nicht hott, man dreht sich im Kreise, und der Schluss war für mich auch etwas unbefriedigend. Sehr schade, denn inhaltlich finde ich die Geschichte interessant und zumindest anfangs auch sehr gelungen aufbereitet.

Ingrid Noll – Ehrenwort
336 Seiten
Diogenes Verlag
ISBN: Deutsch
21,90 Euro

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6 Kommentare zu “Ehrenwort

    • Ich fand das Buch schon auch gut, und ich freue mich über jedes neue von Ingrid Noll, da ich sie wie gesagt sehr mag. (Ich habe fast alle ihre Bücher mehrmals gelesen, und das tu ich nur bei den richtig richtig guten!)
      Aber dieses fand ich am Schluss einfach sehr unrund, vor allem in Bezug auf Max.Vielleicht bin ich zu pingelig oder die Messlatte liegt einfach zu hoch, weil ich ihre früheren Romane so genial fand.

    • Am allerallerliebsten mag ich „Der Hahn ist tot“, das hab ich auch schon etliche Male gelesen. Finde das Buch einfach genial. Und lese es immer wieder gern! An zweiter Stelle „Die Apothekerin“ und „Röslein Rot“.

  1. Schön, die kenne ich alle noch nicht. Dann werde ich demnächst mal meinen Ticket-Status aufstocken müssen. Ältere Bücher sind bei BT ja immer am günstigsten zu haben.

    Danke! :)

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