Viva Polonia

Dieses Buch hat ein Deutscher geschrieben, dem man es sehr anmerkt, wie sehr er sich in seiner Wahlheimat Polen wohlfühlt. Mit fast missionarischem Eifer wirbt er für dieses schöne Land und seine herzlichen, gastfreundlichen Bewohner. Für die Sprache hegt er offenbar eine besonderer Liebe, fast trotzig, wie es scheint, denn Polnisch ist nicht zuletzt wegen der sieben Fälle und der vielen Zischlaute schwer zu erlernen.

Ich lese sehr gern solche „Kulturschockbücher“, wie ich sie für mich nenne. Bücher, in denen jemand über sein ganz persönliches Zusammentreffen mit einer fremden Kultur schreibt, sei es durch Auswandern oder durch ausländische Schwiegereltern. Mit Vorliebe habe ich zB die „Antoniobücher“ von Jan Weiler gelesen, Dear Germany“ und „Quattro Stagioni“. Nicht so gerne gelesen habe ich Stephen Clarkes Ergüsse über das französisch-britische Verhältnis (spielt sich eh nur im Bett ab) und auch Roger Boyes „Dear Krauts“ war eher eine Themenverfehlung.

Leider war auch Viva Polonia insgesamt nicht so ein Volltreffer für mich. Wie ich vor ein paar Tagen schon mal schrieb, ist das Buch eine lockere und amüsante Lektüre. Zumindest diese Eigenschaft macht das Buch lesenswert, aber was mich zunehmend gestört hat, war zum einen der Aufbau. Das Buch ist nicht etwa kapitelweise thematisch geordnet, sondern Möller hat sein Buch alphabatehisch nach Stichworten sortiert, was ich für ziemlich absurd und einfallslos halte. Ich weiß nicht, warum da kein Lektor was gegen gesagt hat, aber diese Ordnung empfinde ich bei diesem „Genre“ als Worst Case. Es war mir nicht möglich, mir ein wirkliches Bild von Polen zu machen, da verschiedene große Themenkreise (Berufsleben, Liebesleben, Gesellschaftsleben, Politik, Geschichte etc.) in mehreren „Kapiteln“ auftauchten und jeweils nur angeschnitten werden – und zwar leider auch noch in verschiedenen Ausführungen. Ich habe beim Lesen immer mehr Widersprüche in Möllers Beschreibungen entdeckt (was mein zweiter Kritikpunkt an diesem Buch wäre). Erst wird ausufernd die unglaubliche Herzlichkeit der Polen gelobt, dann wieder sind sie ein Volk mürrischer Muffköppe, dafür geht man in Deutschen Städten dann auf einmal so herzlich miteinander um. Im einen Kapitel ist es der „Mut“ und die Gelassenheit der Polen, die gerühmt wird, im anderen schon wieder das ungewöhnlich große Misstrauen gegenüber allem und jedem. Die Beispiele die er für diese Eigenschaften jeweils als Beleg anführt, leitet er zT aus 30sekündigen Zufallsbekanntschaften ab, was mir doch recht naiv erscheint. Insgesamt habe ich das Buch nicht als Möglichkeit für „Einblicke in die polnische Seele“ empfunden, sondern als Aneinanderreihung netter kleiner Alltagsgeschichten.

Mich hat dieses Widersprüchliche, das Hin und Her der Aussagen ziemlich verwirrt, und was diesen Effekt leider noch verstärkt hat, war die schon angesprochene unglücklich gewählte alphabetische Sortierung der Stichwörter. Auf „Herzlichkeit“ folgt „Hitler“, auf diesen wiederum „Improvisation“… usw. Da fiel es mir manchmal schon schwer, so schnell gedanklich umzuschalten, zumal die einzelnen Abschnitte selten länger als 4 Seiten sind, so dass man eigentlich nie die Gelegenheit bekommt, sich mal etwas intensiver mit einem Thema oder einer „polnischen Eigenschaft“ auseinanderzusetzen. Eine vertiefung findet überhaupt nicht statt. Insofern wirkt das Buch an vielen Stellen sehr oberflächlich. Oberflächlich fand ich auch, dass Möller sehr stark von seinem persönlichen Umfeld berichtet, das, so denke ich, doch ziemlich speziell ist durch seinen Beruf als Kabarettist im polnischen Fernsehen.

Neben diesem Fehlgriff mit den alphabetischen Stichworten statt Kapiteln hat mir manches an dem Buch auch gefallen. So zB Möllers lockerer und manchmal ironischer Tonfall und seine nimmermüde Begeisterung für das Land Polen. Manchmal ist diese Begeisterung vielleicht schon zu groß, so dass er Objektivität nicht mehr hinbekommt, siehe oben (die ganzen Widersprüche). Die polnische Sprache mit ihren vielen Klippen und Fallstricken wird in vielen Kapiteln eingeschoben oder angehängt und erläutert, oftmals in Form von Listen, so zB die wichtigsten polnischen Wörter für deutsche Touristen oder Tipps zur Aussrache des gerollten „R“.

Insgesamt eine kurzweilige und leicht zu lesende Lektüre, die jedoch leider nicht hielt, was ich mir davon versprochen habe und die mir zu oberflächlich und zu wenig informativ ist, außerdem zu verwirrend geschrieben ist, um wirklich gut zu sein.

PS: Anna, du bekommst im Laufe der nächsten Woche Post von mir! ;)

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6 Kommentare zu “Viva Polonia

  1. Ich glaube, das Buch liest sich anders, wenn man Polen kennt:) Ich habe dort eigentlich keine Wiedersprüche gesehen. Die Wiedersprüche beruhen, meiner Erachtens, daran, dass sich Polen privat ganz anders als ausser Haus geben. So war das wohl auch von Möller gemeint, würde ich sagen. Allerdings müsste ich jetzt in die jeweiligen Kapitel reinschauen, um es genauer zu erläutern. Ich fand das Buch sehr amüsant und musste immer wieder feststellen: ja, so ist das! Er hat sehr oft, dass sehr elegant in Worte gefasst, was ich lange spürte aber nicht formulieren konnte. Die Anordnung der Kapitel kann tatsächlich verwirrend sein – habe nie daran gedacht. Er wollte es wohl als quasi Lexikon sehen aber für jemanden, der Polen überhaupt nicht kennt, kann es tatsächlich schwierig sein.
    Ich schicke Dir meine Adresse von der Arbeit, zu Hause bin ich zu selten da;)

  2. Ich habe mir auch gedacht, dass man das Buch sicher besser versteht, wenn man Polen kennt. Dass die Leute privat lockerer sind als unter Fremden, erwähnte er ja auch mal irgendwo, aber ich frage mich, ob das so typisch Polnisch ist – ich finde das normal, ich bin auch so ;)
    Amüsant zu lesen fand ich es auch auf alle Fälle, er hat eine gute Schreibe. Aber ich fand es durch den Aufbau zunehmend verwirrend und fand es sehr schade, dass ich nun eigentlich immernoch nicht weiß, wie „die Polen“ nun eigentlich sind. Vielleicht war das alles zu subtil für jemanden, der das Land überhaupt gar nicht kennt, aber ich hätte es eben durch so ein Buch gerne ein wenig kennen gelernt. Ich pesrönlich glaube aber wirklich, dass es stark an diesem Aufbau lag und verschiedene Themenbereiche immer wieder erneut angeschnitten, aber nie so richtig erschöpfend behandelt wurden. Das fand ich in „Dear Gemany“ zB sehr gut gemacht, die hat immer ein Thema in 1 Kapitel gepackt und dann alle möglichen Beispiele nur zu DIESEM Thema in dem einen Kapitel erörtert.

    Naja, vielleicht schreibt er ja nochmal eine Fortsetzung ;)

  3. Bei den Polen ist es aber extrem – draußen können die echt unangenehm sein, unfreundlich, mürrisch und zu Hause der Gipfel der Gastfreundlichkeit – man wird mit dem Essen z.B. wortwörtlich erschlagen;)

    Er hat ja auch ähnliches Buch auf Polnisch geschrieben – ich habe es persönlich nicht gesehen. Es soll aber nicht so interessant sein.

  4. Achso, siehst du: Ich fand, das kam gar nicht so rüber, dass das bei den Polen extrem ist. Er hat mal so und mal so gesagt, aber nicht erklärt, dass das bei den Polen so extrem unterschiedlich. Hätte er alles in einem Kapitel beschrieben, wäre das wohl deutlicher geworden. Ich dachte an manchen Stellen nur „ja wie denn nun?“

    Das Buch hat er wohl erst auf Polnisch geschrieben und dann in erweiterter Form auf Deutsch. Wo hab ich das nochmal gleich gelesen, ich glaube, das steht so auf seiner Website: http://www.steffen.pl/ (Oder sogar in dem Buch selberr ich weiß es gerade gar nicht mehr)

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