Dear Germany

Ein wirklich nettes, amüsantes, leicht wegzulesendes und kurzweiliges Buch, bei dem man auch über so manches nachdenken oder schmunzeln muss.

Frau Kloeppel ist die Frau vom Herrn Kloeppel, dem netten dunkelhaarigen Nachrichtensprecherchef bei RTL aktuell (der mit der gemeißelten Frisur). Frau Kloeppel ist gebürtige Amerikanerin aus Minnesota und hat Herrn Kloeppel kennengelernt, als sie beide als Fernsehjournalisten in den USA tätig waren. Dann wurde der Herr Kloeppel Anchor Man bei RTL und ist wieder nach Deutschland zurück, und die Frau Kloeppel dann gleich mit, was nunmehr 15 Jahre her ist.

Sie schildert zunächst gut nachvollziehbar ihre Anfangsprobleme beim Erlernen der deutschen Sprache und beim Zurechtfinden im deutschen Straßensystem. Später kommen dann Betrachtungen hinzu über die Unterschiede zwischen deutscher und amerikanischer Küche, Kindererziehung und dem Bildungssystem, dem ganz alltäglichen Alltag, dem Gesundheitswesen und dem Ordnungs- bzw Unordnungssystem der beiden Nationen. Und weil Frau Kloeppel eben doch im Herzen Amerikanerin ist, darf auch ein etwas pathetisch angehauchtes letztes Kapitel über den 11. September nicht fehlen.

Ich fand das Buch wie gesagt sehr kurzweilig und leicht zu lesen und insgesamt auch sehr ausgewogen. Bevor ich das Buch bekam, hatte ich in vielen Rezensionen gelesen, die Frau Kloeppel wurde Deutschland schlecht achen und zu dem Schluss kommen, dass in Amerika alles besser sei. Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Sie macht nichts schlecht, sondern sie vergleicht sehr systematisch und anschaulich verschiedene Aspekte der beiden Länder und Nationen und zieht dann ihre eigenen Schlüsse. Bei einem Vergleich liegt es in der Natur der Sache, dass meistens entweder die eine oder die andere Seite besser bei weg kommt. Und das ist in dem vorliegenden Buch mal Deutschland und mal Amerika. Ich finde es vollkommen legitim, wenn man an liebgewonnenen und vertrauten Gewohnheiten erstmal festhält und Neuem gegenüber zumindest skeptisch ist. Und auch dass man bei näherem Hinsehen und objektivem Vergleichen dennoch das eigene Land in diesem Punkt besser findet, halte ich für in Ordnung. In vielen Punkten gibt Frau Kloeppel Deutschland den Vorzug gegenüber Amerika. Was einigen Lesern sauer aufgestoßen sein mag, sind die Punkte, wo sie sogar berechtigte Kritik übt. Über die berühmte Servicewüste Deutschland darf sich jeder Deutsche vollkommen zurecht aufregen und seine Erfahrungen dazu schildern. Wenn das eine eingewanderte Amerikanerin tut, kommt dies vielen wohl als „Schlechtmachen“ und „Lästern“ vor.
In den meisten Punkten ihrer Kritik musste ich Frau Kloeppel recht geben, und vieles, was sie an Deutschland lobt, ist mir noch gar nie so bewusst aufgefallen.

Insofern war das für mich nicht nur ein abwechslungs-, sondern in mancher HInsicht sogar auch ein lehrreiches Buch.
Das einzige, was mich aus Gründen, die ich nicht recht erklären kann, etwas enttäuscht hat, war folgender Satz auf einer der ersten Seiten:„Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Geng“. Huch! Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass nach 15 Jahren in Deutschland die Frau Kloeppel gut genug Deutsch kann, um ihr Büchlein in dieser Sprache zu verfassen. Zumal sie anfangs stolz erzählt hatte, sie würde oft von Fremden gefragt, woher sie eigentlich so gut Englisch könne (weil man sie, da sie so flüssig Deutsch spricht, für eine Deutsche gehalten hat).
Was aber insgesamt den Lesegenuss nicht geschmälert hat (zumal ich den Übersetzerhinweis sowieso erst entdeckt habe, als ich das Buch schon fast durch hatte).

9 thoughts on “Dear Germany

  1. Ich habe, was dieses Buch betrifft, ungeähr zwischen sechs / sieben Rezensionen gelesen und alle hatten den Standpunkt ein mieses, klischeetriefendes, amerikanisch-patriotisches Machtwerk einer Frau vor sich zu haben, die mit den „von den meisten Amerikanern gewohnten Scheuklappen“ durch’s Leben geht, sich über „alles Deutsche mokieren“ würde und am Ende bleiben doch die „USA das Land of the Free“ – ich zitiere hier mal einige gängige Floskeln.

    Das Buch klingt interessant – dürfte sich aber (ohne abwertend wirken zu wollen) eher um Unterhaltungsliteratur handeln, nehme ich einmal an? Also so oder so nicht den Anspruch haben zeitgeschichtlich oder höchst politik-kritisch an die Thematiken ranzugehen… Daher wundert mich so mancher scharfer Ton gegenüber diesem Buch. *kopf kratz*

  2. Hab ja auch geschrieben: Nett, amüsant, leicht wegzulesen. Also hohe Ansprüche sollte man daran nicht haben.

    Klischees kommen auch drin vor, aber ich finde überhaupt nicht, dass alles Deutsche schlecht gemacht wird, im Gegenteil. Über vieles äußert sich Frau Kloeppel ausgesprochen positiv, und ich habe den Eindruck gewonnen, dass sie gerne hier lebt. Ich persönlich glaube, und das habe ich auch versucht, oben anzudeuten, dass sich manche Deutsche Leser einfach nur ans Bein gepinkelt fühlten, denn Frau Kloeppel mokiert EINIGES Deutsche, jedoch nicht alles. Man selber darf das eigene Land natürlich jederzeit schlecht finden und auch darüber reden – aber wehe, ein Ausländer tut das. Und bis auf das letzte kapitel (11. September) hab ich das Buch auch nicht als sonderlich patriotisch empfunden. Im Nachhinein war ich überrascht, denn ich habe bisher auch fast nur Rezensionen gelesen, wo die Autoren der Meinung waren, Frau Kloeppel würde alles Amerianische besser finden,. Kann ich absolut nicht bestätigen, mir hat das Buch gefallen.

  3. Ich würde es eher als etwas Positives sehen, dass sie das Buch auf Engl. geschrieben hat – nicht ohne Grund sollte man immer in die Muttersprache übersetzen auch wenn man schon eine Ewigkeit im Ausland lebt etc. etc. Man kann die Sprache super sprechen und schreiben, man kann sich in ihr wunderbar bewegen und ein gutes Sprachgefühl entwicklet haben – Muttersprache bleibt Muttersprache. Mich stört es eher sehr, wenn ich Bücher von Emigranten sehe, die in der Sprache des Ziellandes geschrieben wurde. Da bin sofort skeptisch…

  4. Hm Anna, so hab ich das noch gar nicht gesehen. Aber dir glaub ich das gerne, daher danke für den Input ;)

    Ich kann schon verstehen dass man sich auch nach Jahren im Ausland immernoch am besten in der Muttersprache ausdrücken kann. Mich hat es glaube ich nur deswegen so überrascht, weil das Buch ja u.a. gerade den Umgang mit dieser Fremdsprache thematisiert und Frau Kloeppel anfangs auch erwähnte, dass sie nach 15 Jahren sehr gut Deutsch spricht (und nur ihre Freunde gelegentlich Fehler bemerken). Da hab ich mich irgendwie gefreut, denn beim Lesen dachte ich immer „super Deutsch!“ (obwohl ich dachte, das wird sicher vom Lektorat nochmal korrigiert worden sein, aber man merkt das ja an Redewendungen etc. ob jemand fließend spricht). Und als ich dann diesen Übersetzerhinweis sah, dachte ich „oh, doch nicht?!“.

  5. Danke:) Ich denke, in den meisten Fällen, denkt man es gar nicht, dass man sich in der eigenen Muttersprache doch noch besser ausdrucken kann. Ich fühle mich, mindesten im geschriebenen Wort, viele Jahre im Deutschen sicherer – das war aber nur ein Trugschluss, wie ich doch feststellen musste. Es lag eher daran, dass ich mich nur in dieser Sprache im Alltag und auf der Arbeit bewegt habe. Seitdem meine Tochter auf der Welt ist und ich wieder meine Muttersprache spreche, habe ich bemerkt, dass ich doch viel treffender, witziger, abwechslungsreicher auf PL schreiben und sprechen kann. Das merkt man normalerweise nicht im Alltag – man muss sich das erst bewusst machen. So wird es vielleicht Frau Kloeppel auch im Endeffekt gehen. Oder es gab Marketinggründe – sie wollte das Buch auf den amerikanischen Markt bringen?
    Hast Du „Viva Polonia“ von Steffen Möller gelesen? Er hat eigentlich zwei Versionen des Buches geschrieben – und, soweit ich mich erinnere, beide auf Deutsch obwohl sein Polnisch wirklich gut ist. Und DAS ist EINE Leistung;))

  6. Das finde ich echt interessant, danke Anna! :)

    Kann ich nur schlecht nachvollziehen, da ich nie längere Zeit im Ausland gelebt habe und obwohl ich Englisch gut kann, weit entfernt bin davon, es fließend zu sprechen oder zu verstehen. Ich wollte aber schon immer mal wissen, wie es ist, wenn man so mit zwei Sprachen lebt/denkt usw.

    Eine Kollegin von mir ist Amerikanerin, aber in Deutschland aufgewachsen. Allerdings aufgrund der Militärzugehörigkeit ihres Vaters in amerikanischem Umfeld (US-Highschool, US-College etc. – aber alles auf deutschem Boden!). Sie spricht daher natürlich beide Sprachen fließend, bezeichnet aber Englisch als ihre Muttersprache. Und ich merke es genau, ob sie einen deutschen Text eigentlich auf englisch gedacht und dann schnell beim Aufschreiben übersetzt hat oder ob das beim Denken auch schon auf Deutsch war :D

    Vielleicht ist das aber auch nicht bei allen gleich. Ich arbeite viel mit Kunden aus Australien und Kanada. Einer davon ist allerdings Deutscher, der schon vor … ich weiß nicht wievielen (15?) Jahren ausgewandert ist. Der sollte uns mal für ein Interview seine Kurzbiographie auf Deutsch zukommen lassen und das war sooo holprig geschrieben! Er schrieb auch extra dazu, wir sollten bitte nochmal drübergehen und ggf. korrigieren, denn man würde einiges verlernen, wenn man die Sprache so lange Zeit gar nicht mehr spricht (was allerdings bei Frau Kloeppel nicht der Fall war, die spricht wohl auch daheim viel Englisch).

    Viva Polonia würde ich sehr gerne mal lesen, ist mir aber für ein Taschenbuch zu teuer. In der Bibliothek stehe ich zwar auf der Warteliste, aber das Buch ist so begehrt, dass das wohl noch dauern kann :( Ich versuche nebenbei über Tauschticket mein Glück.

  7. Da muss ich doch antworten, wenn es dir nichts ausmacht?

    Ich bin eigentlich auch gespannt, wie Leute denken und funktionieren, wenn sie komplett zweisprachig aufwachsen – das werde ich wohl bei meiner Tochter beobachten können. Momentan ist es schon unglaublich spannend!

    Das, was Du übers Schreiben berichtest, kann ich gut nachvollziehen. Ich glaube, dass ich, wenn ich Deutsch schreibe, nur auf Deutsch denke. Bei den Rezensionen, übersetze ich sie auch nicht, sondern schreibe sie neu. Sonst wären sie zu holprig. Aber übersetzen ist auch eine Kunst für sich, die mich auch sehr interessiert.

    Was Du über den deutschen Kunden aus Australien/Kanada schreibst ist erschreckend. Ich treffe sehr oft auf solche Fälle – auf Leute, die in ihrer Muttersprache nicht mehr schreiben können und die aber in der anderen Sprache auch Fehler machen. Dieser Leichtsinn im Umgang mit der Sprache ist beängstigend.

    Wenn Du magst, kann ich Dir „Viva Polonia“ schicken und wenn Du es fertig gelesen hast, schickst Du mir es einfach zurück?

  8. Ich finde das mit dem Verlernen auch erschreckend, aber es ist wohl gar nicht so selten. Ein Geologe, der freiberuflich für unsere Firma arbeitet und auch schon sehr lange in Kanada lebt, spricht zwar ganz normal Deutsch, aber wenn er Texte aus dem Englischen übersetezn soll, was offenbar nicht das gleiche ist wie freies Sprechen, dann kommen da ganz komische Sätze bei raus. Ihm fehlt wohl einfach so manche Redewendung, die er dann wörtlich aus dem Englischen übersetzt. Ich glaube, das passiert aber wirklich nur, wenn man die Muttersprache gar nicht mehr benutzt.

    Also wenn du mir Viva Polonia ausleihen würdest, das wär wirklich furchtbar nett von dir!!

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