Das geheime Spiel

Ziemlich lange bin ich um dieses Buch herumgeschlichen, und ziemlich lange lag es dann auf meinem SUB, nachdem ich das Glück hatte, es zufällig als Remittende zu ergattern.

Irgendwie hörte sich das spannend und interessant an, das mit der Familiengeschichte und dem Geheimnis und dem Krimi. Bis auf den Krimi war auch alles dabei – ich weiß nicht, wer wieder mal diesen Mist aufs Cover geschrieben hat! Ein Buch ist noch lange kein Krimi, nur weil jemand durch Schusswaffengebrauch zu Tode kommt.
Da ich aber so gut wie keine Erwartungen an das Buch hatte und mir auch nicht so wirklich was darunter vorstellen konnte, konnte ich auch kaum enttäuscht werden, nech ;)
Ich würde es als Liebesgeschichte beschreiben und als die Geschichte von drei sehr verschiedenen Frauen in einer sicherlich sehr interessanten Epoche.

Das Buch hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Es kommt ein bisschen schwer in die Gänge, aber wenn man es erstmal „rein“ geschafft hat, ist s toll! Mehrere Geschichten unterschiedlicher Personen werden gekonnt miteinander verwoben, ohne allzu viel einzubringen. Schauplatz ist zu Beginn ein Englisches Landgut am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Erzählt wird aus der Perspektive von Grace, damals Dienstmädchen auf dem englischen Herrensitz Riverton Manor. Mit nur 14 Jahren geht sie dort 1914 in Stellung und fühlt sich dort sehr zu den beiden dort lebenden Enkelinnen des Lords hingezogen, Hannah und Emmeline. Besonders zu der gleichaltrigen Hannah baut sie mit den Jahren eine enge Beziehung auf, denn auch Hannah mag Grace und sieht in ihr allmählich mehr als nur eine Dienstbotin und Zofe.

Getragen von einem ruhigen und flüssigen Erzählstil geleitet Grace den Leser durch die Jahrzehnte. Die eigentliche „Geschichte“ spielt sich in den Jahren zwischen 1914 und 1925 ab, jedoch wird in Rückblicken auch die Ziet davor und danach angeschnitten. Gace ist zum Erzählzeitpunkt 98 Jahre alt und lebt in einem Pflegeheim. Dort wird sie besucht von einer Filmemacherin, die einen Spielfilm über die Geschehnisse aud Riverton Manor dreht und Grace als eine der wenigen „Überlebenden“ aus der damaligen Zeit interviewen möchte. Auf diese Weise erfährt man, dass Grace nach ihrer Zeit als Dienstmädchen später eine erfolgreiche Pionierin und Archäologin wurde, also einen eher unkonventionellen Weg eingeschlagen hat.

Spannung entsteht vor allem daraus, dass immer wieder angedeutet wird, es sei „damals“ etwas Schreckliches auf Riverton passiert, ein junger Dichter habe sich das Leben genommen. Aber genau weiß niemand, wie sich das zugetragen hat, denn die einzigen Zeugen waren Hannah und Emmeline, und sie haben nie preisgegeben, was passierte. Nur Grace weiß es, und sie hat ihr Geheimnis 75 Jahre lang gehütet. So wird man beim Lesen mal hierhin, mal dorthin geleitet, immer wieder neue kleine Geschichten werden eingeflochten. Für meinen Geschmack wird um einiges ein wenig zu viel Brimborium betrieben , vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass dieses „Geheimnis“ um den Dichter erst im allerlertzten Viertel des Buches so langsam in die Gänge kommt. Ich fand das Buch angenehm zu lesen und habe auch die kleinen Verflechtungen und Geschichten sehr gemocht, aber einiges erschien mir einfach zu langatmig und zu unwichtig. 100-150 Seiten weniger hätten dem Buch meiner Meinung nach nicht geschadet. Im Gegenteil, ein wenig Straffung und die komplette Streichung allzu vieler familiären Verflechtungen und Zwiste hätten das Ende nicht so plötzlich erscheinen lassen. Aufgrund dieser Längen fand ich das Buch streckenweise regelrecht langweilig, und ich musste mich zum Weiterlesen zwingen. Was sich aber im Endeffekt gelohnt hat, da diese Längen und mir sinnlos erscheinenden Passagen irgendwann nachließen.

Gut gefallen hat mir das Eintauchen in die 20er Jahre, das ist Kate Morton gut gelungen. Lebensgefühl, Mode und politische Ereignisse dieser Zeit werden sehr plastisch rübergebracht. Auch die Charaktere sind gut gezeichnet, zumindest die Hauptpersonen waren mir schnell vertraut.
Auf den letzten 50 Seiten ist für meinen Geschmack etwas zu viel untergebracht worden. Es scheint, als hätte die Autorin, die sich vorher über hunderte von Seiten gerne mal in dem Ausschmücken von Nebensächlichkeiten ergangen hat, plötzlich ganz viel in sehr gestraffter Form unterbringen wollen. Ich persönlich mag es nicht so, wenn am Schluss eines Buches auf einmal alles so hopplahopp schnell gehen muss… irgendwie will ich den Schluss lieber „genießen“.

Insgesamt ein lesenswertes Buch, ich würde es aber als reines „Frauenbuch“ einstufen. Obwohl ich es nie als kitschig empfunden habe – wohl auch wegen der Anzahl starker und selbstbewusster Frauenpersönlichkeiten – ist ein gewisser Hang zur Rührseligkeit und Dramatik besonders gegen Ende nicht zu verleugnen.

Was den Titel angeht, so habe ich ihn als irreführend empfunden. Zwar kommt in dem Buch tatsächlich ein „geheimes Spiel“ vor, aber worin das nun genau bestand, wird nie so recht klar. Gespielt wurde von den Geschwistern Hannah, David und Emmeline, und scheinbar war es eine Art Rollenspiel. Warum es unbedingt geheim bleiben musste, wird nie deutlich – offenbar wollten die Kinder einfach ihre Phantasie für sich behalten. Der Originaltitel des Buches ist „The Shifting Fog“. Vielleicht war das dem deutschen Verlag zu düster, ich halte ihn für passender, zumal Nebel in dem Buch an einigen Stellen eine Schlüsselfunktion hat.
Ich fand es etwas ärgerlich, dass ich eigentlich umsonst versucht habe, (aufgrund des Buchtitels) in diesem „geheimen Spiel“ irgendeinen Schlüssel zu entdecken oder wenigstens mal etwas genauer aufgeklärt zu werden über dieses Spiel und seine Bedeutung.

3 thoughts on “Das geheime Spiel

  1. Pingback: Monatsliste Januar 2009 « Bibliomanie

  2. Oh, da bin ich aber froh, dass es sich offenbar doch noch lohnen wird, das Buch zuende zu lesen. Ich bin eigentlich ganz und gar Krimi-Tante, hab das Buch aber geschenkt bekommen und bin grade zu 3/4 durch. Und musste mich teilweise auch zwingen. Finde übrigens deinen Flickr Account ganz toll. Hast du alle Fotos selber gemacht? Wenn ja, Hut ab! Hast du was dagegen, wenn ich mal ein paar auf meinem Blog zeige? Natürlich mit Verlinkung? Kannst dir’s ja mal überlegen. Liebe Grüße von caro.

  3. Ok, ich habs durch. Das Ende war ok. Ja, sogar unerwartet. Aber wie du schon sagtest, kam dann alles etwas zu flott. Bin trotzdem froh, dass ich es bis zum Schluss durchgehalten hab. Jetzt liegt aber wieder ein Thriller auf meinem Nachttisch. Und danke nochmal, dass ich eins deiner schönen Fotos benutzen durfte.

    Liebe Grüße von caro

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