Briefe in die chinesische Vergangenheit

Wie schon berichtet habe ich mir dieses Buch auf die Empfehlung einer Buchhändlerin hin gekauft und muss sagen – ich war begeistert (mit kleinen Einschränkungen)! Sowas sollte man glatt öfter machen, so tun sich einem ganz neue Welten auf – denn dieses Buch hätte ich mir so „von alleine“ nie und nimmer gekauft.

Die Idee ist witzig und kann, obwohl das Buch bereits 1983 erstmals veröffentlicht wurde, locker mit der derzeitigen Kulturschock-Bücher mithalten (so nenne ich Bücher wie Antonio im Wunderland oder Ich bin ein Pariser oder Quattro Stagioni und wie sie alle heißen, die den Buchmarkt ja geradezu inflationär überschwemmt haben): Der Mandarin Kao-Tai reist mithilfe eines „Zeitreise-Kompasses“ aus dem China des 10. Jahrhunderts in das München („Min-Chen“ in „Ba-Yan“) der heutigen Zeit. Die Zeitreise war beabsichtigt zu „Forschungszwecken“ – der Zielort allerdings ein Versehen. So gelangt der arme Kao-Tai nicht nur in eine andere Zeit, sondern vor allem eine völlig fremde Kultur, die er verzweifelt zu verstehen versucht.
Es hat mir Spaß gemacht zu lesen, wie Kao-Tai versucht, sich in dieser fremden Welt zurechtzufinden und sie zu begreifen und in ihr zu leben. Aufgenommen wird er bei einem netten Herrn – offenbar ein Lehrer – dem er seine Herkunft auch anvertraut. Dieser „Herr Shi-Shmi“ zeigt sich ebenso wissbegierig wie Kao-Tai, und so profitieren sie beide voneinander; zudem lernt Kao-Tai über seinen neuen Freund etliche andere Menschen kennen.

Wie der Titel schon andeutet, ist der Roman in Briefform gehalten, da Kao-Tai seinem Freund und Mitwisser Dji-Gu regelmäßig sehr lebhaft aus der Zukunft berichtet. Es ist überaus witzig, wie er versucht, sich einen Reim auf ihm völlig unbekannte Dinge zu machen und diese zwangsläufig mit der ihm bekannten Kultur vergleicht. Die Angewohnheit des Rauchens beispielsweise kann er sich verständlicherweise überhaupt nicht erklären oder irgendwie einordnen – er vermutet daher Brandopfer zur Dämonenaustreibung. Überhaupt erklärt er sich vieles als „kultische Handlung“, so auch das Abnehmen von Fingerabdrücken bei der Polizei.
Banalste Alltagsgegenstände und -handlungen werden von ihm bestaunt und ausführlich in seinen Briefen erörtert. Die Sprache ist etwas „altmodisch“ und gestelzt, oftmals extrem umständlich und verschachtelt, aber dennoch gut verständlich. Das absolute i-Tüpfelchen sind die „einchinesischten“ Wörter, die Kao-Tai für deutsche Begriffe verwendet: Ant-su ist ein Anzug, A-tao das Auto, Shao-Bo ein Schlauchboot usw. Manches habe ich nicht gleich erraten, manches auch gar nicht (vor allem Eigennamen, so kann ich bis jetzt nur vermuten, dass Herr Shi-Shmi wohl eigentlich Schmidt heißt).

Sehr lustig waren auch die kurzen Einblicke in Kao-Tais „wirkliches“ Leben, die uns mindestens ebenso unverständlich erscheinen, wie ihm unsere heutige Welt. So darf zB unter GAR KEINEN Umständen sein Lieblingshengst die Stute des Vizekanzlers decken, weil dieser ja so dumm und unsympathisch ist. Lieber soll der Sohn des Vizekanzlers eine von Kao-Tais Töchtern heiraten…
Die Mischung aus Naivität, Neugierde und Arroganz gegenüber dem Neuen macht das Buch zumindest anfangs zu einem echten Page-Turner. Nach etwa 2 Dritteln ist das jedoch abgenutzt, und für mich war dann einfach die Luft raus. Irgendwie wiederholt sich alles nur noch, und ich hatte manchmal ein bisschen den Eindruck, als hätte Rosendorfer zuletzt eigentlich nur noch ganz allgemeine Kritik an der Gesellschaft anbringen wollen – eben durch Kao-Tai als Beobachter.

Manches schien mir ein wenig arg unlogisch bzw. unglaubwürdig, so zB dass Kao-Tai die deutsche Sprache rasend schnell erlernt und nach nur einem halben Jahr sogar schon Buddenbrooks lesen kann und diese ihm zudem auch noch ausgesprochen gut gefallen (ich bezweifle einfach, dass jemand mit 5 Monaten Deutschkenntnissen dieses Buch überhaupt verstehen kann)

Alles in allem dennoch ein lesenswertes und durchaus witziges Buch – es hat sich somit gelohnt, einfach mal mehr oder weniger blind um eine Empfehlung zu bitten in der Buchhandlung!

rating4

PS: Habe gerade durch Zufall herausgefunden, dass es auch eine Fortsetzung gibt: Neue Briefe in die chinesische Vergangenheit. Das ist aber fein! Wollen wir doch mal sehn, obs die bei Tauschticket gibt…

4 thoughts on “Briefe in die chinesische Vergangenheit

  1. Du hast recht, ich habe das Buch auch als sehr amüsant und witzig, dabei auch genau beobachtend im Erinnerung. Ist aber schon lange her, daß ich es las. Mal schauen, vllt blätter ich es einfach mal wieder durch.

  2. Würde ich auch so sehen. Ich habe das Buch vor langer Zeit auch mal gelesen und fand es auch ziemlich gut. Kann mich aber daran erinnnern, dass es zum Schluss hin eher uninteressant wurde.

  3. Hallo zusammen,

    ich hätte eine Frage zu dem Buch:

    Ich nehme an einem wöchentlichen Zigarrenquiz teil und dort wurde die Frage gestellt bezüglich der „Brandopfer“, die Kao-Tai so seltsam findet.

    Welche Zigarrenmarke wird dort beschrieben (in seiner Bindestrich-Sprache) ?

    Ihr wärt mir eine große Hilfe, da ich leider grade keine Zeit habe in eine Bücherei zu gehen, um es selbst nachzulesen.
    Vielen Dank im Voraus!

    Uli

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