Finstere Orte

Dieses Buch habe ich von vorablesen.de bekommen und wollte es nach der mir sehr sympathischen Leseprobe auch unbedingt lesen. Leider hat es mich als ganzes dann doch nicht so wirklich überzeugen können.

Der Plot schien mir sehr interessant, da mich dieses klassische „vielleicht war damals alles ganz anders„-Schema immer wieder aufs Neue fasziniert:  Libby Day war 7 Jahre alt, als ihre Mutter und ihre beiden älteren Schwestern in ihrem Farmhaus grausam ermordet wurden. Libby selbst und der 15jährige Bruder Ben waren die einzigen Überlebenden, und aufgrund von Libbys Aussage wurde Ben als offenbnar einzig infrage kommender Mörder zu lebenslanger Haft verurteilt.

Dies ist nun 25 Jahr her, und Libby berichtet aus ihrer Sicht, wie sie diese Jahre verbracht hat: Als „Schmarotzerin“, die als Kind herumgereicht wurde von Verwandten zu Pflegefamilien und wieder retour. Die sich nie um eine Ausbildung gekümmert hat und nie das Bedürfnis hatte, auf eigenen Füßen zu stehen, sondern 25 Jahre lang von dem Geld gelebt hat, das durch Spenden für das bedauernswerte „Baby Day“ zusammengekommen ist. Dieses Geld ist nun aufgebraucht, da Libby selbst nie gearbeitet oder sonstwie Geld verdient hat, und so braucht sie eine neue Einnahmequelle. Da kommt es ihr gerade recht, dass ein Vertreter des skurril anmutenden „Kill Clubs“ an sie heran tritt mit der Bitte, sich gegen Bezahlung in diesem Club zu engagieren. Der Kill Club, das sind Menschen, die sich für (ungelöste) Verbrechen interessieren (für mich übrigens sehr nachvollziehbar…) und dabei soweit gehen, „Souvenirs“ zu sammeln. Libby wird dafür bezahlt, auf einem Clubtreffen zu erscheinen, man kauft ihr harmlose Briefchen ihrer Schwestern ab und bittet sie schließlich, sich mit ihrem im Gefängnis einsitzenden Bruder Ben in Verbindung zu setzen, den man für unschuldig hält und geradezu kultartig verehrt – alles gegen Bares.
Libby hat zwar wenig Lust auf all dies, braucht aber Geld und willigt schließlich ein. Diese Idee fand ich nicht schlecht, es ist eine recht ungewöhnliche Art und Weise, einen lange zurückliegenden „Fall“ wieder aufzunehmen.

Libby selbst zeichnet ein sehr negatives Bild von sich, sie beschreibt sich selbst als „mürrisch und labil“, sie sei „keine liebenswerte Erwachsene“ und auch nie ein liebenswertes Kind gewesen, und in ihrem Inneren hause „eine Fiesheit, so real wie ein Organ“. Das sind die ersten Sätze dieses Buches, und man denkt nur „Uff…“ Gerade diese durchweg negative Darstellung ihrer selbst hat mich so neugierig gemacht auf Libby. Ich wollte wissen, ob sie wirklich so ist. Die Fiesheit manifestiert sich vor allen in kleineren Boshaftigkeiten wie notorischen Kleindiebstählen aus reiner Gewohnheit und in einer gewissen Unhöflichkeit gegenbüber allem und jedem. Manchmal lugt so etwas wie ein „gutes Herz“ hervor, etwas wie Mitmenschlichkeit. Insgesamt fand ich Libby nicht wirklich fies oder böse, sondern einfach nur launisch, gelangweilt, antriebslos. Das alles macht sie unsympathischer, als jede Fiesheit es hätte machen können.
Dennoch irgendwie mutig von Flynn, eine derart miesepetrige und unsympathische Protagonistin ins Rennen zu schicken.

Die Erzählperspektive wechselt pro Kapitel: Teilweise berichtet Libby aus ihrer eigenen Sicht, teilweise wird in der Er-Form aus Bens und Pattys Sicht (die Mutter) berichtet. Das ist zwar interessant, aber vor allem wahnsinnig anstrengend! Vor allem weil jeweils ein Zeitsprung von 25 Jahren vollzogen wird: Libby berichtet im „Jetzt“, Ben und Patty dagegen aus dem jahr 1985. Mich hat das so durcheinander gebracht, dass ich ernsthaft manchmal überlegt habe, was wohl aus den beiden Schwestern geworden ist – bis mir dann einfiel, dass in Libbys Gegenwart diese Schwestern gar nicht mehr leben. Ich fand es sehr schwer, mich gedanklich pro Kapitel zeitlich neu zu sortieren (und die Kapitel sind teilweise recht kurz!).

Der Fall selbst entwickelt sich zunächst auf nicht uninteressante Art und Weise. Der Kill Club hat einiges zusammengetragen, was klärungsbedürftig ist, und so sucht Libby gegen Bares bereitwillig ihren Bruder und auch ihren abgehalfterten Vater auf, der die Familie damals jedoch schon verlassen hatte. Schließlich kommen nach und nach Dinge ans Tageslicht, die zusammengenommen gut und gerne eine handvoll Alternativen zulassen und bei denen Ben nicht zwangsläufig der Täter gewesen sein muss. Einiges davon fand ich interessant, das meiste jedoch zu weit hergeholt und vor allem: viel zu breit getreten. Mir war das Buch streckenweise einfach zu langatmig, es trat zu oft auf der selben unglaubwürdigen Stelle.

Schließlich wird recht unspektakulär dann doch noch aufgedeckt, was damals in dem Farmhaus in jener Nacht passiert ist. Ich fand die Lösung ein wenig konstruiert (aber gut, im Grunde ist sowas fast immer irgendwie „konstruiert“), aber dennoch überraschend. Dennoch war ich eigentlich froh, das Buch endlich durch zu haben, die Längen zwischendrin waren teilweise schon etwas arg.
Meiner Meinung nach lebt das Buch eher von den gut gezeichneten Charakter- und Milieustudien als von dem leider recht langweilig beschriebenen und vorangetriebenen Krimiplot. Es wird ein interessantes Bild gezeichnet von einem Leben auf der Verliererseite – und das betrifft nicht ausschließlich Libby, sondern im Grunde jede der Figuren. Das war faszinierend und deprimierend zugleich und vor allem bekommt dieser Thriller dadurch mal sowas ganz „Eigenes“, fern ab vom „klassischen“ Ermittlerkrimi.

Dennoch von mir nur 3 durchschnittliche Sterne, da einfach nicht stringent erzählt wird, viele Handlungsstränge ins Leere laufen und sich vieles zu häufig wiederholt und dadurch langweilig wird und die anfangs spannende Story schnell abflachen lässt. Sehr schade, denn da hätte man mehr draus machen können!

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