Der Trakt

Endlich mal wieder ein gutes Buch von vorablesen.de ;)
Ich war sehr gespannt auf den Trakt von Arno Strobel, nicht zuletzt wegen der angeblichen Ähnlichkeit zu Sebastian Fitzeks Roman Der Splitter.

Nach dem Lesen kann ich nun sagen: Eine Ähnlichkeit bei der Grundthematik ist durchaus vorhanden: Die Möglichkeiten und Folgen einer Manipulation des menschlichen Gedächtnisses. Während beim Splitter das Auslöschen bestimmter Erinnerungen im Vordergrund steht, stellt Der Trakt eher auf die gezielte Manipulation ab und das Übertragen menschlicher Erinnerungen von einer Person auf eine andere.
Der Plot ist sehr spannend: Eine Frau wacht in einem „Krankenzimmer“ auf und weiß zwar, wer sie ist – aber alle anderen scheinen dies nicht zu wissen. Nach ihrer Flucht aus dem Krankenhaus, mit dem es scheinbar nicht mit rechten Dingen zugeht, wird sie weder von ihrem Ehemann, noch von ihrer besten Freundin oder sonst irgendjemandem aus ihrem Umfeld als Sibylle Aurich erkannt. Schlimmer noch: Sie vermisst ihren Sohn Lukas. Und noch schlimmer: Niemand außer ihr kennt Lukas! Jeder behauptet, dass 1. sie nicht Sibylle Aurich sein könne und 2. Sibylle Aurich keinen Sohn hätte.
Das muss man natürlich erstmal schlucken, und genau wie Sibylle ist man auch als Leser sich nie so recht sicher, wie der Hase eigentlich läuft: Ist eine riesige Verschwörung im Gange, bei der man alle anderen manipuliert und instruiert hat, Sibylle zu verleugnen? Oder stimmt mit Sibylle selbst etwas nicht bzw mit ihrer Erinnerung?.

Spannung wird auch vor allem dadurch erzeugt, dass weder Sibylle, noch der Leser wissen, wem sie eigentlich vertrauen können. Da die Protagonistin ja von allen, die ihr lieb sind, verleugnet wird, flüchtet sie sich schließlich zu einer älteren Dame, die die offensichtlich verwirrte und verzweifelte Frau schon zuvor von der Straße aufgesammelt hatte. Rosie kann man vertrauen – so scheint es. Oder steckt sie etwas mit „denen“ unter einer Decke, die Sibylle angeblich für dubiose Experimente missbraucht haben, wie ihr ein gewisser Christian ihr eindringlich glaubhaft erzählt? Seine Schwester ist in einer ähnlichen Situation, auch sie vermisst ein Kind, das es in Wahrheit gar nicht gibt! Aufgrund dieser Parallelen lässt sich Sibylle schließlich davon überzeugen, dass hier eine Verschwörung vorliegt, dass sie sich „Lukas“ aufgrund einer gezielten Manipulation nur einbildet und sie Christian vertrauen kann.
Und dann kippt diese Konstellation erneut… Und nochmals. Ständig kommen Zweifel auf, wer eigentlich zu den Guten und wer zu den Bösen gehört, bis hin zur Polizei. Über weite Strecken ist dies eigentlich das Kernstück dieses Thrillers, und ich fand es sehr, sehr spannend zu lesen.

Um auf den Vergleich mit Fitzek und seinen Splitter zurückzukommen: Ich muss sagen, dass mir Der Trakt besser gefallen hat! Hier laufen nicht so viele scheinbar unzusammenhängende Handlungsstänge parallel ab, nur um sich dann am Schluss zu einem nicht besonders logischen und an den Haaren herbeigezogenen Ganzen zu fügen. Hier wird insgesamt stringenter erzählt, die Handlung ist nicht so unrund und aufgebauscht mit Effekten, die nur schnell wieder verpuffen und eigentlich mehr für Verwirrung sorgen. Nicht falsch verstehen, ich mag Fitzek sehr und fiebere schon seinem Augensammler entgegen! Aber der Splitter war für mich eindeutig eins seiner schlechteren Werke. Ein Mangel war für mich vor allem die Auflösung der Geschichte, die ich als geradezu lächerlich weit hergeholt empfunden habe.
In Arno Strobels Trakt hingegen fügt sich am Schluss alles zu einem logisch nachvollziehbaren Ganzen und man hat nicht das Gefühl, dass Handlung und Schluss voneinander getrennt betrachtet werden und eh nur der spannende Mittelteil dem Autor wichtig war.  Die „Auflösung“ der Geschehnisse war bei Arno Strobel zwar auch irgendwie etwas „Sci-Fi“, aber in sich durchaus schlüssig und zufriedenstellend.

Einziges Manko waren für mich die Charaktere, die ich allesamt ein wenig blass fand. Wirklich herausgearbeitet wird kein Charakter, es sind alles nur beliebig austauschbare Stereotypen. Sympathisch war mir nur Rosie. Mit der Hauptperson Sibylle bin ich bis zum Schluss nicht warm geworden, und die Bösewichter waren mir alle zu klischeehaft.

Dennoch unterm Strich ein wahnsinnig spannender, gut recherchierter Thriller, aber ohne Effekthascherei.
Mehr davon!

9 thoughts on “Der Trakt

  1. Miste….das gab es bei vorablesen??? Ich habe da schon Wochen nicht mehr geguckt, ich Depp. Aber ich bin die letzten Tage auf dem Weg zur Arbeit immer an einer Litfasssäule vorbeigesaust, wo ein Plakat davon hing. Ich bretter ja immer mit einem Affenzahn bar jeder Verkehregel durch die Stadt, aber das hab ich trotzdem gesehen und dachte nur „Musst du mal bei nachforschen….“….ärgerlich, hätte mal bei vorablesen schauen sollen…

    • Ja, aber das ist jetzt schon sicher auch 6 Wochen her, dass das dort angeboten wurde. Ist aber diesmal ein TB; insofern nicht ganz so schmerzlich, wennman es verpasst hat ;)

  2. Hallo Maren!

    Ich habe ebenfalls die LR bei Vorablesen. de gelesen und dann noch den livestram der Autorenlesung mit Arno Ströbel auf Lovely Books geguckt und war super neugierig auf das Buch.
    Deine Meinung hört sich echt vielversprechend an und ich habe mir das Buch auch bereits als Wanderbuch geordert.

    Gruß Silkes.

  3. Ehrlich! ;) Es wurde zwar überall geschwärmt und die Leseprobe auf der Arbeit war auch sehr verlockend, aber deine Rezi hat jetzt den Ausschlag gegeben. Du bist immer so schön geraderaus – damit kann ich was anfangen, auch wenn wir vielleicht nicht immer einen ähnlichen Geschmack haben.

    • Ach, das hast du schön gesagt mit dem geradeaus! :)

      Das Schreiben dieser Rezi ist mir aber auch wirklich leicht gefallen, während ich bei manchen anderen ewig rumkrampfe und es mir trotzdem nicht gelingt, das Buch wirklich „rüberzubringen“. Da kann man nur üben. Vllt sollt eich mich künftig am Stichwort „geradeaus“ orientieren…
      Und natürlich wäre ich seh rgespannt, ob dir das Buch gefällt!

  4. Pingback: Monatsliste April 2010 « Bibliomanie

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