Das ideale Verbrechen

Ich hätte dieses Buch wirklich gerne gemocht.
Von einer rotzfrechen Ermittlerin war die Rede, die mutig sei und auch bisschen frivol. Die Erzählperspektive sei erfrischend, und generell hörte sich auch ein Mord vor laufender Kamera doch auch ganz spannend an.

Der Plot war letztlich verwirrend und verschwurbelt und viel zu „um die Ecke“, als das war bei rauskommen könnte, und die rotzfreche, frivole Ermittlerin an Oberflächlichkeit und Vulgarität kaum zu überbieten. Das Buch beginnt mit einer Selbstbefriedigungsszene. Damit isses ja ein bisschen wie mit dem Nasebohren – alle machen es, aber keiner gibt es zu. Aber ehrlich gesagt: ich will nicht wissen, wie es sich eine Krimiermittlerin in der Badewanne besorgt, schon gar nicht bevor ich sie halbwegs kennengelernt habe ;)

Diese „Ermittlerin“ ist von Beruf Rechtsanwältin und heißt Stella Blómkvist. Stella Blómkvist ist auch der Name der Autorin des Buches. Oder wenigstens das Pseudonym, denn in Wirklichkeit ist die Autorin (oder der Autor?) eine „bekannte isländische Persönlichkeit des öffentlichen Lebens“, und „ganz Island rätselt, wer die geheimnisvolle Unbekannte wohl sein mag“.

Stella (die im Buch) schaut nach dem Baden ein wenig fern und beobachtet so, wie während einer Livesendung die Moderatiorin nach einem Glas Wasser plötzlich tot umkippt. Das wird dann aber nicht weiter erörtert, sondern Stella geht auf die Piste und reißt da so richtig taff und knallhart Jungs auf. Einen dieser „Hengste“ nimmt sie mit nach Hause, so jedenfalls der Plan. Bevor es dazu kommen kann, entdeckt Stella in der Nähe der Discothek ein verängstigtes, leicht bekleidetes ausländisches Mädchen und nimmt es statt des Hengstes mit zu sich nach Hause. Es stellt sich heraus, dass das Mädchen Corazon heißt, 18 Jahre alt ist und offenbar mit falschen Versprechungen von den Philippinen nach Island gelockt wurde.
Stella besorgt eine Dolmetscherin und quartiert Cora estmal längerfristig bei sich ein. Aaaaaha, Mädchenhandel also! Naja, vielleicht hat das ja was mit der toten Moderatorin zu tun, wir sind ja schließlich erst am Anfang.

Aber auch im weiteren Verlauf des Romans entwickeln sich diese beiden Fälle nicht nennenswert aufeinander zu, wenn man mal von einigen Personenüberschneidungen absieht. Die polizeilichen Ermittlungen um die tote Fernsehmoderatorin beziehen Stella mehr oder weniger unfreiwillig mit ein, da sie mit der Verteidigung der Hauptverdächtigen betraut wurde.
Das Ganze zieht sich eine Weile hin, und was man der Autorin zugute halten muss, sind die Details, die nach und nach aufgedeckt werden – zumindest am Anfang. Das Pulver ist leider recht schnell verschossen, und man dreht sich fortan im Kreise oder verstrickt sich in Nebenhandlungen.

Was ich absolut hasse, in jedem Genre, sind Handlungsstränge, die ins Leere laufen. Der Fall des offenbar misshandelten Mädchens Corazon wird nicht nennenswert weiterverfolgt. Wen man mal davon absieht, dass sie, da sie ja nun eh bei Stella einquartiert wurde, wacker deren Wohnung putzt und für die Gastgeberin kocht. Stella scheint sich ganz gut zu gefallen in der Rolle der Hausherrin mit Personal, hat aber im Wesentlichen Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel ihre zahllosen Männerbekanntschaften. Denn solche „Hengste“ wie gleich zu Anfang lernt sioe häufig kennen und fackelt dann auch nicht lange, um sich dann in der Lobpreisung von deren „Prinzen“ [sic!] zu ergehen und ihre Qualitäten im Bett zu erörtern. Wahnsinnig interessant – und von so viel Bedeutung für die Handlung dieses Buches! Leider ist das auch mehr oder weniger das einzige, was man über Stella sagen kann – dass sie gerne rumvögelt und eine große Klappe hat. Der Rest des Charakters ist vollkommen flach gehalten. Frivol und schlagfertig ist was anderes, ich fand sie plump und vulgär.

Um es vorweg zu nehmen: Die schlussendliche Lösug des Falles fand ich zumindest ungewöhnlich, aber auch unbefriedigend. Als hätte die Autorin eine Münze geworfen oder selbst nicht so genau gewusst, was sie schreiben wollte. Sowieso hatte ich den Eindruck, dass eher Stella als Person im Mittelpunkt stehen und auf Teufel komm raus als unglaublich cool dargestellt werden sollte. Ihre ausschweifende Lebensweise hab ich schon angedeutet. Was mich zudem gestört hat, war die betont saloppe und coole Sprache. Ich hatte oft den Eindruck, dass partout immer die flapsigste aller möglichen Vokabeln benutzt werden sollte. „Ich latsche zu meinem Benz“, „ich grabsche mir eine Kopie der Anklageschrift“. Polizisten sind konsequent „die Goldjungs“. Immer wieder „Scheinchen“ statt Geld. Beliebig erweiterbar.
Ach, und nicht zu vergessen natürlich Jackie, Stallas wohl engster Freund! Also known as Jack Daniels. Diesen konsumiert Stella in rauen Mengen und hegt, so scheint es, fast liebevolle Gefühle für ihn. Jemand, der so viel „Jackie“ kippen würde wie Stella, der hätte im wirklichen Leben ein massives Alkoholproblem. Aber das muss wohl so. Gehört sicher alles zu dem Frivolen und Schlagfertigen an dieser Person, das mir leider völlig verschlossen geblieben ist.

Unterm Strich ein wirklich unglaublich miserabler und unbefriedigender Krimi, der weder stilistisch, noch inhaltlich überzeugt. Bei mir hinterließ er ein Gefühl von Ratlosigkeit, da ich wirklich nicht wusste was ich mit diesem halbherzig und schlecht konstruierten Kriminalfall und dieser schrillen Sirene von Anwältin anfangen soll.
Immerhin konnte ich so gleich 2 weitere Bücher von meiner Wunschliste streichen, denn von der bekannten Persönlichkeit des öffentlichen Lebens möchte ich lieber doch nichts mehr lesen.

rating1

8 thoughts on “Das ideale Verbrechen

  1. wird sofort von der erweiterten Liste (wenn ich mal wieder was nordisches lesen will) gestrichen. Herzlichen Dank für die Zeitersparnis; das Leben ist ja zu kurz für schlechte Bücher ;-)

    LG, Jules

  2. Na, vllt würdest du es ja mögen ;)
    Ich persönlich fand es ganz schlimm seicht und kann gar nicht verstehen, wie ein Buch (oder eine Serie) mit einer so platten Hauptfugur eine „riesige Fangemeinde“ haben kann (O-Ton Klappentext).

    Die Geschmäcker sind verschieden, und mit den Nordischen Krimis tu ich ich leider auch sehr schwer. Was ich dagegen empfehlen würde ich Eiskalte Stille, welches mich letztes Jahr sehr begeistert hat. Das war so ganz eigen geschrieben, im Grunde passiert fast überhaupt nichts, aber die Art und Weise, wie erzählt wird, hates für mich nicht eine Minute langweilig gemacht, und das beste war die wirklich überraschende Wendung am Schluss.
    ich warte schon sehnsüchtig auf den 2. Roman des Autors, der bald rauskommt.

  3. Gut zu wissen, dann brauche ich das gar nicht erst zu lesen- bis jetzt konnte ich mich nämlich auf deine Empfehlungen immer gut verlassen. :-)

    Außer „Eiskalte Stille“ das hat mir gar nicht gefallen, das war mir zu langweilig, vielleicht hätte ich durchhalten müssen- aber irgendwann kam mir ein spannenderes Buch in die Hände und ich hab es weggelegt…

  4. Ja, da hätteste durchhalten sollen, der Schluss hat mich ziemlich aus den Puschen gehauen. Ich fand es zu großen Teilen auch nicht besonders spannend, aber im Grunde war rückblickend gerade das das Gute – man denkt „aaaaahso, alles klar, ich weiß, wers war“ und auf einmal dreht sich alles um 180 Grad, und die Geschichte ändert sich völlig. Fand ich spitze, aber ich gebe zu, dass man das wirklich nicht ahnen konnte.

  5. Siehste mal, und um eiskalte Stille bin ich damals herumgeschlichen, hab mich aber nicht getraut. Dann muss ich das wohl stattdessen auf die erweiterte Liste … (ehrlich. Und ich dachte, es wird mal weniger.)

  6. Das denke ich auch immer. Ein halbes Jahr Blog- und Forumsverbot wäre mal keine schlechte Maßnahme zum SUB-Abbau. Aber das geht ja eh nicht…

  7. Würde bei mir nicht reichen. Bei mir haut nicht nur ein „ich kann beim Buchkauf nicht widerstehen“ ständig ins Kontor, sondern ich zehre noch immer von den sieben Jahren Buchhandel, in denen ich Bücher nicht nur verbilligt kaufen konnte (und trotzdem über 100 Euro im Monat dabei ließ), sondern auch viele Bücher als Leseexemplare geschenkt bekam. Und da man ja nur ein begrenztes Pensum am Tag lesen kann … *seufz*

  8. Oh das ist übel. Mit Beruf im Buchhandel würde ich wahrscheinlich untergehen vor lauter Frust. Ich frage mich eh immer, wie die Buchhändler das den ganzen Tag aushalten zwischen den vielen Büchern.

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