Zwiespalt

Mit dem Gmeiner-Verlag hab ich irgendwie kein Glück. nachdem mir schon Uta-Marias Totschweigen nicht zugesagt hat, war es mit diesem Buch auch nur geringfügig besser.

Die Story hörte sich wirklich vielversprechend an und war an sich auch interessant. Aber Personen, Handlungsaubau und Schreibstil – unsagbar bieder und nichtssagend! Die Geschichte schleppt sich so dahin, und ich war schon nach 20 Seiten ziemlich genervt von dem leiernden und irgendwie hausbackenen Tonfall, in dem das Buch geschrieben ist.
Beispiele: Die schwangere Hauptfigur Blanca Büchner wird andauernd als „die werdende Mutter“ bezeichnet. Mir ging das irgendwann einfach nur wahnsinnig auf den Keks, weil es oft an Stellen erwähnt wurde, an denen es keinerlei Bedeutung für die Geschichte hatte („Die werdende Mutter öffnete die Tür“. Man schreibt doch auch nicht „die dunkelhaarige Protagonistin öffnet die Tür“ ^^). Dann ständig „das unter ihrem Herzen heranwachsende Leben“. Kann auch an mir liegen, ich hab generell ein Problem mit diesem Ausdruck. Hier wurde er noch dazu inflationär gebraucht, ebenso wie die „werdende Mutter“. Solche altbackenen Ausdrucksweisen schaffen für mich eine totale Distanz zum Geschehen, ich habe mich überhaupt nicht einfinden können.

Auch auf die Personen konnte ich mich nicht wirklich einlassen. Die 40jährige Blanca kam mir vor wie 70, so träge und bieder gibt sich diese „werdende Mutter mit dem heranwachsenen Wesen unter ihrem Herzen“ (haha!!) und so vollkommen ernst, ohne jeden Witz und Esprit, einfach total saftlos und nichtssagend.
Spannung kam für mich nur sehr schleppend auf. Interessant war es, herauszubekommen, welcher Zusammenhang besteht zwischen der (ebenfalls schwangeren) Vorbesitzerin von Blancas Bauernhaus und Blancas eigenem Schicksal. Das war aber auch das einzige, was mich zum Weiterlesen veranlasst hat, sonst hätte ich mich vermutlich vor Langeweile abgerostet.

Negativ zu bemerken wäre außerdem, dass man beim Gmeiner-Verlag anscheinend komplett auf Lektoren verzichtet. Abgesehen von der bestimmt 20fach erwähnten „werdenden Mutter“ fand ich ein paar wirklich grobe Schnitzer. Spürbare Kindsbewegungen bzw. Tritte in der 11. Woche?
Seit wann kann man einen Duft „spüren“?
Interpunktion war auch seeehr frei interpretiert nach irgendwelchen Märchenregeln.
Und im ersten Buchdrittel stellt sich eine Hebamme als Elvira Kunze vor, 2 Seiten später unterschreibt sie einen Brief mit „Elvira Krug“, auf der folgenden Seite wird sie dann (jeweils auf der gleichen Seite!) einmal Krug und einmal Kunze genannt – was soll das??

Insgesamt hat dieses Buch bei mir keinen guten Eindruck hinterlassen, der an sich sehr interessante Kriminalfall tröstet mich nicht über die schlecht konstruierte und mausgrau geschriebene Geschichte mit etlichen Logikfehlern hinweg.

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6 Kommentare zu “Zwiespalt

  1. Weia! Ein Buch mit einer biederen „werdenden Mutter mit dem heranwachsenen Wesen unter ihrem Herzen“ als Hauptfigur – das klingt gar finster! *lach* Ich hoffe, das stürzt dich nicht in die nächste „Lesekrise“.

    Bleibt die Frage (die man mir dieser Tage auch gestellt hat): Wo kommen jetzt noch die 2 Punkte her?

    P.S.: Ich freu mich übrigens (auch aus reinem Eigeninteresse) sehr, dass es noch Leute gibt, die das Fehlen von Lektoren bemerken. Wenn ich sprachliche Unzulänglichkeiten erwähne und teils sogar aufzeige, höre ich nicht selten von Lesern: „Das ist mir gar nicht aufgefallen“ oder gar: „Sowas stört mich nicht, das überles ich.“ Oder am allerliebsten: „Wenn man Fehler sucht, findet man auch welche.“

    • Ich vergebe die Sterne nicht nach dem Schema „1 Stern für die Handlung, 1 für die Spannung“ oder so. Ich bewerte mehr nach Gesamtgefühl und richte mich danach nach diesem System: 5 Sterne sehr gut, 4 Sterne gut, 3 Sterne Durchschnitt, 2 Sterne schlecht, 1 Stern sehr schlecht. Kriegen Bücher, bei denen wirklich GAR nix passt, und hier fand ich immerhin noch die Story an sich ganz spannend, ich habs nicht als komplett miserabel empfunden. Ist aber auch manchmal nicht ganz einfach mit der Sternevergabe ;)

      Das mit dem heranwachsenden Wesen war schlicht nervig, aber eventuell auch einfach Geschmackssache. Man merkt aber schon, dass das Buch nicht besondes gründlich „gegengelesen“ wurde, da wurde sich überhaupt keine Mühe gegeben. Ich merke wirklich auch nicht alles bzw wenn in Foren diskutiert wird, stelle ich dann auch oft fest „ist mir nicht aufgefallen“. Aber hier war vieles sooo offensichtlich! Das mit dem „heranwachsenden Wesen“, das in der 11. Woche schon tüchtig im Bauch strampelt, mag ja noch ein in der Realität vorkommender Ausnahmefall sein, aber über Frau Kunze-Krug haben sich mir wirklich die Nackenhaare aufgestellt!

      Ich bin auf jeden Fall FÜR (kritische) Lektoren! ;) Denn ganz ehrlich, wenn ich 10 Euro für ein (recht dünnes) Buch ausgebe, dann erwarte ich auch, dass das solide bearbeitet ist und sich nicht so liest wie ein Schulaufsatz der 9. Klasse Realschule, der mal eben in der großen Pause hingeschmiert wurde…

  2. Doch, Gmeiner hat ein Lektorat. Du kannst auf den ersten Seiten im Buch nachschauen, dort, wo das Copyright steht. Da steht bei den Gmeiner-Büchern auch, wer’s lektoriert hat.

    Hast du auch schon das Gewinnspiel entdeckt – immer am Ende des Buches? Das, wo sie die Meinung über das Buch wissen wollen und man Bücher gewinnen kann? Du könntest ja diese Rezi dem Verlag schicken. Ich wär neugierig, wie sie reagieren.

    • Stimmt, dieses Gewinnsoiel hatte ich gesehn, aber nicht mitgemacht, da ich von Gmeiner eigentlich erstmal die Nase voll habe nichts mehr lesen möchte.
      Leider befindet sich das Buch auch schon gar nicht mehr in meinem Besitz, so dass ich nicht nachschauen kann, wo man seine Meinung hinsenden könnte.

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