Das goldene Ei

krabbe_dasgoldeneei Dieses Buch hat mit Lilly zukommen lassen aus ihrem Fundus. Sie hatte in meiner Wunsch- und Merkliste gesehen, dass ich das Buch gerne lesen wollte, und da sie selbst es schon gelesen hatte, es aber „eindeutig das schlechteste Buch“ ist das sie je gelesen hat. Manchmal verleiten einen gerade negative Rezensionen dazu, ein Buch lesen zu wollen, so war das jedenfalls bei mir. Die Story selbst hörte sich für mich wirklich gut an – ich lieb doch das Thema „verschwundene Personen“ so sehr! Und sie erinnerte mich auch ganz leicht an einen Film mit Kiefer Sutherland und Sandra Bullock, den ich schon mehrmals gesehen und immer wieder sehr gemocht habe: Spurlos (The Vanishing). Auch in diesem Film verschwindet eine Frau von einer Tankstelle und wird nie wieder gesehen, während ihr Mannn auch ach Jahren die Suche nicht völlig aufgegeben (wenn auch zunächst äußerlich eingestellt) hat.

Dass Lilly das Buch nicht mochte, hat mich nicht davon abgehalten, mir eine eigene Meinung bilden zu wollen, und so habe ich ihr nettes Angebot gerne angenomen – danke dafür nochmal!
Vorweg: Ich bin froh, das Buch gelesen zu haben! Und es bestätigt wieder einmal, dass Lillys und mein Literaturgeschmack sich nur selten überschneiden. Vielleicht ergibt sich ja so die Möglichkeit, jeweils die ungeliebten Bücher untereinander auszutauschen! ;)

Das Buch ist sehr kurz, nur 98 Seiten, und so habe ich es mehr oder weniger während 2 S-Bahn Fahrten verschlungen, da es sich zudem recht leicht lesen lässt.
Das niederländische Paar Saskia und Rex ist auf dem Weg nach Frankreich, um dort Urlaub zu machen. Auf einer Autobahnraststätte geht Saskia Getränke holen, während Rex im Auto wartet. Saskia kehrt nie zurück, und es fehlt fortan jede Spur von ihr, obwohl man nach ihr sucht. Im Gegensatz zu Lillys Meinung hörte für mich die Geschichte an dieser Stelle nicht auf, sondern sie fing er richtig an! Im Folgenden wird Rex‘ Leben mehrere Jahre nach Saskias Verschwinden skizziert, er hat eine neue Lebensgefährtin und möchte sie heiraten, hat jedoch nicht verwinden können, dass er nie erfahren hat, was mit Saskia passiert ist.

In Rückblenden wird immer wieder ein weiterer Mann skizziert, Raimond. Dieser scheint von dem Gedanken besessen, einen Menschen in seine Gewalt zu bringen und zu töten. Die Beweggründe hierfür sind das einzige, was ich nicht nachvollziehbar finde an diesem Buch. Die hätten deutlich besser herausgearneitet werden können, das war mi rzu flach. Im Kern passen sie aber zu der skurrilen Atmosphäre und prägen den Charakter Raimonds nachhaltig. Als Leser erfährt man nach und nach durch diese Rückblenden, dass es Rainmond war, der für Saskias Verschwinden verantwortlich war. Man erfährt jedoch vorerst nicht genau, was mit ihr geschehen ist.
Mir wurde jedenfalls beim Lesen klar, dass Buch und der oben erwähnte Film sich nicht nur zufällig ähneln, und ein bisschen Recherche ergab tatsächlich: Das goldene Ei wurde in Holland verfilmt, der amerikanische Film mit Sandra Bullock und Kiefer Sutherland ist ein Remake!

Rex beginnt nach Jahren nochmals nach Saskia zu suchen, da ihn die Ungewissheit nicht loslässt. Tatsächlich meldet sich ein Unbekannter auf seine Suchanzeige. Es ist Raimond, den der Leser bereits kennt. Er offenbart Rex, dass er weiß, was mit Saskia passiert ist. Er wird es Rex jedoch nicht sagen. Er stellt Rex statt dessen in Aussicht, dass er ihm zeigen wird, was mit Saskia damals gechehen ist. Rex muss sich also auf Raimond einlassen, ebenso wie Saksia, und muss so selbst „durchleben“, was Saskia erlebt hat, wenn er die Ungewissheit loswerden will. Allein die Idee finde ich schon sehr beklemmend, und man spürt beim Lesen Rex‘ inneren Konflikt und seine Verzweiflung. Da dies seine einzige und möglicherweise letzte Chance ist, die quälende Ungewissheit der letzten Jahre loszuwerden, lässt er sich auf den Unbekannten ein – wissend, dass dies keinen guten Ausgang haben könnte.
Und damit schließt sich auch der Kreis zu dem titelgebenden „Goldenen Ei“: Saskia hatte als Kind einen Albtraum, in dem sie in einem goldenen Ei durchs Weltall fliegt, ohne die Aussicht auf Rückkehr oder Rettung. Erst wenn ein anderes goldenes Ei mit ihr zusammenstößt, werden beide zerstört und somit wäre alles vorbei.

Diese Idee fand ich top, und auch die Umsetzung hat mir gefallen! Sprachlich sehr nüchtern, straff erzählt. Manchmal ein wenig zu straff und sprunghaft, ich hatte stellenweise Probleme, der Handlung zu folgen und musste mehrfach zurückblättern, um vorherige Seiten und Absätze nochmals zu lesen.
Nicht jedermanns Sache, aber sicherlich dem Thema angemessen. Insgesamt würde ich das Buch als Novelle bewerten, nicht als Roman. Es ist keine zusammenhangslose Aufreihung von Begebenheiten, die am Ende zufällig zusammenlaufen. Es ist die konsequent bis zum bitteren, unvermeidlichen Ende erzählte Geschichte eines Mannes, der mit der Ungewissheit nicht leben kann und der zur Erlangung von Geiwssheit sein eigenes Leben aufs Spiel setzt. Er begibt sich quasi in das zweite goldene Ei auf den Weg zu Saskia.
Daneben ist es auch die Geschichte von Raimond, der ebenso konsequent seinen Gedanken, einen Menschen umzubringen mehr und mehr ausweitet, plant, probt und an Gestalt gewinnen lässt.

Für mich war das Buch nicht unbedingt ein Krimi oder Thriller, sondern mehr eine Charakterstudie, der es dennoch nicht an Spannung fehlt! Im Gegensatz zu Lilly würde ich nicht vom Lesen abraten, sondern eine ausdrückliche Empfehlung aussprechen ;)

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11 thoughts on “Das goldene Ei

  1. Der Bullock/Sutherland-Film ist ja ein Remake eines französchen Films, der wiederum auf dem von Dir gelesenen Buch basiert. Die Ähnlichkeit kommt also nicht von ungefähr …
    Ich bilde mir ein, irgendwann mal irgendwo gelesen zu haben, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit basiert … aber dazu finde ich nichts. Wahrscheinlich irre ich mich da, oder schmeiße was durcheinander. :)

      • haha, ich hab genau bis zu diesem raimond gelesen, und dann nachgeguckt, ob ich mich nun irre, oder ob es irgendwo nachzulesen ist, dass die „story“ mal irgendwo wirklich so passiert ist. – mir kommt es echt so vor, als hätte mir meine schwester mal irgendwann davon erzählt. aber vielleicht ging es doch nur um buch und verfilmung. hm. :( ich muss sie gleich mal fragen. ;) – also – meine schwester steht jetzt grad neben mir und sagt, es wäre eine wahre geschichte. so! bin ich doch noch nicht komplett durchgedreht. ;) (oder sie bildet es sich auch nur ein. ;D)

        • Die Frage ist nur, woher will man wissen, ob das mal passiert ist? Saskia verschwindet. Rex verschwindet dann auch. Viel mehr kann man im Grunde nicht wissen, denn Rex nimmt das Geheimnis sprichwörtlich mit ins Grab, zumindest ist das Ende sehr offen (im Film hingegen nicht).

          Wenn überhaupt, kann ich mir nur vorstellen, dass irgendwo mal eine Frau verschwand und Jahre später auf die gleiche Weise auch ihr Freund, als er nach ihr suchte. Der Rest kann nur Spekulation sein (was das Buch/die Geschichte nicht weniger interessant macht. Den Film hab ich bestimmt schon 3x gesehn, der ist wirklich gut)

  2. die us-version des filmes muss wohl eine recht abgemilderte form sein, laut meiner schwester. ;)
    keine ahnung wie das jetzt als „wahre geschichte“ bewiesen werden kann. aber es gibt ja immer mal tatsachenberichte, und vielleicht wurde ja über das mysteriöse verschwinden berichtet. damals gab es wahrscheinlich auch reporter, die an so einer geschichte interessiert waren, und vielleicht mit dem „echten“ rex, im zuge seiner suche, gesprochen haben. – die McCanns waren ja auch sehr präsent in den medien. in den 80ern war das ohne internet vielleicht noch nicht so weltumspannend, dass auch wirklich jeder das verfolgen konnte.
    ob das buch nun wirklich auf einer wahren geschichte basiert oder nicht, ist ja auch nicht sooo wichtig. ;) mir war nur so, als hätte es sein können. so wie mit der steven stayner-entführung. kann ja alles möglich sein.

    • Abgemildert? Oha, also ich fand schon die US-Version manchmal ein bisschen hart an der Grenze. Aber das Original würd ich auch gerne mal sehen, jetzt wo ich weiß, dass der Bullockfilm ein Remake ist und ich auch das Buch kenne. Ich fand, im Film haben die diesen Raimond besser rausgerabeitet. Das kam auf den 98 Seiten einfach zu kurz.
      Ich mus smal recherchieren, ob ich dazu was finde, zu dieser Geschichte, auf der das Buch basiert. Ich find sowas interessant, wenn ein Autor eine Begebenheit dann weiterspinnt, sich mögliche Hintergründe ausdenkt, Personen skizziert usw.

  3. Pingback: Monatsliste Juli 2009 « Bibliomanie

  4. Freut mich, dass es Dir gefallen hat.
    Und auch eine sehr interessante Rezensution.
    Die guten Besprechugen kommen ja nicht von ungefähr. Verstehen werde ich es wohl nicht, aber das ist ja auch nicht nötig :)

    • Schade, dass du es nicht mochtest, aber so ist das nunmal, dass man zu manchen Büchern einfach keinen Zugang findet. Geht mir nicht anders. Menschenhafen zB ist ja auch so hochgelobt und mit Preisen überschüttet worden, aber ich konnte dem Buch gaaaar nix abgewinnen. Manchmal klickts einfach nicht (und ich hätte gerade dieses Buch wirklich gerne gemocht!).

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