Schneewittchen muss sterben

Tatort: Altenhain/Taunus
Einwohner: 1.551
Bundesland: Hessen

Autorin: Nele Neuhaus
Ermittler: Oliver Bodenstein, Pia Kirchhoff

Um es vorweg zu nehmen: Ich fand dieses Buch sagenhaft schlecht. Unter anderem gemessen an den Erwartungen, die ich aufgrund der beinahe durchweg positiven, ja schwärmerischen Rezensionen auf Amazon und in diversen Literaturforen hatte. Die Story auf dm Klappentext klang gut, und praktisch alle Rezensenten waren der Meinung, das Buch wäre ungemein fesselnd und spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Nun, das kann ich zugegebenermaßen nicht wirklich beurteilen, da ich auf halber Strecke dann aufgegeben habe. Aber bis dahin wars so ziemlich der unspannendste Krimi, den ich je gelesen habe.
Dabei ist der Plot an sich nicht schlecht: Es geht um ein 10 Jahre zurückliegendes Verbrechen, bei dem 2 Mädchen verschwanden und mutmaßlich ermordet wurden, jedoch nie wieder auftauchten. Der damals verurteilte Tobias Sartorius hat zwar nie gestanden, jedoch seine Haftstrafe von 10 Jahren verbüßt und kommt nun wieder in den Ort des Geschehens zurück, ein kleines Kaff im Taunus. Prompt häufen sich seltsame „Zufälle“: Ein weibliches Skelett wird entdeckt. Tobias‘ Mutter wird von einer Brücke gestoßen und lebensgefährlich verletzt. Wieder verschwindet ein junges Mädchen… ganz klassisch-klischeehaft hat Tobias natürlich mit der eingeschworenen Dorfgemeinschaft und deren feindseliger Atmosphäre zu kämpfen.

Soweit, so gut. Diesem Buch mangelt es leider erheblich an Struktur und an Kontinuität. Ein Umstand, der mir das Lesen so erschwert und verleidet hat, dass mir jegliches Interesse an der Geschichte verging. Ich lese viele Krimis, aber dieser hier war einer der schlechtesten, die ich je gelesen habe. Der Roman wirkte auf mich „wie gewollt und nicht gekonnt“ und sehr amateurhaft geschrieben: Frau Neuhaus ist bemüht, Spannung aufzubauen und greift dabei auf das klassische Mittel der Cliffhanger und der Szenenwechsel zurück. Dabei treibt sie dies derart auf die Spitze, dass durchgehend nach 1-3 Seiten ein Szenen- und Perspektivwechsel stattfindet. Bald wird aus Tobias‘ Sichtweise ein Techtelmechtel mit Freundin Nadja geschildert, bald ein Gespräch unter Kneipenbrüdern, 2 Seiten weiter plagt der Kriminalkommissar sich mit dem Verdacht, dass ihm die Ehefrau fremd geht, woran sich nahtlos nach 2 Seiten die Beschreibung einer 17jährigen Aushilfskellnerin anschließt…
So geht das in einem fort, und das ist nicht spannend, sondern unglaublich anstrengend! Ich bin überhaupt nicht rein gekommen in die Geschichte, weil Frau Neuhaus einem gar nicht die Zeit dazu lässt und der Geschichte nicht erlaubt, sich zu entfalten.  Nach 2,3 Seiten wird man unterbrochen und an den nächsten Schauplatz geführt, wo man ebenfalls nur kurz verweilen darf.

Und weil das noch nicht genug ist, werden laufend neue Charaktere eingeführt und detalliert beschrieben. Allein auf den ersten 100 Seiten über 50 (!!) Stück. Wer will sich das alles merken? Und wozu sind die gut? Warum wird jede noch so nebensächliche Tippse mit vollständigem Namen und Erwähnung von Haarfarbe und BH-Größe vorgestellt? Ich hatte den Eindruck, die Autorin denkt sich einfach gerne Figuren und Namen aus und hatte Gefallen daran gefunden, möglichst viele davon in ihrem Roman unterzubringen.  (Frau Neuhaus ist nach eigener Aussage in einem Forum übrigens der Ansicht, so viele Personen wären das doch gar nicht. Und die, die in dem Buch vorkommen, hätten absolut sein müssen… Na dann!) Obwohl oder vermutlich gerade weil es so viele Personen sind, blieben diese im einzelnen alle blass und nichtssagend, ich  bin auch mit den Hauptfiguren nicht warm geworden.
Zu den vielen Nebenfiguren gesellen sich mehrere kaum überschaubare Handlungsstänge bis zu den detailliert ausgearbeiteten Privatproblemen der beiden Hauptkommissare. Die eine hat Probleme mit einer Baugenehmigung für ihr Haus, der andere mit seiner Frau – ehrlich, mir war das too much, da die ganzen 4, 5 Krimistränge ja auch noch irgendwie überschaut werden mussten.

Da das Buch auch sprachlich nicht überzeugt und sich ein wenig bemüht liest wie ein Schulaufsatz der 11. Klasse, habe ich dann nach 250 Seiten aufgegeben. Auf diesen 250 Seiten schaffen es andere Autoren einen kompletten Kriminalfall aufzubauen, spannend zu schildern und zum Ende zu bringen. Beim Schneewittchen ist im selben Rahmen nichts weiter passiert als ein Skelettfund und das Verschwinden eines Mädchens. Der Rest wird mit Palaver und Nebensächlichkeiten vergeudet, und dafür ist mir meine Zeit zu schade. Mehrfache Streichungen, Straffungen und Kürzungen hätten dem Buch gut getan!

1 Gnadenstern gibts für die an sich gute Idee, die schöne hessische Mundart und den (leider misslungenen) Versuch, eine düstere Dorfathmosphäre zu erschaffen.

Nele Neuhaus – Schneewittchen muss sterben
537 Seiten
List Taschenbuch Verlag
ISBN: 3548609821
9,90 Euro

11 thoughts on “Schneewittchen muss sterben

  1. Danke! Ich habe schon mehrfach vor diesem Buch gestanden und mit mir gerungen. Bisher kannte ich nur die Leseprobe, die es bei vorablesen mal gab, war mir aber absolut nicht sicher, ob ich sie mochte oder nicht. Jetzt bin ich schlauer und deine Besprechung finde ich wirklich gut begründet und fundiert!

    Liebe Grüße
    Ailis

    • Danke :) Ich hätte das Buch eigentlich gerne gemocht, da ich so gern deutsche Krimis lese und die Geschichte sich so gut anhörte.

      Die Leseprobe habe eben mal gegoogelt. An der kann man schon sehr schön die ständigen Szenenwechsel erkennen! OK, das ist der Anfang des Buches, und da kann man noch denken, dass am Anfang eben Personen und Umstände erst eingeführt werden müssen. Ich finde viele Bücher am Anfang etwas holprig und unruhig, das legt sich aber oft, wenn man mit Personen, Orten usw vertraut ist. Bei diesem bleibt das so unruhig, deshalb bin ich auch überhaupt nicht „rein“ gekommen.

      Die ganzen guten Bewertugen kann ich absolut nicht nachvollziehen bzw erkläre mir das so, dass viele vorableden.de Bücher einen gewissen Hype erleben. Zum einen lesen viele Leute absolut kritiklos und finden das spannend, wo eben „Krimi“ draufsteht, zum anderen trauen sich manche glaube ich auch nicht so recht, ein Rezensionsexemplar schlecht zu finden. Anders kann ich mir nicht erklären, dass diese vielen negativen Sachen niemandem aufgefallen sein wollen!

      (Ich habs übrigens auch als Rezensionsexemplar vom Verlag bekommen, und so leid mir das tut, aber es war bestimmt das erste und letzte Buch, was ich vom Ullstein Verlag bekommen habe… ;))

  2. Ich kenne nur den Titel des Buches und habe den Hype darum mitbekommen. Die Inhaltsangabe las sich ganz interessant, allerdings auch nicht so spannend, dass ich mir das Buch unbedingt kaufen wollte.
    Jetzt bin ich froh, dass es so war, denn nach deiner Rezension zu urteilen, düften mich dieselben Punkte nerven. Zuviele Nebensächlichkeiten behindern meist den Lesefluss. Ich mag lieber einen bis maximal drei Handlungsstränge, die sich am Ende zusammenfügen, woraufhin man dann voller Staunen sagt: „Oh, das steckte also dahinter!“
    Ausführliche Beschreibungen von Äußerlichkeiten finde ich hingegen eher platt. Es gibt Autoren, die sowas ganz hervorragend auf unterschwellige Weise transportieren, sodass man sich ein Bild der Figur machen kann, ohne konkret mit der Nase drauf gestoßen zu werden, welche Farbe die Haare haben, welche Klamotten getragen werden usw.
    Da gibt es dann zwar auch eine bestimmte Richtung, in die die Fantasie des Lesers gelenkt wird, doch letztlich ist da noch jede Menge Spielraum und genau das gefällt mir.
    Kurz gesagt: Ich hatte vorher nur mäßiges Interesse, jetzt bin ich noch skeptischer, werde aber trotzdem mal in die Leseprobe reinschauen, um noch besser zu verstehen, was du meinst.

  3. Na, dass nenn ich mal einen Verriss! ;-)

    Ich habe mir das Schneewittchen, nicht weil ich Krimifan bin, sondern weil bei uns in Kürze eine Lesung ist, gekauft und in knapp zwei Tagen gelesen gehabt. Insofern kann ich nichts anderes sagen, als daß es spannend war und mir gefallen hat.

    Natürlich habe ich das, was du anführst, auch wahrgenommen. Es gab eine Stelle im Buch, da habe ich mir innerlich gesagt, es fehlt nur noch Frauenhandel, Kinderpornographie und .. was weiß ich, dann hat Neuhaus in ihrem Buch alles untergebracht. Aber da lese ich auch selektiv, ich gebe es zu. Sowas überfliege ich dann nur, weil mich die Körbchengröße der Tippse eben nicht interessiert und es kein hochgeistiges Werk ist, bei dem es auf jedes Wort ankommt. Das ist die Freiheit, die ich mir persönlich bei Unterhaltungsliteratur als Leser nehme: ich überfliege eben auch mal einen Nebenkriegsschauplatz, wenn ich bei der Story bleiben will.

    • Selektivlesen kenne und praktiziere ich eigentlich auch oft, aber bei diesem Buch war einfach die Grenze des Erträglichen erreicht.
      Ich verstehe auch gar nicht wie man trotz aller Selektivleserei dieses Buch spannend finden kann, denn durch die extrem kurzen Szenen kam für mich gar nicht erst Spannung auf, im Gegenteil. Auch die zu detailliert beschriebenen und zu vielen Personen und die langweilige Schreibweise sind für mich nichts gewesen, was ich nur „am Rande“ negativ empfunden hätte. Wenn ich all dies abziehe, bleibt von dem Buch nämlich nichts mehr über, insofern war da für mich kein Selektivlesen mehr möglich.

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  5. Hallo Maren,

    jetzt muss ich mich doch mal melden – bisherhabe ich nur still mitgelesen. Normalerweise finde ich dien Rezensionen immer sehr treffend. Wir haben oft den gleichen Eindruck von bestimmten Büchern. Zunächst hatte ich mir das Schneewittchenbuch daher nach deiner Kritik auch aus dem Kopf geschlagen. Aber jetzt habe ich es doch ( ich dachte nicht mehr an die Kritik) gekauft und auch gelesen und diese eine Mal gehe ich mit dir nicht einig. Ich fand das Buch sehr spannend und interessant geschreiben. Sicher, die Geschichte ist schon ein bisschen weit hergeholt, aber dennoch gut geschrieben.

    Ich fand auch nicht, dass zu viele Personen in zu kurzer Zeit eingeführt wurden. Da alle zueinander in einem Beziehungsgeflecht standen, was es schon immer nachzuvollziehen. Von der Arbeit der Polizei ausgehend ist das auch recht realistisch, da in der Realität halt nicht nur die 5 Personenn auftauchen, die tatsächlich mit einem Mord zu tun haben……

    Viele Grüße
    Birgit

    • Nuja, jede Rezension und jede Meinung ist eben auch subjektiv :)

      Ich persönlich finde nicht, dasss man allein auf 100 Seiten 50 und mehr Personen miteinander „verflechten“ muss, damit die Geschichte einen Sinn ergibt. Natürlich stehen die alle mehr oder weniger in Zusammenhang, aber die Frage ist halt: MUSS man wirklich selbst noch die kaffeebringende Sekretärn einer Nebenfigur namentlich und mit Beschreibung der Äußerlichkeiten sowie Kurzbiographie erwähnen? Ich denke nicht, und ich weiß, dass dies der Eindruck ist, den viele Leser von dem Buch haben. Der Verzicht auf derartig ausufernde Personenbeschreibungen hätte dem Roman aus meiner Sicht schon mal gut getan. Von den ganzen nebensächlichen privaten Problemchen der Ermittler mal ganz zu schwiegen.Zwischen 5 und 50 Personen gibt es ja auch noch einen gewissen Spielraum ;)
      Mag sein, dass die Geschichte – auf das Wesentliche reduziert – subjektiv spannend ist, aber Frau Neuhaus beherrscht für mein Empfinden einfach das Maßhalten und auch das Strukturieren einer Geschichte überhaupt nicht, so dass das für mich absolut kein gutes Buch ist unterm Strich.

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