Vergiss Paris

Ich mag Krimis, und ich habe eine Schwäche für schöne Cover, und so ist dann diese Neuerscheinung bei mir gelandet. Und im Grunde genommen ist dies ein „Krimi“, in dem nichts wenig passiert (der aber immerhin ein hübsches Cover hat). Aus dem Klappentext:

„Der Architekt Konrad Walbaum entdeckt seine ehemalige Geliebte Carla unter Passanten am Potsdamer Platz. Die Liaison liegt 15 Jahre zurück. Aber kann das wirklich der Grund dafür sein, dass Carla ihn nicht mehr erkennt? Konrad stellt ihr nach, doch Carla bleibt spröde. Über ihr Leben erfährt er nicht viel. Carla hat gute Gründe für diese Zurückhaltung: Sie hat einen Mord auf dem Gewissen und ist dafür ins Gefängnis gegangen. Doch seit sie Konrad wiedergetroffen hat, scheint ihr, als habe sie den Falschen getötet.“

Stimmt schon mal gar nicht, denn als Carla vor 10 Jahren ihren damaligen Ehemann erschoss, wusste sie sehr wohl, wen sie erschießen wollte und hat auch durchaus den „Richtigen“ erwischt. Die Gründe für diesen Mord Totschlag werden auch gut herausgearbeitet, man kann Carlas Wut und Demütigung leicht nachvollziehen. Dies erfährt man nach und nach in Rückblicken aus Carlas Sichtweise. Das Buch beginnt mit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis. Gleich an einem der ersten Tage nach der Haftentlassung begegnet sie zufällig ihrem Ex-Geliebten Konrad (aus der Zeit vor dem um die Ecke gebrachten Ehemann). Sie tut so, als würde sie ihn nicht kennen. Er erkennt sie, doch sie kann ihm entwischen im Menschengewühl.

Jeweils abwechselnd wird ein Kapitel aus Konrads Sicht erzählt und eines aus Carlas. Konrad versucht mit allen Mitteln, Carla wiederzufinden, da sie ihn offenbar doch mehr reizt als seine derzeitige junge Geliebte. Was dann folgt, ist ein wochenlanges Katz-und-Maus-Spiel, das einer gewissen Komik nicht entbehrt: Carla will nicht erkannt werden, da sie sich ihrer Knast-Vergangenheit schämt (oder so… hab ich ehrlich gesagt nicht ganz verstanden, was das sollte) und gibt sich daher ahnungslos. Konrad meint, sie erkennt ihn tatsächlich nicht mehr, und das kratzt an seinem Ego. Da er auch nicht zu erkennen gibt, dass er weiß, dass sie weiß, glaubt sie nun widerrum, sie sei in Sicherheit. Und so tasten sie sich langsam (wieder) an einander heran.

Guter Kunstgriff der Autorin ist die Einführung einer zusätzlichen Person in diesem Kammerspiel, nämlich die Psychotherapeutin, die Carla nach der Haftentlassung betreut, um ihr dabei zu helfen, diese Erfahrung zu verarbeiten und sich im Alltagsleben „draußen“ zurchtzufinden. Die Psychologin, so erfährt man erst nach und nach (ebenso wie die beiden Hauptpersonen), steht auch Konrad sehr nahe und weiß daher über beide Personen bescheid (ohne zu wissen, dass beide wissen, dass… usw.). So wird sie nach und nach von der Nebenfigur zu kommentierenden und beobachten Instanz. Ansonsten kommen so gut wie keine anderen Personen in dem Buch vor (außer denen, die Carla im Weg stehen und beiseite geräumt werden müssen), was dem Ganzen eine leicht beklemmende Atmosphäre verleiht.

Die Handlung schraubt sich kontinuierlich nach oben und spitzt sich zu, wobei sie allerdings leider herzlich wenig mit dem zu tun hat, was im Klappentext steht und für mich persönlich irgendwann auch nicht mehr realistisch oder gar nachvollziehbar war. Ein wenig hat mich das Ganze an die Nollsche Art erinnert, Mord und Verbrechen generell als Kavaliersdelikte hinzustellen, bei der die Täterinnen stets stramm davon überzeugt sind, das einzig Richtige und Legitime zu tun.
Insofern für mich nichts Neues oder Innovatives, aber ich mag die Art und Weise, wie hier Abgründe sich nicht nur auftun, sondern auch schamlos ausgelebt werden. Was ich nicht mochte, war die eher leblose Darstellung sowohl Carlas als auch Konrads. Sollte wohl „nüchtern“ sein, aber bei mir kam irgendwie nichts von den Charakteren an, sie blieben mir fremd. Weiteres Manko war die mir zu konstruiert erscheinenede Begründung, warum Carla ihre Vergangenheit unbedingt geheim halten wollte und daher ausgerechnet Amnesie vorschützen musste.

Insgesamt: Für mich nur Durchschnitt. Alles in allem eher eine „ruhige“ Erzählung denn ein Krimi (was nichts Negatives sein muss, aber im Hinblick auf den Klappentext für mich wieder enttäuschend war). Interessanter Plot mit einigen guten Kunstgriffen, aber in der Gesamtbetrachtung für mich nicht ganz stimmig.

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