Esther Hautzig gestorben

Oh :(
Das habe ich eben nur ganz zufällig gelesen: Vor ein paar Tagen erst, am 1. November 2009, ist Esther Hautzig gestorben.

hautzig_endlosesteppe Ihr Jugendbuch Die endlose Steppe schildert ihre eigenen Kindheitserfahrungen als im 2. Weltkrieg nach Sibirien deportierte Jüdin. Gut behütet in einer wohlhabenden Familie im damals noch polnischen Wilna aufgewachsen, wird Esther 1941 mit 10 Jahren brutal aus dieser heilen Welt gerissen und erfährt, was es bedeutet, in bitterster Armut leben zu müssen.

Ich liebe dieses Buch, für mich ist es immer ein sehr wichtiges Buch gewesen. Das erste Mal habe ich es gelesen, als ich selbst etwa 10 oder 11 Jahre alt war und seither (auch als Erwachsene noch) etliche Male erneut gelesen. Bis heute gehört es zu meinen liebsten Büchern überhaupt und sicherlich auch zu denen, die mich in gewisser Weise ein wenig „geprägt“ haben.

Esther und und ihre Familie haben Schreckliches durchgemacht: Als jüdische „Kapitalisten“ von den Sowjets ins sibirische Exil in ein Zwangsarbeiterlager geschickt und damit alles verloren – Hab und Gut, Heimat und Familie. Esthers Großfamilie wird auseinander gerissen. Lediglich ihre Eltern und ihre Großmutter bleiben bei ihr, was mit dem Rest der weit verzweigten Familie geschieht, bleibt lange im Ungewissen.
Dies alles schildert das Buch offen und ohne zu beschönigen. Und doch klingt immer wieder leise Poesie an. Das Buch ist sehr klar und warmherzig erzählt und zeigt immer wieder auf, wie wichtig der innere Zusmmenhalt ist, und wie gerade Kinder unter solch schwierigen Lebensbedingungen dennoch auf ihre Weise glücklich sein können, wenn sie Liebe, Geborgenheit, Verständnis und Freundschaft bekommen.
Exil hin oder her, Esther ist ein Kind und will auch einfach nur Kind sein. Sie ist ein aufgeschlossenes Mädchen mit einem Hunger auf Leben, den auch Sibirien nicht unterkriegen kann. Sie passt sich den neuen, schwierigen Umständen vergleichsweise gut an, sie geht zur Schule, findet Freunde, kann sich über Dinge freuen, die früher selbstverständlich waren. Das ist zugleich traurig und doch wunderschön.

Das Buch hält damit eine wichtige Botschaft für den Leser bereit: Egal was einem Schlimmes passiert, egal was man alles verliert – man ist nie wirklich arm, solange es Zusammenhalt gibt und Menschen, die einen lieben. Und wenn man auch im Unglück noch Dinge findet, die Freude bereiten können und denen man Positives abgewinnen kann.
Der Schluss des Buches hat mich so manches Mal zum Weinen gebracht. Nach Kriegsende kann die Familie in ihr Heimatland zurückkehren, doch nichts ist mehr, wie es war. Auch von der einstigen Großfamilie ist nichts mehr übrig geblieben. Alle sind in Konzentrationslagern umgebracht worden. Und ausgerechnet die Deportation nach Sibirien ins Zwangsarbeiterlager und die 5 elenden Jahre voller Entbehung und harter Arbeit haben Esther, ihren Eltern und der Großmutter schließlich das Leben gerettet.

Ich kann das Buch sehr empfehlen und habe es eben selbst aus dem Regal herausgesucht, um es bald nochmal zu lesen.

Esther Rudomin ist nach dem Krieg zunächst nach Polen zurückgekehrt, und kurz darauf in die USA emigriert, wo sie den Pianisten Walter Hautzig heiratete. Sie starb am 1. November 2009 im Alter von 79 Jahren.
Die Endlose Steppe bekam 1968 den (ersten überhaupt) Sydney Taylor Book Award; ausgezeichnet werden Bücher über jüdisches Leben und jüdische Kultur.

esther_hautzig(Foto: Jake Manning, NY Times)

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4 Kommentare zu “Esther Hautzig gestorben

  1. Das hört sich nach was an, was ich auch mögen würde. Werde ich mir bei Gelegenheit mal anschauen bzw. kommt auf meine Was-ich-immer-schon-mal-lesen-wollte-Liste.

    • Würde mich sehr freuen, wenn du das Buch tatsächlich irgendwann mal liest und es dir auch gefällt! Das ist eins meiner All Time Favourites, dass ich irgendwann auch unbedingt mal meinen noch nicht vorhandenen Kindern vererben möchte ;)

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