Ich bin ein Pariser

„Der etwas andere Frankreich-Reiseführer“
Das steht hinten drauf, und wenn Sie einen solchen erwarten, kaufen Sie dieses Buch um Himmels Willen nicht!

Nachdem er in seinem Erstling (welchen ich ebenfalls gelesen habe) noch Ein Engländer in Paris war, fühlt sich Stephen Clarke nun offenbar vollständig zum Franzosen mutiert und berichtet erneut über die Franzosen und deren Eigenheiten und Absonderlichkeiten, wobei er sich selbst natürlich außen vor lässt.

Nur leider geht es in dem Buch weder um Franzosen im Allgemeinen oder oder im Besonderen. Es geht auch nicht um das Leben in Frankreich. Es geht ausschließlich um, das muss man ganz klar so sagen: S.ex.
S.ex sells, das ist allgemein bekannt, aber dass man es mit fast allem auch übertreiben kann, sollte sich eigentlich ebenfalls rumgesprochen haben. Clarke lässt absolut keine Gelegenheit aus, sein Alter Ego Paul West mit irgendeiner Französin in die Kiste steigen zu lassen. Erst seine aktuelle Freundin, dann seine Exfreundin und dazwischen gern auch mal die ein oder vernachlässigte französische Ehefrau, die natürlich alle nur auf einen ganzen Kerl wie Paul gewartet haben. Und wenn gerade keine Französin verfügbar ist, dann muss der arme von seinen Trieben gebeutelte Paul immerzu an S.ex denken und daran, wo er die nächste Nummer herbekommt.

Ironie lebt von Übertreibungen, aber Clarke übertreibt derart und mit einem solchen Selbstbewusstsein, dass ich mich beim Lesen des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass er alles bierernst meint und allerhöchstens ansatzweise ironisch. Kann auch an mir gelegen haben – aber derartige Übertreibungen verträgt auch Ironie nicht. Spätestens nach dem 2. Kapitel hätte es auch der tumbste Leser begriffen gehabt, aber Clarke hatte offenbar einfach Spaß an der Thematik, so dass das „eigentliche“ Thema (Engländer/Franzosen) sehr dezent in den Hintergrund geriet.
Immer wenn man meint, jetzt ist langsam mal Schluss, Paul hat sich die Hörner abgestoßen und man könne sich nun endlich mal der HANDLUNG des Buches zuwenden, nämlich dem Alltagsleben eines Engländers in Paris und der Eröffnung eines englischen Teesalons, wird der arme von seinen Trieben gebeutelte Engländer schon wieder von seiner Lust übermannt und ist spätestens 3 Seiten weiter mit einer französischen Dame im Bett.

Ehrlich, das macht keinen Spaß! Paul protzt unentwegt mit seiner Potenz und damit was für tolle Weibsen er doch erlegt hat. Zwischendurch finden sich vllt 2 Kapitel, in denen er davon mal Abstand nimmt (vllt gerade hormonelles Tief gehabt?), und diese Kapitel sind wirklich amüsant zu lesen. Clarke nimmt augenzwinkernd die Franzosen aufs Korn (ob gekonnt oder nicht kann ich mangels Erfahrung leider nicht sagen), und ich mag seinen trockenen Humor und seine flüssige Erzählweise sehr.
Leider hatte ich davon nicht viel, da mich diese ewigen eingeschobenen Bettgeschichten und das Potenzgeprotze so derart genervt haben, dass sie das Buch gleich um 3 Punkte in der Bewertung runtergerissen haben. Sehr sehr schade, denn aus der Thematik hätte mit Clarkes Erzähltalent einiges mehr gemacht werden können.

„Ein etwas anderer Reiseführer“ – ohja, das auf jeden Fall!
Aber doch nicht gleich so anders!

(Der erste Teil war übrigens genauso, nur dass dieses ganze Geprotze da erst in der letzten Hälfte anfing. Ich hatte dummerweise angenommen, Clarke hätte sich nun die Hörner abgestoßen und würde sich im zweiten Teil wieder dem Wesentlichen zuwenden.)