Der große Gatsby

Ich fand dieses Buch gemessen an den Erwartungen und an den allgemeinen Lobpreisungen erstaunlich mittelmäßig. Mir persönlich hat es ehrlich gesagt eigentlich überhaupt nicht gefallen – soweit ich das beurteilen kann nach 130 „komplett“ gelesenen und 50 nur noch stichprobenartig überflogenen Seiten.

Die in den positiven Kritiken hervorgehobenen Interpretationen und Aspekte des „American Dream“ und der „großartigen Liebesgeschichte“ sind an mir irgendwie vollständig vorübergezogen. Der aus einfachsten Verhältnissen stammende „Gatsby“ ist durch nicht näher erläuterte Umstände nach dem 1. Weltkrieg zu Reichtum gekommen (American Dream?) und verzehrt sich immernoch nach seiner großen Liebe Daisy, die ihn einst abgewiesen hat und die jetzt natürlich doch auf ihn abfährt – wo er ja nun Geld hat (großartige Liebesgeschichte?). Und am Ende sterben dann alle vor lauter Dekadenz und Schlechtigkeit – hach nej, wat originell! ;)

Ich fand die Figuren alle furchtbar blass und oberflächlich. Diese Oberflächlichkeit wollte Firtzgerald wohl auch vorführen (sonst wäre sie kaum derart überzeichnet), aber es misslingt in meinen Augen, da ein gewisser Gegenpol fehlt. Den Erzähler Nick, Nachbar von Gatsby und Verwandter Daisys, habe ich zunächst als neutral empfunden, was sich aber im Verlauf des Buches als Fehlannahme herausgestellt hat. Einer so fad wie der andere! Gatsby wirkte auf mich vollkommen blass und war mir persönlich unsympathisch: Reich, aber unglücklich und stets von schillernden Individuen umgeben, mit denen er rauschende Parties feiert, eventuell um die innere Einsamkeit zu überbrücken? Ein richtiger Waschlappen irgendwie. Sein ganzes Streben gilt seiner Jugendliebe Daisy, die ihn seinerzeit offenbar abgewiesen hatte, weil er arm war. Nun versucht er seinen Reichtum als Köder für Daisy einzusetzen und wieder an sie heranzukommen. Äußerst fragwürdig, wie ich finde – was will man mit jemandem, der einen nur des Geldes wegen liebt?

Die inzwischen anderweitig verheiratete Daisy ist so eingebildet wie oberflächlich und schlägt ihre Zeit mit Parties und sinnentleerten Gesprächen mit ihrer Freundin Jordan Baker tot. Jordan wiederum beginnt ein Techtelmechtel mit Nick, dem Ich-Erzähler des Buches. Schlussendlich betrügt eigentlich jeder jeden mit jedem. Das fand ich persönlich weder verwerflich, noch belebend, sondern schlicht strunzlangweilig. Dabei istdas Buch sprachlich/handwerklich sicherlich solide geschrieben (obwohl die deutsche Übersetzung, die ich gelesen habe, eher nicht so gelungen sein soll) und ich habe die Ausführungen Nicks anfags sogar ganz gerne gelesen. Allein: Es passiert fast gar nichts. Das muss nicht an sich schlecht sein, aber sowas muss man eben mögen – und ich mag es nicht. Handlung ist, von den amourösen Verstrickungen mal abgesehen, so gut wie keine vorhanden. Man schleppt sich von Party zu Party, wo man sich viel erzählt, aber wenig zu sagen hat. Und ich als Leser bin dabei fast im Stehen eingeschlafen.
Warum Fitzgerald die Dekadenz des Jazz Age so überspitzt darstellt und damit implizit kritisiert, ist mir nicht ganz klar geworden im Hinblick auf seinen eigenen offenbar doch recht ausschweifenden Lebensstil.

Summa summarum: Ich mochte das Buch nicht, ich fand es langweilig, fad, nichtssagend. Einzig die Sprache reißt noch einen Stern raus, der Schreibstil ist „gehoben“, gut verständlich, und es finden sich etliche wirklich ausgefeilte Formulierungen. Aber nur um der „Schönheit der Srache“ willen hab ich noch nie ein Buch gerne gelesen, ich betrachte Bücher meist primär unter inhaltlichen Gesichtspunkten.

Anmerken möchte ich noch, dass ich das Buch schon lange mal hatte lesen wollen. Weil mich das Jazz Age so interessiert, weil ich den Titel so schön finde un dnicht zuletzt auch, weil wir in der 11. Klasse Hemingway gelesen haben statt Fitzgerald, denn Gatsby sei – ich zitiere meinen Englischlehrer – sterbenslangweilig. Da ich weder dem Lehrer, noch Hemingway sonderlich zugetan war, wollte ich mich gerne selbst vom Gegenteil überzeugen, muss aber nun leider sagen: Sie hatten recht, Herr Plön!

15 thoughts on “Der große Gatsby

  1. Ich habe dieses Buch auch, allerdings bin ich nie über die ersten Seiten hinaus gekommen. Warum, weiß ich nicht, denn als Film gefiel mir die Story schon. Bei mir hat sich trotz allem der erste Satz tief ins Hirn gebrannt „In my younger and more vulnerable days, my Dad gave me some advice I’ve been turning over ever since-“ so oder so ähnlich. Ach, vielleicht werd ich es ja wirklich bald mal lesen!!!

    • Ja, der Einstieg war auch wirklich gut, aber die Story an sich flachte in meinen Augen nach und nach immer mehr ab.
      Geschmackssache. Mein Geschmack ist es nicht :)

      • Zumindest ist es dünn! Ich war gestern in einer Buchhandlung (ach!) und da hatten sie „Das Haus“. Als paperback und ich habe mir trotzdem fast einen Bruch gehoben. Hab dann etwas geblättert, es aber erstmal liegen gelassen- ich habe ja noch so viele andere….

        • Das ist zwar dünn, und ich dachte auch, das liest du mal eben in 2 Tagen locker weg. Aber Pustekuchen, ich habe mich trotzdem ewig rumgequält, da ich zwar recht gut reingefunden habe, dann aber nicht mehr weitergekommen bin. Das war sooo ein langweiliger Einheitsbrei aus Autofahren, Partygeschwätz und Alkoholexzessen – das will doch kein Mensch lesen!?

          „Das Haus“ ist dagegen wirklich ein ganz schöner Oschi. Aber hast du mal reingeschaut? Das ist wirklich interessant gedruckt, und ich MUSS dieses Buch haben (und hoffe so sehr, dass ich nicht enttäuscht werde, sowas ist ja auch immer bitter)
          Habe mir jetzt gesagt, wenn ich meinen SUB unter 40 geschafft habe, dann kaufe ich es mir. Mal gucken, ob mich das anspornt…

          • Klar, reingeschaut habe ich. Verschiedene Schriftgrößen und Fußnoten…..schon ganz neckisch. Sieht aber nach einem anstrengenden Buch aus. Ist nix für im Moment, ich kann mich im Moment eh nicht zum Lesen konzentrieren und da geht dieses Buch dann überhaupt nicht:-)

  2. Ich hab das Buch vor zwei Jahren oder so gelesen und war auch sehr enttäuscht davon, weil ich mir wie du viel mehr erwartet hatte. Habe einfach keinen richtigen Zugang dazu gefunden, weil mir alles zu oberflächlich war. Allerdings hat meine Mutter es vor kurzem gelesen, und unsere Geschmäcker sind sehr ähnlich und sie war ganz erstaunt dass es mir nicht gefallen hat, sie meinte dass vor allem eine Szene mir bestimmt gefallen würde (irgendwas mit einem Sofa oder so?) und dass ich es auf jeden Fall „später mal“ (wann auch immer das sein soll ;)) nochmal probieren soll. Und das werde ich dann wohl auch :D
    Aber mir ist beim Lesen nicht mal die Sprache positiv aufgefallen, dabei bin ich eh so eine Sprachfetischistin ;)

    • Kann mich an keine Sofaszene erinnern, aber ich erinnere mich eh kaum och an Details aus demBuch. Ich habe irgendwann auch einfach abgeschaltet, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich wollte das Buch beenden, um ganz sicher zu gehen, dass mir da nicht doch irgendwas verborgen geblieben ist… aber so wirkliche Details weiß ich schon gar keine mehr.

      Vllt kam mir das Buch sprachlich auch nur deswegen so gut vor, weil ich es inhaltlich so mies fand. Die Sprache war mir eigentlich noch das Liebste an dem ganzen Roman.

  3. Endlich mal jemand, der das Buch nicht in den Himmel hebt! Ich habe es im Rahmen des Englisch-Leistungskurses vorgesetzt bekommen und mochte es auch überhaupt nicht. Sämtliche Interpretationsansätze (besonders im Zusammenhang mit diesem grünen Licht) schienen mir an den Haaren herbei gezogen… Ingsesamt einfach kein gutes Buch und Daisy ist einfach nur unsympathisch!

    Liebe Grüße und schönen ersten Advent!
    Katrin

    • „An den Haaren herbei gezogen“ triffts! Man KANN natürlich auch in jeden Pups was rein interpretieren… Irendwo hab ich gelesen, dass der Autounfall in dem Buch Sinnbild für die zugrundegehende Gesellschaft sein soll. Naja, also man kanns auch übertreiben! Wenn jemand im Buch Blumen gießt, ist das dann wohl ein Hinweis auf seine Inkontinenz oder so?

      Ich hatte zwar nicht das Gefühl, dass Fitzgerald hier ein völlig inhaltsleeres Buch geschrieben hat, aber mir hat sich dennoch kein wirklich tieferer Sinn erschlossen.

      • Völlig inhaltsleer kam es mir auch nicht vor, aber eben auch nicht übertrieben mit versteckten Hinweisen beladen. Ich kann mich erinnern, dass die Verfilmung in die wir damals hinein geschnuppert haben ebenfalls nicht tiefgründiger war. Es spricht ja nichts gegen solche Bücher, ich hätte es vielleicht sogar gemocht, wenn nicht -wie du auch sagtest- zu hohe Erwartungen daran gestellt werden.

        Viele Grüße Katrin

        • Ich glaube, ich hätte das Buch so oder so langweilig gefunden, aber die hohe Erwartungshaltung tut natürlich ein Übriges. Ich hatte gedacht, es geht auch mehr um dieses Geheimnis um Gatsby und es käme mehr Stimmung rüber. Dass Fitzgerald die angeblich so oberflächliche Gesellschaft der Twenties so „in den Dreck ziehen“ würde, war mir nicht bewusst und ich hätte es wohl sonst auch nicht gelsen.

      • Blumen gießen? Ich möchte mal aus meinem Lieblingshassbuch Irrungen und Wirrungen zitieren:

        „Da, Lene, das gibt ’ne Spargelsuppe. Un is so gut wie das andre. Denn daß es immer die Köppe sein müssen, is ja dummes Zeug. Ebenso wie mit’n Blumenkohl; immer Blume, Blume, die reine Einbildung. Der Strunk is eigentlich das Beste, da sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die Hauptsache.“

        Und da, ich erinnere mich mit Grausen, dass der Lehrer in den Blumenkohl ALLES reininterpretiert hat. Noch ein Grund mehr, Blumenkohl und diese Buch zu hassen:-)

  4. Hey mich würde ja sehr gerne interessieren, ob du „Die Bücherdiebin“ noch lesen willst. Würde zu gerne deine Meinung dazu lesen.

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