Fucking Berlin

War mir schon von vornherein klar, dass das Buch vor allem nach dem Schema „S.ex sells“ geschrieben sein würde. Warum hab ichs gelesen? Keine Ahnung, pure Sensationslust vermutlich. Diese ist sehr wahrscheinlich auch der Grund, weshalb dieses Buch es in die Bestsellerlisten geschafft hat. Geschrieben wie ein Schüleraufsatz der Oberstufe liest sich das Buch sehr flüssig, überzeugt aber ansonsten eher durch pikante Details als durch sprachliche oder erzählerische Gewandtehit.

Ich fand es interessant, zu lesen, warum diese junge Frau, die ehrgeizig Mathematik studiert, nebenbei als Prostituierte arbeitet. Die „offizielle“ Begründung: Sie finanziert sich dadurch ihr Studium. Die Frage, warum es augerechnet Prostitution als Nebenjob sein musste, wird mehrfach damit beantwortet, dass dies der einzige Job ist, der genügend Geld bringt. Sonia ist Italienerin, studiert in Berlin, hat also als Ausländerin keinen Anspruch auf BAFöG. Sonstige Hilfen wie Stipendien scheint es entweder nicht zu geben oder nicht in Frage zu kommen. Mir persönlich scheint es schwer vorstellbar, dass sämtliche Jobs derart wenig Geld abwerfen, dass man davon so gar nicht leben kann. Erschwerend kommt bei Frau Rossi allerdings dazu, dass ihr Freund – ebenfalls Ausländer, jedoch ohne Aufenthaltsgenehmigung, nicht arbeiten kann oder will und sie ihn klaglos mit „durchfüttert“. Sie „muss“ also für zwei verdienen, und ich wurde beim Lesen auch den Eindruck nicht los, dass es nicht ums nackte Überleben ging oder darum, studieren zu können, sondern dass vor allem auch die ganzen Parties, Hasch und Klamotten von irgendwas bezahlt werden müssen.

So „rutscht“ Sonia dann sehr schnell in die Prostitution, von „harmlosen Massagesalons“ bis später zu echten „P.u.ffs“. Noch später tingelt sie dann völlig abgebrüht quer durch Deutschland und geht auswärtig anschaffen, weil es anderswo noch mehr zu verdienen gibt als bei den Berliner Dumpinglöhnen. Dabei immer stramm den Blick aufs Geld, denn schließlich will sie ja studieren, und das muss finanziert werden – wie ständig gebetsmühlenartig wiederholt wird. Klingt ja irgendwie heroisch und bildungsdurstig, aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch das Studium ihr nicht wirklich viel bedeutet. Zu oft betont Sonia, warum sie studiert: Um später mal richtig viel Geld zu verdienen.
Das tut sie als Prostituierte eigentlich auch, und wenn sie so aufzählt, was sie pro Abend bzw. pro Woche verdient, dann kann ich nicht nachvollziehen, warum sie trotzdem ständig pleite ist. Da müssen Summen zusammengekommen sein, die ich als Studentin und Auszubildende nie auch nur ansatzweise zur Verfügung hatte trotz Nebenjobs.

Obwohl man tiefer wohl eigentlich kaum sinken kann, vesucht Sonia stets, sich als eigentlich ganz liebes und naives Mädel vom Lande zu verkaufen. Die ganz ekligen Sachen hat sie den „Kunden“ schließlich nie erlaubt, und immerhin hat sie sich ja auch gut zu verkaufen gewusst: Für 20 Euro lässt sie sich nicht v.ögeln, das ist ihr zu schäbig. Für 50 hat sie dann aber kein Problem mehr damit. Na dann.
Es kann von mir aus jeder so promiskuitiv leben, wie er lustig ist, aber auf mich persönlich wirkte Sonia wie eine, entschuldigung, Schlampe. Und damit meine ich noch nichtmal ihren Job, sondern ihre privaten Verstrickungen und Liebschaften. Die Dame verkehrt *hust hust* privat nur mit Kiffern, Strichern und Koksern, geht selbst hochschwanger noch anschaffen (sie braucht ja Geld für das Baby…) und kommt sich unglaublich heroisch vor, weil sie trotzdem noch gute Noten an der Uni geschrieben hat.

Obwohl sie ihren „Nebenjob“ vor Kommilitonen geheimhält, meine ich, eine gewisse Koketterie mit dem Ganzen erkennen zu können. Einem Fremden, dem sie im Zug begegnet und der ihr seine Lebensgeschichte erzählt und sein Herz ausschüttet, antwortet sie auf seine Frage nach ihrem Beruf nicht etwa „Studentin“ – sondern „Ich bin eine Nutte“. Für mich, wie so vieles in diesem Buch, nicht nachvollziehbar oder glaubwürdig. Sie kommt weniger als Studentin rüber, die nebenbei anschaffen geht, sondern eher wie eine Prostituierte, die nebenbei studiert. Sie verkehrt privat auch lieber im Rotlichtmilieu als mit Kommilitonen, und ich habe sie als Eigenbrödlerin wahrgenommen, die gar nie in Betracht gezogen hat, dass sie auch anders hätte studieren und sich durchschlagen können. Selbstmitleid lese ich nur zwischen den Zeilen bzw. eher Mitleidheischen. Von mir bekommt sie keines.

Wer sich interessiert für die Gepflogenheiten, Kleidungsvorschriften und sonstige Insiderthemen im Rotlichtmillieu, der kommt bei diesem Buch voll auf seine Kosten. In der Tat enthält das Buch einige nicht uninteressante Schilderungen, aber bei so viel Blauäugigkeit, Naivität und Dummheit war ich mir stellenweise nichtmal sicher, ob hier wirklich ein Tatsachenbericht vorliegt, oder ob jemand einfach nur mal ein provokantes Buch schreiben wollte.
Alles in allem: Durchschnittlich.

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