Verblendung

Verblendung ist sicherlich ein ganz passabler und solider Krimi, in den ich mich nach herben Anlaufschwierigkeiten dann nach und nach doch noch eingelesen habe. Aber ich muss es ganz ehrlich sagen: dieses Außergewöhnliche, Hammermäßige, ganz Eigene, das diesem Buch von etlichen (teils von mir sehr geschätzten) Rezensenten zugeschrieben wird, ist mir irgendwie gänzlich verschlossen geblieben. Ich weiß nicht, was alle an diesem Buch finden. Wie gesagt: passabel und gewiss nicht schlecht unterm Strich. Aber ich habe nichts im positiven Sinne Außergewöhnliches, Herausragendes oder Besonderes daran entdecken können. Nach vielen Rezensionen und fast ausschließlich Lobeshymnen dachte ich wunder sonstwas mich da erwarten würde.

In der Hand hielt ich schließlich einen stinknormalen Krimi, bei dem die eigentliche Kernhandlung ewig nicht in die Gänge kommt und bei dem auf Seite 359 (von 687!) erstmals sowas wie leise Spannung aufkam, um sich dann auch sehr bald wieder zu verflüchtigen. Das ist schon mal schlecht, ich war mehrmals kurz davor, das Buch wegzulegen, einzig die hohe Erwartungshaltung hat mich bei der Stange gehalten.
Larsson verwendet viel Zeit, sehr viel Zeit, zu viel Zeit darauf, Personen und Nebenhandlungen zu skizzieren. Ich bin zwar großer Fan von plastisch und lebendig gezeichneten Romancharakteren, und Larsson hat sich auch wirklich viele Gedanken gemacht, speziell um die Hauptfiguren Mikael Blomquist und Lisbeth Salander. Leider waren mir beide nur mäßig bis gar nicht sympathisch, und speziell die „Ermittlerin“ Lisbeth fand ich teilweise regelrecht nervtötend und abstoßend.
Obwohl ich schon kapiert habe, dass Lisbeth offenbar so ganz gegen jede Norm und jedes Klischee „aufgebaut“ werden sollte, fand ich den Charakter doch sehr klischeehaft. Zusammengefasst: Lisbeth ist eine gepiercte und tättowierte Punkerin Mitte 20 mit anorektischer Figur, einer offenbar schwierigen Kindheit und einem wie auch immer gearteten psychischen Knacks, der sie wohl den Großteil ihrer Kindheit und Jugend in psychiatrischen Anstalten verbringen ließ. Aus nicht näher erläuterten Gründen hat sie einen Anwalt als „Betreuer“ bzw. Vormund und stellt sich ganz generell gerne mal blöder als sie (angeblich) ist. Dennoch oder gerade deswegen ist sie mit besonderen Fähigkeiten wie einem fotografischen Gedächtnis und profunden Computerkenntnissen gesegnet, welche sie in ihrem Job als „Ermittlerin“ für eine Sicherheitsfirma (?) zu nutzen weiß. Larsson ist sich für kein Klischee zu schade: Die oben genannten Eigenschaften werden dadurch abgerundet, dass Lisbeth sozial komlett inkompetent ist, emotional und sozial verkrüppelt. Vertrauen hat sie zu niemandem, pflegt aber offenbar ein recht ausschweifendes Sexleben, und wenn ihr irgendjemand blöd kommt, dann hat sie direkt Mordgelüste.
Ich bin ihr überhaupt nicht nahe gekommen, sie wirkte auf mich auch so distanziert und unsympathisch, emotionslos und gleichzeitig boshaft, dass ich irgendann auch keine Lust mehr hatte, mich auf das ewige angedeutete Geschwafel von ihrer schlimmen Kindheit und ihre Sexualität einzulassen. Ihre teils respektlose Art hat mir den Rest gegeben – ich fand Lisbeth nicht nur unsympathisch, sondern auch manchmal nicht ganz stimmig als Charakter.

Mikael ist da schon schlüssiger konstruiert, war mir deshalb aber nicht sympathischer: Er ist zu sehr der leuchtende und über allem stehende Gutmensch, dessen einzige Schwäche offenbar darin besteht, dass er mit jeder Dahergelaufenen ins Bett steigt. Aber er kann ja schließlich nix dafür, dass alle ihn so toll finden. *gähn*
Mikael ist Wirtschaftsjournalist (und mItherausgeber) bei dem Anarchoblättchen Millennium, was dem Leser diese verschwurbelte und plattgewalzten Nebenstory um einen kriminellen Großindustriellen und Blomquists persönlichen Intimfeind einbringt. Diese Nebenstory nimmt vor allem am Anfang des Buches sehr viel Raum ein und hat mich furchtbar gelangweilt. Ich habe auch bis zum Schluss leider ganz nicht kapiert, welchen Sinn sie für die eigentliche Story hatte. Oder sagen wir so: Sie wäre verzichtbar gewesen.
Der einzige Sinn bestand offenbar darin, am Ende nochmal einen triumphalen Showdown von Gut (Mikael) gegen Böse (der Industrielle) auffahren zu können. Dieser spielt sich nach der Lösung des eigentlichen und nicht mit dem Wirtschaftskram in Verbindung stehenden Fall ab und nimmt somit am Schluss des Buches nochmal sagenhafte 100 Seiten in Anspruch, die ich dann ehrlich gesagt nur noch überflogen habe. Mir war das zu amerikanisch-pathetisch. Ich fand es auch sehr ermüdend, und ich verstehe nicht, wie man einen Krimi nach aufgelöstem Fall nochmal derart in die Länge ziehen kann.

Überhaupt, gutes Stichwort! In diesem Buch wäre vieles verzichtbar gewesen und hätte ordentlich gestrafft werden können. Wie schon oben erwähnt, kommt die zentrale Geschichte um das Jahrzenhte zurückliegende rätselhafte Verschwinden des Mädchens Harriet Vanger, das Mikael und Lisbeth nun im Auftrag von Harriets Onkel Henrik erneut aufzuklären versuchen, nur sehr schwerfällig in die Gänge. Es ist schon OK, wenn am Anfang einer solchen Story erstmal alle im Dunkeln tappen. Für mich ist es dagegen nicht OK, wenn ich mich während dieser Zeit durch über 300 Seiten schleppend vorangehende Nebenhandlung quälen muss.
Die Sache mit der vor zig Jahren spurlos verschwundenen Harriet ist wirklich spannend, und es werden mit der Zeit wider Erwarten noch einige sehr interessante Fakten zutage gefördert, die schließlich auch zur Lösung des Falles führen.
Interessant, aber nicht unbedingt neu oder innovativ sind die Abgründe der Familie Vanger, die sich nach und nach auftun. Auch die Motive des Täters… nun, irgendwie kam mir das alles so verdächtig bekannt und schon mal dagewesen vor. Bei der Klärung des Falles gabs dann leider noch einige logische Fehler und deutlich zu viele glückliche Zufälle, als dass ich damit zufrieden sein könnte.
Was mich auch noch gestört hat: Es kommen entliche Verdächtige in Betracht, und aus irgendeinem mir nicht ersichtlichen Grund muss der Täter, der Harriets Verschwinden zu verschulden hat, aus der Familie Vanger stammen. Dieser Clan ist weit verzweigt, und man lernt alle Mitglieder ein bisschen kennen, aber keinen so richtig (von der Problematik, sich Namen und Zusammenhänge zu merken, mal ganz zu schweigen). Im Grunde stolpert man nur so in die Lösung des Falles, aber ich zumindest war bis dahin schon so ermüdet von der ganzen Familiengeschichte und genervt von Lisbeths Zickigkeit, dass mich die schon recht ungewöhnliche Wendung nicht mehr so wirklich vom Hocker gerissen hat.

Um auch mal was Positives über das Buch zu sagen: Erzählen kann er, der Herr Larsson! Das Buch ist sehr flüssig zu lesen, der Erzählstil ist sehr plastisch und detailreich. Man wird als Leser durch die Handlung getragen und scheint oft mittendrin zu stehen. Lästig ist dagegen die penetrante Schleichwerbung für Apple- und Caononprodukte. Es hätte gereicht einmalig „Sponsored by Apple!“ auf das Cover zu kleben, dann hätte nicht ständig erwähnt werden müssen, dass Mikael sein IBOOK hochfährt und Lisbeth ihren POWERMAC G4 Dingsbums. Also echt mal, was sollte das denn?

Summa summarum: Kein schlechtes Buch, aber auch kein überragend gutes. Mir hat sich wirklich nicht erschlossen, warum es als „Hammer“ oder „Buchereignis des Jahres“ bezeichnet wird – für mich wirklich nur Durchschnitt, der aber wesentlich besser hätte sein können, wenn man am Anfang 200 und am Schluss 100 Seiten weggelasen hätte. Mich überzeugten weder die Motive, noch die Art und Weise der Fallaufklärung, noch die Charaktere, sondern einzig und allein die erzählerische Leistung.

rating3

8 thoughts on “Verblendung

  1. Nichtsdestotrotz – Band 2 und 3 lesen, vielleicht gibt es sich dann doch noch ;-) Die weiteren Bände konzentrieren sich mehr auf Lisbeth und ihre Vergangenheit, die recht gut konstruiert ist.

    Schleichwerbung kann vielleicht mit Begeisterung gleichgesetzt werden – wenn man bedenkt, dass seine Hauptcharaktere mit Macs, alle anderen mit PCs ausgestattet sind :D – mich hat’s nicht wirklich gestört.

    Aber nun gut! Freut mich, auch mal eine nüchternere Rezension über Larssons Verblendung zu lesen :-)

  2. No way! Noch 1 oder gar 2 Bücher davon tu ich mir sicher nicht an. ;)

    Ich hab mal ein bisschen gegoogelt und gespoilert, da in vielen Rezensionen erwähnt wurde, dass in den Folgebänden auf Lisbeths Vergangenheit eingegangen wird. Scheint schon recht derb gewesen zu sein, aber ganz ehrlich? Interessiert mich nicht die Bohne. Mag sein, dass sie Schlimmes erlebt hat, aber ich bin 1. kein Freund davon, alles mit einer schlimmen Kindheit zu rechtfertigen, und 2. fand ich sie insgesamt so unsympathisch, dass ich ihr nicht unbedingt wieder begegnen möchte.

    Und zu meiner Nüchternheit: Ich stehe immernoch unter Schock und frage mich schon seit Tagen während des Lesens, was ich eigentlich übersehen habe ;) Beim Lesen dachte ich immer, es käme vllt noch was ganz Außergewöhnliches, aber für mich wars echt kein Burner.

  3. „…und einem wie auch immer gearteten psychischen Knacks, der sie wohl den Großteil ihrer Kindheit und Jugend in psychiatrischen Anstalten verbringen ließ.“

    Hast du jetzt vielleicht schon gefunden, aber die Sache ist ja genau andersrum. Sie war in keiner Psychiatrie, weil sie einen Knacks hatte, sondern hat diesen Knacks, weil sie zu Unrecht eingesperrt und „misshandelt“ wurde.

    Buch eins war nur der Auftakt, die Hauptstory ist eigentlich das Rätsel um Lisbeth und ein großer Staatsskandal, der dahinter steckt.
    Ich glaube die Wennerström-Sache war nur insofern wichtig, um die Charakter einzuführen und die Arbeit von Millenium vorzustellen, damit die kommenden Ereignisse realistischer und glaubwürdiger wirken.

    Aber Geschmäcker sind verschieden und das ist auch gut so. Das macht die bunte Literaturlandschaft ja überhaupt erst aus.

  4. Wie Lilly schon sagte, das Geheimnis um Lisbeth lüftet sich im zweiten Teil der Trilogie, da bekommt ihre Krankheit auch einen Namen.

    Eine schöne Rezension, danke dafür. Du hast dich jedenfalls mit dem Buch auseinandergesetzt, manche deiner Kritikpunkte teile ich, aber weil Larsson eben – wie du schreibst – sehr gut erzählen kann, werde ich mir auch das letzte Buch der Serie noch antun, aber erst, wenn es als TB-Ausgabe erschienen ist. Solange kann ich dann doch noch warten.

    Ein schönes Wochenende wünsch ich dir!
    fs

  5. @ Lilly: Das geht aus diesem Buch aber nicht hervor, woher Lisbeth das alles hat, und mich hat es genervt, dass ständig Andeutungen gemacht, aber nie mal Klartext geredet wurde. Mir ist schon klar, dass man wohl die Trilogie als Ganzes und im Zusammenhang betrachten sollte, aber abgesehen davon bliebt Lisbeth mir unsympathisch. Und wie ich oben schon mal erläutert habe: Ich finde nicht, dass man alles mit einer schlimmen Kindheit erklären und rechtfertigen sollte, mir ist das zu… waschlappenmäßig, und zumindest in diesem Buch fand ich das fehlplatziert.
    Es wurde zwar auch gezeigt, wie auf ihr herumgetrampelt wurde (zB Bjurman). Ich wusste nicht, was ich ekliger und schlimmer fand: Was er ihr angetan hat oder dass sie sich umgehend auf diese Art und Weise gerächt hat. Mir wurde durch das ganze Buch hinweg einfach zu sehr die Mitleidsschiene gefahren, was Liebeth angeht, und sowas kann ich nicht haben.
    Eine interessante Deutung, die du da über die gesamte Trilogie abgibst, das Problem ist nur: Ich wollte einen Krimi lesen, Lisbeths Geschichte und ihr „Rätsel“ interessieren mich nicht die Bohne.

    Was du über die Wennerströmsache sagst, klingt im Zusammenhang schon wieder logischl, aber ich kann das Buch eben nur als Einzelwerk betrachten und fand es deplaziert. Ich habe ja nun schon mehrere Buchserien gelesen, auch im Krimibereich, und die waren in sich eigentlich alle schlüssig und dennoch spannend, also seh ich da kein so großes Problem.

    @ flattersatz: Ja, das haben mir nun schon mehrere erklärt, dass Lisbeth in Teil 2 und 3 noch weiter vorgestellt wird, aber ich finde das 1. denkbar ungünstig, eine solche Figur einzuführen und den Leser fast vollständig im Unklaren über sie zu lassen. Denn 2. gibts darunter sicher auch Leute wie mich, die mit ihrer komischen Art überhaupt nicht klarkommen und denen damit die Lust auf weitere Bücher vergällt wird. Ich habe das Buch gelesen, weil ich einen Krimi lesen wollte und nicht weil mich die Geschichte einer warum auch immer gestörten Persönlichkeit interessiert.

    Was mein Auseinandersetzen mit dem Buch angeht, da hast du recht. Und ich weiß nicht, ob ich das so intensiv getan hätte, wenn ich nicht so enttäuscht und erstaunt gewesen wäre, weil „alle“ anderen so restlos begeistert scheinen. Gut erzählen können anderen Autoren aber auch, da werde ich nicht auf noch eine weitere Geschichte mit Lisbeth angewiesen sein ;)

  6. Oh, das ist ja eine tolle Rezension, so schön ausführlich! Ich find’s natürlich schade (für dich), dass dich das Buch nicht so begeistert hat wie mich und viele andere, aber so ist das eben mit den verschiedenen Geschmäckern :)

    Ich denke ja, dass es vor allem die Figur Lisbeth ist, die einen das Buch entweder lieben oder hassen lässt. Ich fand sie sympathisch, vor allem sehr faszinierend, auch wenn ich einige deiner Kritikpunkte (zum Teil zu klischeehaft etc.) teile. Ich fand auch gerade die Andeutungen und dass man so lange nichts über ihren Hintergrund erfahren hat so toll – ich mag’s einfach, wenn man mich lange mit der Auflösung hinhält. Aber wenn man von ihr nur genervt ist, ist das dem Lesegenuss natürlich mehr als abträglich.

    Mir ging’s übrigens ähnlich mit Stephenie Meyers „Bis(s) zum Morgengrauen“: Soviel Begeisterung überall, dass ich mir dachte: Okay, Vampirbücher mag ich eigentlich nicht, aber wenn alle SO davon schwärmen, kann es ja nicht so schlimm sein. Tja, und dann die große Ernüchterung & hab mich gefragt, was um Himmels Willen alle Welt daran findet. So kann’s einem manchmal gehen ;)

  7. @ Eva: Naja, ich werds überleben, aber ich war schon ein bisschen enttäuscht, weil ich mit so großen Erwartungen herangegangen bin.
    Insofern hatte dieser ganze Hype und meine daraus resultierende Erwartung aber auch sein Gutes: Ich habe schon beim Lesen das Buch für mich „seziert“, immer wieder hinterfragt und ziemlich aufmerksam gelesen. Einfach weil ich immer dachte: „WO ist nur dieses Tolle, Einzigartige, von dem alle reden??“

    Ich denke auch, dass Lisbeth wohl stark polarisiert (obwohl mir unbegreiflich ist, wie man die mögen kann *g*), denn ich habe schon oft gelesen, dass Lisbeth ganz toll sei. Da dachte ich auch wieder wunder was das für eine Frau wäre, und dann les ich das Buch und erfahre, dass die tolle Lisbeth ein junges Mädchen ist, das (für mich) nicht alle Tassen im Schrank hat und seltsame Moralvorstellungen hat.
    Die ganzen Andeutungen haben mich gestört, weil mich Lisbeths Geshcichte nicht interessiert hat. Ich wollte wissen, was mit Harriet passiert ist, aber Lisbeths Kindheit war mir herzlich egal.

    So unterschiedlich kanns sein, aber so interessant finde ich es such immer wieder, wie verschiedene Leser ein und das selbe Buch so unterschiedlich wahrnehmen!

  8. Ja, da freut man sich auf ein unglaublich tolles Leseerlebnis und dann gefällt es einem nicht… das ist blöd. Am besten nicht mehr zu hohe Erwartungen in ein Buch setzen, das hab ich mir zumindest mal vorgenommen, aber es passiert immer wieder, dass etwas so toll klingt und ich unglaublich gespannt darauf bin – da kann ich mich manchmal richtig schön hineinsteigern *g*

    Ich hab übrigens am Wochenende von Ingrid Noll „Die Apothekerin“ gelesen, weil du mal geschrieben hattest, dass das deine liebste deutsche Krimiautorin ist und ich beim Einräumen ganz unerwartet das Buch gefunden habe (keine Ahnung, wann ich das gekauft hatte und warum ich es nie gelesen habe). Ich schreib dann im Novemberrückblick was dazu :)

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