Der koschere Knigge

„Trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen“ – dies verspricht der Untertitel dieses Büchleins. Nun, ich muss zugeben: auch wenn ich das Lesen sehr genossen habe und ein ums andere Mal schmunzeln musste, wirklich gelernt habe ich jetzt nichts über diese Fettnäpfchen.

Der Leser wird von Michael Wuliger direkt mit „Sie“ angeredet, und es wird ihm als eine Art Ansprechpartner und Bezugsgröße ein fiktiver jüdischer Bekannter zur Seite gestellt, der Herr Blumberg. Herr Blumberg soll wohl eine Art deutschen Durchschnittsjuden darstellen, verheiratete, 2 Kinder, mittelat, mittelreich und wohl auch nur mitteljüdisch. Er geht nur selten zur Synagoge, begeht immerhin die jüdischen Feiertage, legt keinen Wert darauf, dass seine Kinder allzu jüdisch erzogen werden, andererseits sollten sie ihre zukünftigen Partner doch lieber aus den eigenen Reihen suchen als einen „Goi“ anzuschleppen.

Also weder hü noch hott, und das ist wohl auch so gewollt. Denn es soll offenbar gar keine intensive Auseinandersetzung mit dem Judentum stattfinden, sondern lediglich mögliche „Fettnäpfchen“ aufgezeigt werden. So gern ich das Buch auch gelesen habe, eins hat mich etwas enttäuscht. Denn was bei mir als Botschaft ankam war, dass der „Durchschnittsjude“ à la Herr Blumberg es bevorzugt, überhaupt nicht auf seine Religion und seine Herkunft angesprochen zu werden. Das ist einerseits verständlich, denn welcher Durchschnittskatholik, den man nur an Weihnachten in der Kirche findet, würde gerne ständig über die Bibel und christliche Hardcorebräuche reden wollen (oder überhaupt können!)? Ich persönlich hätte es nett gefunden, wenn Herr Blumberg nicht gar so desinteressiert und phlegmatisch gewirkt hätte.

Ein bisschen schade auch, dass man als Leser das Gefühl bekommt, Interesse am jüdischen Glauben und seinem Brauchtum sei nicht erwünscht. Ich persönlich interessiere mich schon seit meiner Kindheit dafür und bekam hier erstmals das Gefühl vermittelt – „besser nichts fragen, Juden reagieren genervt, weil sie diese Dinge schon so oft gefragt werden“.
Aber Herr Blumberg ist ja auch ein eher wenig jüdischer Vertreter, und vielleicht sollte man sich daher nicht so leicht abschrecken lassen, wenn man wirkliches Interesse hat.
Schön fand ich das Aufzeigen einiger interessanter Aspekte, wie zB der Tatsache, dass kein Volk so viel Bohei ums Essen macht und gleichzeitig „so schlecht kocht“. Ich kann das mangels Erfahrung weder bestätigen, noch entkräften, aber die Zutaten- und Zubereitungslisten einiger jüdischer Speisen waren in der Tat… eher wenig appetitanregend. Auch an anderen Stellen pflegt Wuliger jüdische Klischees oder entkräftet sie, je nachdem.

Insgesamt ein nettes Büchlein, das vor allem auch von dem schnodderigen Schreibstil und den trockenen Pointen lebt. Die knapp 100 spärlich bedruckten Seiten kann man locker in einer Stunde durchlesen. Als lehrreich würde ich es nicht bezeichnen, aber doch als aufschlussreich. Wer sich erhofft, etwas über jüdisches Brauchtum zu erfahren, ist hier völlig falsch. Wer sich einfach nur mal 1 Stunde lang nett unterhalten und vllt etwas zum Nachdenken anregen lassen will, der sollte die 8 Euro ruhig investieren.
Was unterm Strich bleibt, ist das Gefühl, dass die meisten in Deutschland lebenden Juden mangels persönlichem Bezug kein größeres Problem (mehr) mit „den Deutschen“ und deren „Nazivergangenheit“ haben (warum auch?), meistens aber auch keine Lust haben, zu erklären, wie und warum sie Sabbat feiern, was sie wann warum und wie essen und was warum nicht essen, dass sie auch nicht unbedingt gerne Klezmer hören und sich am liebsten über ganz profane säkuläre Dinge unterhalten wie die Ergebnisse der Fußballbundesliga oder die Sitzheizung des neuen Audi A6.

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8 thoughts on “Der koschere Knigge

  1. Oh, das mit dem Essen kann ich bestätigen – ich habe jüdisch-amerikanische Verwandtschaft und auch meiner Versuche in Zürich bzw. Paris die jüdische Küche zu testen … öh ja … oder wie ein jüdisch-schweizerischer Bekannter meiner Eltern meinte: Nu, willste essen koscher oder willste essen gut?!

  2. Ach, apropos Fettnäpfchen … bei meiner jüdischen Tante in New York habe ich die Teller regelmäßig beim Abräumen in die falsche Küchenecke getragen, also Milch-Geschirr in die Fleisch-Ecke und umgekehrt …

      • Okay, mein Onkel (der nicht wirklich mein Onkel ist sondern entfernte Verwandtschaft, aber weil ich so oft dort „als Familienmitglied“ war) ist Rabbi, reformed, aber dennoch muss das Essen koscher sein. Das beste in der Hinsicht war mein Besuch beim koscheren Chinesen in New York. Dort saß dann tatsächlich am Empfang ein junger Mann mit Bart, Schläfenlocken und Kippa auf dem Kopf. Doppelt exotisch. Aber das Essen war dafür lecker ;-)

        (okay, das waren jetzt genug Anekdote …)

        • Koschere Chinesen?! Was es nicht alles gibt…
          Ehrlich gesagt ist mir bis heute nicht ganz klar, was koscher überhaupt genau bedeutet. Früher dachte ich immer, das bezieht sich nur auf das Schächten der Tiere, aber anscheinend ist damit eher die Gesamtheit der Speisegesetze gemeint. Also auch dieses Milch-Fleisch-Gedönz. Im Buch wird die jüdische/koschere Küche mehr so ganz allgemein als einfallslos bis fad skizziert

          Ich find solche Anekdoten übrigens toll! Kann nie genug davon kriegen.

          • Also … ;-) Es gibt zum einen die Regel, dass man das Lamm niemals in der Milch seiner Mutter braten dürfe. Also man darf Milch und Fleisch nicht gemeinsam essen. Milch vor Fleisch geht. Milch nach Fleisch nicht. Also Käse oder Sahnecremesuppe als Vorspeise aber bitte keinen – sagen wir – Pudding zum Nachtisch.

            Außerdem gibt es unreine Tiere, alle kenne ich nicht, aber eben kein Schwein, kein Aal (weil er keine Schuppen hat), Meeresfrüchte glaube ich auch, und weitere Tiere, aber wie gesagt, ich weiß es auch nicht genau.

            Und dann gibt es eben auch noch das Schächten, also die koschere Schlachtung und Zubereitung des Fleisches.

            Es gibt auch koscheren Wein, der muss dann von Juden geerntet und gekeltert werden. Das ist dann aber schon hardcore – daran hält sich mein „Onkel“ zum Beispiel aber auch nicht.

            Besser? ;-)

          • Also das mit der Trennug von Milch und Fleisch wusste ich (unvorstellbar, dass ICH irgendwas NICHT mit Käse überbacken essen dürfte!! :D) und auch das mit dem Schächten und bestimmten Tierarten, die gar nicht gegessen werden dürfen. Nur – was genau dasvon „koscher“ bedeutet, hat sich mir nicht so recht erschlossen. Anscheinend ist es wirklich die Gesamtheit dieser Regeln?

            Das mit dem Wein hab ich noch nie gehört… man kann sich natürlich auch in was reinsteigern! ;) (Hoffentlich liest hier kein Jude mit.)

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