Ein einziger Blick

Dieses Buch hatte ich mal im Vorschauktalog der Neuerscheinungen im Diana-Verlag entdeckt, den ich seit einiger Zeit immer lieber mag. Die haben einige gute und solide Titel herausgebracht, und außerdem mag ich deren Cover. Das Buch kam auf meine Merk- und Wunschliste, und als ich es im Juni in der Buchhandlung entdeckte, musste es sofort mit.

Der Klappentext hat mir sofort gefallen:

Während eines Spaziergangs am Strand verschwindet die sechsjährige Emma spurlos. Nur einen einzigen Augenblick lang hat Abby nicht auf sie geachtet – nun ist ihr Traum von einem glücklichen Leben mit Emma und deren Vater Jake zerstört. Wochenlang wird das Mädchen gesucht, dann nimmt die Polizei das Schlimmste an. Nur Abby glaubt unerschütterlich daran, dass Emma noch lebt. Dank dieser Hoffnung überwindet sie das drückende Gefühl der Schuld und die lähmende Angst des Verlusts. Sie macht sich auf die Suche, und allmählich kommt die Wahrheit über Emmas Verschwinden ans Licht.

Ich muss zugeben, dass solche Vermisstenfälle eine fast perverse Faszination auf mich ausüben. Ich will mich nicht am Elend anderer ergötzen oder so, aber ich finde es – von aller Tragik einmal abgesehen – auf gewisse Weise „spannend“, dass Menschen einfach so verschwinden und nie wieder auftauchen.

In diesem Falle ist es ein 6jähriges Mädchen (Emma), das bei einem Strandspaziergang mit ihrer zukünftigen Stiefmutter ohne jede Spur verschwindet. Abby, die Verlobte von Emmas Vater Jakes, schaut einen Moment nicht hin, während Emma schon vorausläuft – und dann ist Emma weg. Die Polizei findet nicht den Hauch einer Spur. Auch die von Jake und Abby privat großangelegte Suchaktion mit Plakaten, Fernsehauftritten etc. fördert nichts zutage, Emma bleibt verschwunden.

So verrinnen die Tage, und das für mich Interessante an der Geschichte ist die Tatsache, dass Abby fest davon überzeugt ist, dass sie die Spur zu Emma findet, wenn sie es schafft, sich an jede noch so nebensächliche Kleinigkeit am Tag und am Ort von Emmas Verschwinden zu erinnern. Sie ist sich sicher, dass es etwas gibt, was sie übersehen, verdrängt oder nicht bewusst wahrgenommen hat. Sie glaubt nicht eine Sekunde daran, dass Emma tot ist, dass sie möglicherweise im Meer ertrunken ist.
Da sie nun einmal „weiß“, dass Emma noch am Leben ist und entführt wurde, macht sie sich auf die Suche – und zwar in ihrem Gedächtnis.

Sie tut alles, um sich zu erinnern an diesen Tag und auch an das, was sie nicht bewusst wahrgenommen hat.
Die Autorin Michelle Richmond hat gut recherchiert und spickt die Geschichte mit spannenden und interessanten Infos aus der Wissenschaft, über das menschliche Gedächtnis, über das Vergessen und das Erinnern, über Gedächtniskünstler und Menschen mit einem Gehirndefekt, der es unmöglich macht, zu vergessen. All das wird so nahtlos in die Geschichte eingeflochten, dass es eine echte Bereicherung ist.
Neben diesen gedächtnispsychologischen Exkursen hat mir die Tatsache gefallen, dass Abby Fotografin ist und dies mit in die Geschichte einfließt. Das Buch ist reich an Metaphern, und Fotografie ist eine davon. Das Festhalten von Bildern birgt zugleich die Möglichkeit, diese Bilder zu verfälschen und zu manipulieren – ebenso, wie unsere Erinnerungen manipulierbar sind und ebenso verblassen wie ein Foto im Laufe der Jahre.

Man darf keinen Thriller erwarten, es ist keiner. Es ist hochspannend, hat aber nichts Reißerisches an sich. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich schuldig gemacht hat, die mit ihrer Schuld leben muss und die retten möchte, was noch zu retten ist. Es ist eine Geschichte über Verzweiflung, Angst, Schuld und Hoffnung, Glauben und Liebe. Mich hat Abbys Beharrlichkeit beeindruckt, ihre Geradlinigkeit und ihre Schnörkellosigkeit.

Ohne zu viel verraten zu wollen: Die Auflösung der Geschichte fand ich letztlich etwas mau. Für mich fiel das dennoch nicht so sehr ins Gewicht, denn die Geschichte an sich hat mir so gut gefallen und mich so sehr berührt und gleichzeitig gefesselt, dass das Lesen wirklich ein Genuss war.
Michelle Richmond beherrscht den schmalen Grat zwischen Kitsch und Sachlichkeit, zwischen plastischer Erzählweise und nervtötender Beschreibung überflüssiger Details wirklich grandios. Ich habe immer gedacht, ich stehe mittendrin in der Geschichte. Diese wird aus Abbys Sicht erzählt, und Personen und Orte werden so beschrieben, dass ich sie stets glasklar vor mir gesehen habe.

Ich hab das Buch wahnsinnig gerne gelesen und war immer hin und her gerissen zwischen „ich muss wissen, wie es weitergeht“ und „schade, dass es schon fast wieder vorbei ist“.
Trotz des recht müden und lahmarschigen, ja unglaubwürdigen Schlusses finde ich das Buch absolut empfehlens- und „5sternewert“.

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5 Kommentare zu “Ein einziger Blick

  1. Juhu! Das reicht ja fast, umd ich mal auf einen Kaffee einzuladen als Revanche! ;D

    Falls du es liest, unbedingt bescheid sagen, wie es dir gefallen hat! War eins der besten Bücher, die ich seit Monaten gelesen habe.

  2. Auf deine Empfehlung hin habe ich mir das Buch neulich auch gekauft (und gelesen dann natürlich auch ;-) ).

    Positiv fand ich:
    Die Darstellung von Abbys Schuldgefühlen und wie sie nach jedem noch so kleinen Srohhalm greift und die Suche nicht aufgibt.
    Wie Abby und Jake beide ganz unterschiedlich und auf ihre eigene Art mit der Situation umgehen.

    Negativ:
    Das Ende, da hast du recht. Ich fand es etwas unrealistisch (kann ich jetzt leider nicht genauer beschreiben, da ich sonst zuviel vorweg nehmen würde für die, die das Buch noch nicht gelesen haben) und irgendwie ging dann auch alles viel zu schnell.

    Ich würde aufgrund des Endes 4 von 5 Sternen geben.

  3. Ja, ich weiß was du meinst. Der Schluss war schon sehr unbefriedigend, aber man kanns nicht beschreiben, ohne zu viel zu verraten.

    Ich hab trotzdem 5 Sterne vergeben, weil das Lesen wirklich Spaß gemacht hat. Mein Eindruck ist auch der, dass die Autorin einfach primär die Geschichte von den Schuldgefühlen und dieser unerschütterlichen Hoffnung erzählen wollte, und das ist gut gelungen. Es musste halt eine „Auflösung“ her, und so gewaltig wie sie die geschichte erzählt hat, KANN da kaum was Angemessenes die „Lösung“ sein.

  4. Pingback: Niemand, den du kennst « Bibliomanie

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