Wie man leben soll

Ein ungewöhnliches Buch bzw ungewöhnlich geschrieben, aber es hat mir einem sehr gefallen!
Unglaublich gewöhnlich ist zwar der Protagonist und eigentlich ziemlich langweilig, wie auch sein Leben: Karl („Charlie“) Kolostrum (WTF??!) ist fett, hat Akne, lebt bei seiner alkoholkranken und irgendwie abgedrehten Mutter, geht noch zur Schule und führt ein in jeder Beziehung mittelmäßiges Leben.

Erzählt wird von Charlies Teenagerzeit an bis in seine 30er hinein. Und das auf nur knapp 240  Seiten, allerdings anfangs recht detailiert, später stark gestrafft.
Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist die Erzählperspektive, es wird konstant das Indefinitpronomen „man“ verwendet. Erzählt wird zwar aus Charlies Sicht, jedoch spricht er nicht in der Ich-Form, sondern von sich selbst in der dritten Person „man“. Diese etwas sperrige Erzählweise hat mich anfangs sehr irritiert und mir das Lesen auch sehr schwer gemacht, zumal die Erzählweise zusätzlich noch etwas Schwerfälliges und Lakonisches hat – was allerdings hervorragend mit dem Inhalt korrespondiert.
Nach gut 50 Seiten hatte ich mich dann aber dran gewöhnt, und es hat mir sogar zunehmend Spaß gemacht! Völlig plan- und ziellos lebt Charlie als Mitläufer vor sich hin. Sein Heranwachsen, Pubertätsprobleme und -problemchen, der halbherzige Beginn des Studiums (Kunstgeschichte),  die kläglichen Versuche, irgendwo dazu zu gehören, die exzentrische Familie (bestehend aus Mutter und mehreren Onkeln und Tanten), spätere Drogenerfahrungen und die Unfähigkeit, seinem Leben einen Sinn oder ein Ziel zu verleihen – das alles ist ein zäher, träger Fluss – und eigentlich sollte „man“ so eher gerade nicht leben!
Regelmäßig eingestreute Sinn- und Merksprüche à la „Merke: Wenn man betrunken ist, versteht man Zusammenhänge nicht mehr.“ wirken geradezu grotesk in diesem ansonsten nichtssagenden Leben.

Charlie ist eigentlich ein typischer Loser. Einer, der oft zur falschen Zeit am falschen Ort ist, sich aber trotz aller Unzulänglichkeiten und Mittelmäßigkeiten stets irgendwie durchwurschtelt und dem am Schluss dann trotzdem ein gewisser Triumph vergönnt ist.  Moral von der Geschicht: So kann man leben und erreicht trotzdem was.
Man kann das Buch auch als Satire auf eine ganze Generation verstehen, die nicht mehr den Elan und schon gar nicht die Ideale der 68er besitzt, sondern sich lieber treiben lässt vom Leben, die nicht unbedingt zufrieden ist, aber auch nicht die Motivation besitzt, etwas zu ändern.

Sprachlich ist das Buch ein Genuss. Bei Glavinic ist jedes Wort präzise gesetzt, und seine teils messerscharfen zynischen Beobachtungen haben mir viel Spaß gemacht, ebenso die distanzierte Sicht der Dinge seines tragikomischen Antihelden. Einen Stern Abzug gibt es für ein paar beiläufig eingestreute Todesfälle in dem Buch, die ich etwas überzogen fand: Da werden „aus Versehen“ Leute umgebracht, aber nicht großartig Worte darüber verloren. Das soll wohl darstellen, wie langweilig Charlies Leben tatsächlich ist und dass selbst derartige Einschnitte sein Phlegma überhaupt nicht erschüttern können. Mir war das ein bisschen zu bizarr, das Buch hätte mir persönlich ohne diese Episoden mehr Spaß gemacht.

Dennoch absolut empfehlens- und lesenswert!

Thomas Glavinic – Wie man leben soll
239 Seiten
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN: 342313903X
8,95 Euro

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4 Kommentare zu “Wie man leben soll

  1. Danke für deine Rezension!
    Dieses Buch schlummert auch noch auf meinem Wunschzettel – für den ich allerdings bald ein Navi brauche. :-D

  2. Kann ich bestätigen. „Wie man leben soll“ ist eines der absolut empfehlenswerten Bücher von Thomas Glavinic. Noch besser fand ich übrigens „Das bin doch ich“, auch sein „Kameramörder“ ist faszinierend geschrieben.

  3. Schöne und ausführliche Rezension zu einem wundervollen Buch. Ich hab’s geliebt, wie alle anderen von Glavinic auch. Und gerade die Merksätze haben’s total in sich ;-)

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