Im Land der weißen Wolke

Gekauft im Kolonien-Auswanderer-Familiensaga-Wahn schon vor Monaten, gelesen erst jetzt, da ich mal in Stimmung war für einen richtigen „Schmöker“.

Anfangs war ich sogar richtig begeistert, obwohl ich auch damit gerechnet hätte, dass mir dieser 800-Seiten-Schinken evennnntuell ein bisschen zu seicht werden könnte. Die Geschichte fing jedoch sehr packend an, war lebendig und interessant geschildert. Mir hat das Eintauchen in eine entfernte Zeit gefallen, der Pioniergeist, die Lust auf Neues, von denen die Hauptakteure getrieben werden.
Im Mittelpunkt stehen die beiden britischen Frauen Helen und Gwyneira, die eine Ende 20 und Gouvernante bei reichen Leuten, die andere noch keine 20 und Tochter von (anderen) reichen Leuten. Beide wandern Mitte des 19. Jahrhunderts in die (ehemalige) Kolonie Neuseeland aus und lernen sich auf dem Schiff dorthin kennen. Beide sollen/wollen in Neuseeland verheiratet werden, jede aus unterschiedlichen Motiven. Gemeinsam ist ihnen nur die Neugierde und die Hoffnung auf ein besseres Leben als bisher. Die (für damalige Verhältnisse) schon etwas ältliche Gouvernante Helen wird eher vom Sicherheitsdenken getrieben und hofft, bei einembodenständigen Farmer endlich unter die Haube zu kommen. Die junge Adlige Gwyneira dagegen treibt mehr die Abenteuerlust, sie erhofft sich eine Art „Cowboy als Mann“.

Beide werden enttäuscht, aber beide versuchen jeweils das Beste aus ihrem Schicksal zu machen. Soweit zur Rahmenhandlung.
Historisch scheint mir das Ganze nicht immer allzu korrekt zu sein, überhaupt werden historische Ereignsse eher beiläufig eingeflochten. Was man der Autorin zugute halten muss, ist ihre Phantasie und ihre Fähigkeit, sehr ausschmückend und lebendig zu schreiben sowie die Verknüpfung verschiedener Schicksale und Lebenswege. Menschen, die mit Helen und Gwyneira auf dem Schiff nach Neuseeland kamen und die man dann aus den Augen verloren hat, tauchen nach und nach alle wieder auf und finden ihren Platz in der Geschichte. Das hat mir gut gefallen!

Die ersten ca.200-250 Seiten fand ich sehr kurzweilig und fesselnd, speziell Gwyns Pioniergeist, ihre Lebensfreude und ihr Tatendrang warensehr mitreißend. Danach sackte das Ganze aber erstmal stark ab, denn es ging ab hier seeeehr lange und sehr intensiv um die sexuelle Unerfahrenheit beider Frauen. Mir ist schon klar, dass gerade Frauen in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht aufgeklärt waren, aber das kann man auch kurz umreißen und muss nicht seitenweise darüber schwadronieren und bis ins Detail erklären, warum das Fräulen partout nicht schwanger wird und was sie so alles dagegen unternimmt. Diese ganzen Schilderungen waren mir zu platt und drifteten stark ins Groschenromanmäßige ab.
Überhaupt: Verschiedene Liebesgeschichten in demRoman wurden mir etwas zu raumgreifend. Ich wollte eigentlich eine Geschichte lesen über Menschen, die vor langer Zeit in einem völlig fremden Land Fuß zu fassen versuchen. Meinetwegen können sie sich da auch verlieben, meinetwegen können sie auch Sex haben. Aber ich hab einfach keinen Bock auf hunderte von Seiten „Oh Jaaaaaaaaames, ich werde ich immer lieben!!“-Geschwafel. Das war teilweise schon sehr grenzwertig für meinen Geschmack und hat mir die im Kern sehr schöne Geschichte auch etwas verleidet. (Ich hatte sowas eigentlich schon geahnt. Aber ich wollte es wenigstens mal versucht haben!)

Darüber hinaus bin ich die ganze Zeit über den Eindruck nicht losgeworden, dass die Autorin eigentlich lieber einen Pferderoman geschrieben hätte. Hauptamtlich tut sie dies offenbar auch, denn Sarah Lark ist eines der Pseudonyme der Autorin Christiane Gohl. Auch wenn man sich im noch weitgehend unerschlossenen Neuseeland des 19. Jahrhunderts kaum anders fortbewegen konnte als zu Pferde, sowar mir hier die Reiterei und die Pferdezucht deutlich stärker fokussiert als dass es für die Geschichte als solche notwendig gewesen wäre. Es wird ja in Romanen der heutigen Zeit auch nicht ständig detailliert geschildert, wie jemand seinAuto wäscht oder wie schön kraftvoll der Motor aufheult und wie die Sommerreifen aufgezogen werden.

Die letzten 100 Seiten habe ich als unglaublich anstrengend empfunden, denn hier wollte die Frau Lark dann offenbar doch langsam endlich mal zu Potte kommen und ihren Roman beenden und hat auf kleinstem Raum noch möglichst viel Inhalt unterbringen wollen. Ich konnte das kaum noch überblicken, was da noch alles passiert ist, wer mit wem und wer gegen wen und warumwiesoweshalb. Ziemliches Geschwurbel und teilweise auch nicht mehr glaubwürdig. War mir bissl zu langweilig, und ich wollte dann meinerseits auch langsam mal fertig werden und hab vieles nur noch überflogen ;)

Weitere Kritikpunkte: Die schon imKlappentext erwähnte „Fehde“ zwischen 2 Familien wird immer wieder mal ausgegraben und dann beiläufig erwähnt, aber nicht näher erörtert oder gar ausgeführt. Viel zu beiläufig das Ganze, um schließlich das Brimborium gegen Ende zu rechtfertigen, das ich als Leserin nicht so recht nachvollziehen konnte, da es einfach keinen wirklichen Hintergrund hatte. Da hätte man ein bisschen mehr Detailarbeit leisten können (und dafür vllt ein paar Pferdepassagen streichen können).
Extrem genervt hat mich darüber hinaus die Sprache der Maori, die als Dienstboten für die weißen Siedler arbeiten. Wenn man eine fremde Sprache lernt, spricht man für gewöhnlich nicht ausschließlich nach dem Schema Subjekt – Infinitiv – Objekt. Ich habe es als herabwürdigend empfunden, dass die Maori auch nach über 20 Jahren im Dienste der weißen Herrschaft nicht in der Lage gewesen sein sollen, sich anders auszudrücken als „ich kochen Essen“ oder „Baby gut. Ich immer recht.“ Von der Herabwürdigung einmal abgesehen fand ich es irgendwann auch einfach sehr nervig beim Lesen.

Insgesamt schlechter Durchschnitt, den 2. Teil habe ich ungelesen zu Tauschticket wandern lassen ;)

Die Autorin selbst ist mir übrigens dadurch etwas unsympathsich geworden, dass sie unter verschiedenen Nicknames durch mehrere Bücherforen tingelt und dort jeweils unter anderem Namen ungeniert ihre eigenen Pseudonyme lobt und bewirbt. Finde ich persönlich fragwürdig bis peinlich. Hätte sie aber eigentlich gar nicht nötig gehabt, denn so schlecht ist das Buch nun gar nicht.
Wollt ich auch nur mal erwähnt haben. ;)

PS: Empfehlungen für gute Familiensagas über Siedler, Auswanderer und pioniere werden immernoch gerne entgegengenommen! (Müssen auch gar nicht in Neuseeland spielen.)

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13 Kommentare zu “Im Land der weißen Wolke

  1. jimmy carter hat eine geschrieben; „die rebellen“ heißt das buch. ansonsten hätte ich noch „world’s end“ von t.c. boyle empfohlen, aber das hast du ja schon.

  2. ich oute mich hiermit als TAMARA MCKINLEY-FAN…..ihre Familien-Sagen spielen hauptsächlich in Australien…“Mathildas letzter Walzer“ fand ich mit am besten…
    Ich habe von meiner Arbeitskollegin letzten JAMES A.MICHENER ans Herz gelegt bekommen. Zum Glück über Buchticket auch eines ertauschen können. „Colorado Saga“.Hab ich aber noch nicht gelesen….SUB..Du verstehst?!
    das mit den verschiedenen Nicks in den foren hab ich auch schon festgestellt. ich habe mir daher kaufverbot für ihre werke erteilt…
    und dann kommt sone rezi…..tststs

  3. Hey, du wolltest empfehlungen! Die Rezis suchst du dir doch sowieso aus dem netz zusammen. ;0)

  4. „Still, Still“ hast du schon gelesen? Kannst du mir sagen, ob es sich lohnt? Interessant hört es sich ja schon an, aber die Rezensionen bei Amazon schrecken mich ab…

    • Mich hätten sie auch beinahe abgeschreckt, aber ich kann die überhaupt nicht nachvollziehen. Ich hab das Buch gestern zuende gelesen und fand es sehr gut!

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