Das Grab im Wald

Das war jetzt bereits mein 4. Buch von Harlan Coben, aber sicher nicht das letzte! Nach Kein Sterbenswort fand ich Kein Lebenszeichen und Kein böser Traum eher schwach. Das Grab im Wald hat mir dagegen schon wieder viel besser gefallen (und wie gut, dass ich mir schon wieder Coben-Naschub besorgt habe!

Auch in diesem Roman geht es um einen Jahre zurückliegenden Vermisstenfall – diesmal war es die Schwester des Protagonisten – der plötzlich unerwartet eine Wendung bekommt, als Hinweise auftauchen, der die Vermisste noch am Leben sein könnte.  Sehr spannend, wie ich finde, da zum ermittelt werden soll, was damals wirklich zu dem Verschwinden geführt hat, zum Anderen die Frage sehr interessant ist, was die vermisste Person – so sie denn tatsächlich noch lebt, zu ihrem Verschwinden gebracht hat und was sie in all den Jahren getan hat.
Erzählt wird die Geschichte von dem Bruder der vor 20 Jahren aus einem Ferienlager im Wald verschwundenen Camille Copeland. Ihr Bruder Paul, inzwischen Bezirksstaatsanwalt, war damals ebenfalls in diesem Ferienlager, als Camille mit 3 Freunden sich in den Wald schlich. 2 dieser 4 Jugendlichen fand man später tot im Wald, 2 weitere sind nie mehr aufgetaucht. Trotz der Vermutung, dass auch sie tot seien, häufen sich 20 Jahre nach dieser schrecklichen Tat die Hinweise, dass Camille und der 2. vermisste Gil noch am Leben sein könnten.
Durch die „Ich-Perspektive“ (die ich bei Romanen generell sehr mag!) gewinnt die Erzählung an Nähe zum Geschehen. Man identifiziert sich als Leser sehr schnell mit Paul, der ein netter, schlagfertiger und integrer Kerl zu sein scheint. Der Schreibstil ist sehr flüssig und leicht lesbar.

Paul hat als Staatsanwalt gute Kontakte zu Ermittlern und versucht hinter das Geheimnis von damals zu kommen. Als sich weitere Hinweise auf die damalige Tat häufen, nimmt der verwitwete Paul Kontakt zu seiner damaligen Jugendliebe Lucy auf – ebenfalls „Ferienlagerinsassin“ vor 20 Jahren. Ich mochte dieses hittersüße Wiederauflebenlassen einer ehemals großen Liebe. Leider war mir Lucy durchweg unsympathisch, wohingegen ich Paul eigentlich ganz gern mochte. Lucy hat die Geschehnisse von damals nie so recht verwinden können, u.a. da ihr Vater der Besitzer des Lagers war und dieses nach dieser grauenvollen Tat aufgeben musste. Mir war sie als Person zu flach und irgendwie zu saftlos. Einerseits die oberschlaue studierte Collegeprofessorin, andererseits verkrachte Existenz, die sich auch nach Jahren immernoch in den Wodkarausch flüchtet, um zu vergessen. Ich fand sie ansonsten eher blass gezeichnet und bin auch nicht recht mit ihr warm geworden.

Paul werden immer mehr Hinweise zugespielt, die ihn und auch den Leser immer mehr darin bestärken, dass nicht nur der vermisste Junge Gil, sondern auch Camille noch am Leben sind.  Anfangs noch eher zufällig, ziehen sich die Kreise bald immer enger, wohingegen das Netz der Beteiligten immer unüberschaubarer wird. Schlussendlich wird sogar eine Verbindung zum Geheimdienst (!) mit eingebracht, den ich weder nachvollziehbar, noch sinnvol fand. Mir war es ein wenig zu sehr aufgetragen, und die Handlung hätte durch einen Verzicht auf diesen Punkt auch nicht gelitten.

Hauptberuflich hat Paul während dieser Zeit mit einem Vergewaltigungsprozess zu tun, der für meinen Geschmack einfach zu sehr in die Länge gezogen und plattgewalzt wird bis zum Gehtnichtmehr.  Zwar gibt es Hinweise darauf, dass auch die gegnerische Partei in diesem Prozess irgendwie verstrickt sein könnte bzw mehr weiß über die Morde und Vemrisstenfälle von damals als Paul selbst. Das trägt durchaus zum Spannungsaufbau bei. Aberr mich hat es gestört, dass der Prozess einschließlich Zeugenvernehmungen und Beweisaufnahme einfach zu viel Raum einnimmt. Der Schlagabtausch der Anwälte vor Gericht war sicher witzig zu lesen, aber der Prozess an sich ist eigentlich eine unwichtige Nebenhandlung als Aufhänger für etwas anderes und muss wirklich nicht dermaßen ausführlich beschrieben werden. Da hab ich mich teilweise nur durchgegähnt…

Insgesamt aber ein guter, spannender und einfallsreicher Thriller  mit einigen unerwarteten Wendungen, aber auch einigen Längen und Überflüssigkeiten. Die Auflösung des „Falles“ fand ich persönlich ein wenig enttäuschend, wenn auch nicht unbedingt vorhersehbar. Diese Empfindung ist eine sehr subjektive, da ich es bei Thrillern am liebsten mag, wenn am Ende was „rauskommt“, was man eigentlich gar nie in Erwägung  gezogen hätte. Im Grunde ist das Ende hier damit sogar ein recht ungewöhnliches für dieses Genre. Es werden im Verlauf der Geschichte immer wieder neue mögliche Lösungen aufgezeigt und suggeriert, dass diese die wahrscheinlicheren sind. Und am Ende ist dann doch alles so gewesen, wie es schon ganz zu Anfang schien…
Sehr gut gefallen hat mir dagegen der Schlusssatz und die Tatsache, dass es zwischen Paul und Lucy kein Happy End gab. Das finde ich realistischer als so manches Kitsch-Trief-Schluchz „… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

9 thoughts on “Das Grab im Wald

  1. Ich habe ja bisher erst einen Coben gelesen und war….nur mittelmäßig angetan, obwohl ich auch noch einen habe,…..werd vielleicht doch nochmal schauen…

    • Welchen hast du denn gelesen? Ich fand die wie gesagt teilweise auch nicht alle so gut (wie „Kein Sterbenswort“), aber schon irgendwie spannend.

      • Es war auch „Kein Sterbenswort“. Ich fand es etwas zu konstruiert, aber es war noch in Ordnung. Danach habe ich „Deal Breaker“ gelesen. Lesewarnung! Der war wirklich nicht erträglich!!!

  2. Hallo, schoener blog, ich schau gern mal rein, da ich auch viel, viel lese, und sich die Buecher hier nur so rumstapeln. Leider nicht so organisiert. Eine sehr gute Idee!
    Ich bin zeit meines Lebens – seit ich 7 Jahre alt war – Leserin, die immer mindestens ein Buch rumliegen hat, manchmal sogar lese ich mehrere, bis mich eins mehr fesselt.
    Anyway, da Ihnen Harlan Coben gut gefaellt, wollte ich nur schnell erzaehlen, dass er hier in NJ wohnt (in Bergen County), und im letzten April am Tag nach Ostern sein neuestes Buch unterschrieb http://www.book-ends.com/. Da eine meiner Toechter in der Naehe wohnt, und die andere Tochter H.Coben sehr als Autor mag, ging die erste Tochter, kaufte ein Buch als Geb. Geschenk fuer die Schwester, und lies es gleich unterschreiben. Was der Autor nett machte, sogar mit einer Skizze eines Geburtstagskuchens.
    Nur mal so. Mir gefaellt der Schriftsteller auch sehr gut, und er schildert sehr schoen das nordliche New Jersey. Ach so, das Buch das er unterschrieb? ‚Long Lost‘.
    Ich muss nur mal fragen, da ich es bis jetzt als das anspruchvollste Buch/Roman ansah, der mir je in die Haende kam – mal Cryptonomicon von Neil Stephenson gelesen? Falls es schon mal diskutiert wurde, bitte ich um Verzeihung, ich bin ziemlich neu hier.
    Viele liebe Gruesse aus New Jersey!

    • Hallo Ruth!
      Das ist wirklich interessant und klingt supernett, was du da über Harlan Coben schreibst. Er wirkt in Interviews etc. auch immer sehr sympathsich, und sollte er jemals auf Lesereise nach Deutschland kommen, wär ich sehr gerne mal dabei.
      „Long Lost“ steht auch schon auf meiner Merkliste. Das möchte ich dann auch mal auf Englisch lesen bzw generell will ich mal mehr Bücher von ihm in der Originalsprache lesen.

      Von Neil Stephenson bzw Cryptonomicon hab ich übrigens noch nie was gehört. Ein kurzer Check bei Amazon ergab aber auch, dass das überhaupt gar nicht mein Fall ist ;)

  3. Liebe Maren,
    Das Grab im Wald hat mich dagegen schon wieder viel besser gefallen? Ich hoffe, dir auch! ;-)
    Bin auf deine Rezi über Miriam Toews gespannt, endlich mal wieder ein Buch, das ich auch gelesen habe….
    Schönen Tag!

    • Ach Mann, das ist echt sooo peinlich! Beim Schreiben (und wirklich nur dann *schwör*) verwechsle ich oft mir und mich – und zwar ohne es zu merken!! Also ich denke „mir“ und schreibe „mich“ bzw umgekehrt. Wahrscheinlich hat es wa smit Siegmund Freud zu tun ode so ;D

      Miriam Toews finde ich bisher… sehr wechselhaft. Streckenweise sehr witzig und anrührend, aber irgendwie frage ich mich auch nach fast 100 Seiten immer noch „Kommt da noch mal was, oder bleibt das jetzt so…?“

    • Ja, ist mir dann auch aufgefallen. War irgendwie nicht so prickelnd, ich hoffe ich finde am WE dann endlcih mal Zeit für eine Rezension.

      Wir hat es dir denn gefallen?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.