Perfekte Pläne

Was für ein herrliches Buch – und sowas zieht man mal eben aus einem Mängelexemplare-Haufen!
Schon der Klappentext hatte mich angesprochen und die Beschreibung von dem Toten in der Kirche, der sein Leben mit 73 offenbar nochmal ganz neu ordnen wollte. Das hat mich neugierig gemacht.
Das Buch selbst übertraf dann sogar noch meine Erwartungen. Der Stil erinnert manchmal ein wenig an die von mir hochgeschätzte Ingrid Noll: Sprachlich nüchtern-scharfzüngig, inhaltlich stur geradeaus, und dabei verschrobene Charaktere ohne viel Kontakt zur Außenwelt.

Interessant ist vor allem der ständige Wechsel der Erzählperspektive (beides in der Ich-Form): Zum einen berichtet die ermittelnde Kommissarin Beate Stein von dem Fall, ihren Gedanken dazu und ihrer Herangehensweise. Zum anderen werden abwechselnd Briefe eingeschoben, die der ermordet aufgefundene Werner Krieger als eine Art „Tagebuch“ an seine verstorbene Frau schrieb. Man lernt Krieger als Mann kennen, der nach einem Schlaganfall viel Zeit zum Nachdenken über sich und sein Leben hatte, und für sich erkennen muss, dass er vieles falsch gemacht hat, was nicht mehr korrigierbar ist. Er hat sein Leben lang nur gearbeitet, den eigenen Handwerksbetrieb aufgebaut und geleitet – und seiner Frau und seinen drei Kindern somit zumindest finanziell ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Im Alter und nachdem er dem Tod gerade noch mal von der Schippe gesprungen ist, fällt ihm zu seinem Bedauern auf, dass er seiner Frau nicht die Liebe entgegengebracht hat, die sie verdient hatte. Dass er mit seinen Kindern nicht viel anfangen konnte und sie zu hart behandelt hat. Nun ist er alt und krank, aber auf dem Wege zur Besserung und hofft auf einen Besuch seiner 3 inzwischen erwachsenen Kinder. Er wartet umsonst. Dabei wäre er gerne bereit, sich mit ihnen zu versöhnen, um Verzeihung zu bitten und alles besser zu machen. Und man spürt, dass er dies ernst meint, dass es von Herzen kommt.

Das Spannende an diesem Roman ist seine Vielschichtigkeit. Es ist kein klassischer Who-done-it Krimi. Wer der Mörder Werner Kriegers ist, ist lange Zeit gar nicht so wichtig. Wichtig ist, wer Werner Krieger selbst war. Das weiß man als Leser durch die eingestreuten Briefe lange Zeit besser als Ermittlerin Beate Stein. Doch auch sie versucht sich ein Bild zu machen von dem Mordopfer und spricht daher mit Menschen aus seinem Umfeld – sie nähert sich Krieger also aus der anderen Richtung, von außen statt innen. Nachbarn, Kinder, ehemalige Geschäftspartner geben bereitwillig Auskunft – und auch die junge Familie, die Werner Krieger gewissermaßen adoptiert hatte, nachdem seine eigenen Kinder ja nichts mehr von ihm wissen wollten und mit der er ein neues Leben beginnen wollte.
Ich fand es geradezu rührend naiv, aber irgendwie auch bewundernswert, wie Krieger sich eben kurzentschlossen einfach eine neue Familie gesucht hat, und zwar per Zeitungsinserat. Wenn es mit der eigenen Familie nicht mehr klappt, dann sucht er such eben eine Neue! Zum einen aus echter Sehnsucht nach Nähe, Zugehörigkeit und auch Geborgenheit einer Familie. Zum anderen um an anderen das wieder gut zu machen, was er bei der eigenen Familie seiner Meinung nach versäumt hat. Diese verwehrt ihm Wiedergutmachung, und für Werner ist es vollkommen logisch, es dann eben woanders zu versuchen. Mir hat es Spaß gemacht, von Kriegers Tatendrang zu lesen, seinem neu erwachten Lebensmut und seiner ehrlichen Reue über Verpasstes und falsch gemachtes.

Besonders interessant ist die Tatsache, dass Bea Stein, während der Leser viel über Kriegers Innenansichten und Selbstreflexion erfährt, praktisch aus der anderen Richtung her ermittelt und dort sehr Gegensätzliche Meinungen über ihn zu hören bekommt, die sich nur bedingt mit seinem eigenen Selbstbild decken. Von den eigenen Kindern teils als Tyrann, Dampfwalze und Egozentriker beschrieben, teils aber auch als liebevoller Vater, der einfach unter dem Druck stand ein Unternehmen zu leiten und daher schlicht wenig Zeit für Familienleben hatte. Der seine Frau aufrichtig und tief geliebt und ihr dies auch gezeigt hat. Der bei Kollegen und Angestellten wegen seiner Strenge gefürchtet, aber auch wegen seiner Gerechtigkeit geschätzt wurde. Kurzum: Größtenteils ganz anders als er sich selbst wahrnimmt!

Das zu Lesen fand ich ungemein spannend. Das Buch ist über weite Strecken kein Krimi, sondern eine Charakterstudie. Eine Person wird durchleuchtet, seine Persönlichkeit Stück für Stück zusammengesetzt – und doch bleibt am Ende jedem Leser selbst überlassen, wie er Krieger nun sehen möchte, was er aus den gegensätzlichen Aussagen über ihn als „Wahrheit“ ansehen möchte. Ich für meinen Teil mochte ihn sehr, diese etwas verschrobenen, vertrottelten un dnaiven alten Herrn, den ich mir so „böse“, wie er sich skizziert gar nicht vorstellen kann!
Der Mordfall bzw dessen Aufklärung kommt erst recht spät in die Gänge, was mich aber nicht gestört hat. Durch die gründliche Beschäftigung mit der Person Werner Krieger hat man somit wenigstens eine gute „Grundlage“ für die Frage, wer eigentlich an seinem Tode Interesse gehabt haben könnte. Da kommen so einige in Frage, und am Schluss organisiert die patente Beate Stein einen ordentlichen Showdown auf die Beine!

Beate Stein war mir sehr sympathisch und vor allem so schön frei von Klischees. Krimiermittlerinnen sind meistens entweder flotte Bienen, die sich total cool und tough durch eine von Männern dominierte Welt kämpfen, dabei stets sexy Naturschönheiten sind, die zwischendurch gerne auch nochmal gepflegt den Hauptverdächtigen vögeln. Oder aber es sind verkrachte Existenzen ohne Sozialkontakte, geschweige denn Sozialkompetenz und nur noch sporadischem Kontakt zur Wirklichkeit. Frau Stein ist irgendwo dazwischen und doch so grundlegend anders. Ein bisschen Emanze, ein bisschen melancholisch, stark und doch schwach, vor allem aber wunderbar scharfzüngig.

Ich habe dieses Buch so sehr genossen, dass es mir schwer gefallen ist es zu beenden. Zu meiner Freude fand ich heraus, dass es der bereits 5. Teil einer losen Serie um Beate Stein ist. Teil 1 + 2 sind nun bereits auf dem Weg zu mir :)

Sabine Deitmer – Perfekte Pläne
365 Seiten
Fischer Taschenbuch, August 2008
ISBN: 3596157854
8,95 Euro

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2 Kommentare zu “Perfekte Pläne

  1. Oh man, jetzt klick ich mich seit ein paar Stunden durch den Blogg und meine Amazon Wunschliste wächst ins unermessliche :-) Wird wohl doch Zeit für einen Bibliotheksausweis…danke für diesen (und alle ähnlichen) Blogg von einer die auch mal drei Bücher an nur einem Tag durchliest :-)

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