Der Augensammler

Ehrlich gesagt: Nicht so meins! Ehrlich gesagt für mich sogar der bisher mit Abstand schlechteste Fitzek. „Psychothriller“ steht drauf, und das kennt und erwartet man ja auch von Sebastian Fitzek. Aber weit gefehlt. Hier spielt sich der Horror nicht wie sonst meistens in den Köpfen der Protagonisten ab. Nein, hier wird auf dumpfe, derbe und platte Schockeffekte gesetzt.

Das finde ich extrem schade. Sebastian Fitzek das gar nicht nötig, denn er KANN gute Stories schreiben mit subtilem Schrecken, der sich leise anschleicht,  die Leser zutiefst beunruhigt und sie mitreißt in den Wahn der Protagonisten, so dass sie selbst beinahe verzweifeln an der Frage, was Wahn ist und was Wirklichkeit. Fand ich schon den Spiltter stellenweise etwas derbe, ist der Augensammler für mich der absolute Overkill gewesen. Schilderungen von bei lebendigem Leibe verwesenden Personen, schön genüsslich breitgetreten über mehrere Seiten, ließen meinen Mageninhalt beinahe den Rückwärtsgang einlegen. Das ist gewiss Geschmackssache, und es liegt insofern auch zT einfach an mir, dass mir dieses Buch nicht gefiel. Dennoch bin ich der Meinung, dass hier viel verschenkt wurde und dass Fitzek eine längere Kreativpause gut tun würde, um wieder zu gewohnter Brillanz zu finden und ausgefeiltere Plots zu ersinnen.

Stichwort Plot: Auch diesen fand ich durchschnittlich beim Augensammler – viel mehr als das, was man bereits aus dem Klappentext weiß, gibt er nicht her! Die „Fallauflösung“, dh die Täteridentität fand ich zwar überraschend, aber unrealistisch. Die Gründe für die Taten waren mir zu weit hergeholt und einfach unglaubwürdig. Viel heiße Luft.

An sich vom Aufbau her aber ein gutes Buch. Auch habe ich den Eindruck, dass Fitzek diesmal mehr Wert gelegt hat auf die Charakterisierung der Personen. Alexander Zorbach war mir sympathisch, und für die blinde Alina Gregoriev hat der Autor umfangreiche Recherchen betrieben, was man der Figur auch anmerkt (ich mochte sie übrigens trotzdem nicht, aber Antipathien gibts ja immer ;)).
Das wirklich Geniale an dem Buch ist der Umstand, dass die Kapitel und die Seitenzahlen rückwärts laufen. Es wird von 442 gegen 1 gezählt, die letzte Seite ist die 1. Dies ist beim Lesen verwirrend. Ich hatte irgendwann aufgegeben, mir über Sinn und Unsinn dieses „Ticks“ Gedanken zu machen, bis mir auf Seite 1 – also ganz am Schluss – dämmerte, was es damit auf sich hatte. Dieser Kniff ist meisterhaft, der Schluss ist ein wahrer Albtraum. Man glaubt, am Ende angelangt zu sein und alles würde gut, man glaubt, nun alles zu wissen und alles gelöst zu haben – und plötzlich „kippt“ alles, und die Geschichte bekommt eine neue Wendung – grandios!

Dennoch, unterm Strich für mich leider kein wirklich gutes Buch, da es einfach zu sehr auf diese ganzen Schock-Blut-Ekel-Effekte abzielt. Das kann Sebastian Fitzek besser, viel besser – sehr schade!
Ich hoffe, er schreibt mal wieder Bücher im Stile von Die Therapie – für mich nach wie vor sein bestes Buch.

Sebastian Fitzek – Der Augensammler
432 Seiten
Droemer/Knaur, Juni 2010
ISBN: 3426198517
16,95 Euro

5 thoughts on “Der Augensammler

  1. Komischerweise macht mich gerade diese eher negative Rezension neugierig. Ich persönlich mag ein wenig Ekel, Schock uns Splatter sehr, muss allerdings auch sagen, dass Fitzek gerade die Kunst beherrscht(e), ohne diese Effekte zu schocken. Dennoch freue ich mich jetzt sehr auf dieses Buch, da mich die Sache mit den rückwärts zählenden Seiten sehr fasziniert.
    Davon abgesehen bin ich persönlich der Meinung, dass kaum ein Buch von Fitzek schlechter sein könnte als „Amok-Spiel“. Das mag daran liegen, dass ich diese Geschichte nur als Hörbuch kenne, aber diese Geschichte war für mich so unsagbar konstruiert und ließ mich so wenig an die Protagonisten herankommen, dass ich dem einfach gar nichts abgewinnen konnte. Insofern kann der Augensammler bei mir jetzt wohl nur gewinnen.

    • Ach, Amokspiel war doch nicht schlecht – höchstens ein wenig langweilig ;)
      Wenn du solche Blut-Verwesung-Eiter-Sachen magst, dann ist das Buch sicher nicht ganz verkehrt für dich Ich persönlich begreife überhaupt icht wie man sowas lesen kan. Wenn ich im Vorfeld weiß, dass ein Buch sowas beinhaltet, lese ich das normalerweise gar nicht.
      Für mich war das Buch einfach eie wahnsinnige Enttäuschung, weil es nicht auf den sonst so fitzektypischen subtilen Horror abzielte, sondern eher ein „normaler“ Thriller war, bei dem nichts Außergewöhnliches passierte und mit diesem Ekelszenen anscheinend aufgewertet werden sollte.

      Eigentlich kann es dir nur besser gefallen als mir, viel Spaß beim Lesen!

  2. Schade, ich mag Horror auch nur, wenn er subtil ist. Psycho ist super, aber Ekel ist gar nicht meins. Zum Glück habe ich aber noch ein paar ältere Fitzeks zur Auswahl.
    »Trigger« werde ich aus demselben Grund übrigens auch nicht lesen.

  3. Hast du „Der Seelenbrecher“ von ihm gelesen? Wie fandest du das?

    Ich bin mit „Der Augensammler“ auch durch und muss sagen ich fand es recht gut, allerdings fand ich das ein oder andere „Detail“ dann doch sehr … eklig … Hätte man sich m.M. nach sparen können.

    Trotz allem fand ich bis jetzt jedes seiner Bücher gut, Seelenbrecher hab ich aber noch nicht gelesen.

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