Tannöd

Ich kriege ja immer alles erst als Letzte mit. So bin ich auf Tannöd ehrlich gesagt nur deswegen aufmerksam geworden, weil ich vor ein paar Tagen mehrfach gelesen habe, die Autorin sei vor Gericht vom Plagiatsvorwurf freigesprochen worden. So erfuhr ich erstmals vom Hinterkaifeck-Fall, bei dem eine ganze Familie ausgelöscht, der Mörder aber nie entlarvt wurde, und davon, dass Tannöd eine literarische Adaption dieses „wahren Falles“ ist. Mein Interesse war sofort geweckt. Für rätselhafte Kriminalfälle mit viel Raum für Spekulationen bin ich ja immer zu haben, also habe ich mir das Buch gekauft.

Die knapp 125 Seiten lassen sich an einem Nachmittag durchlesen. So ganz ist es damit aber noch nicht getan, ich hab wirklich lange nachdenken müssen, was ich jetzt eigentlich über dieses Buch denken soll. Insgesamt halte ich es für überbewertet. Den deutschen Krimipreis für dieses Werk kann ich nicht vollkommen nachvollziehen. Ich will jetzt eigentlich keine Analyse und Diskussion zum Thema „was ist ein Krimi?“ anfangen – aber dieses Buch ist in meinen Augen definitiv keiner. Es ist zu geradlinig erzählt, das nimmt viel Spannung.

Es ist mehr eine Sozialstudie, ein Soziogramm, ein Fallprotokoll. Für einen Krimi fehlt mir einfach der Spannungsbogen, der hier, wenn überhaupt, nur sehr flach gehalten ist. Für einen guten Krimi fehlt mir außer der Spannung auch eine zufriedenstellende und ungewöhnliche Fallauflösung. Diese fand ich sehr platt und voraussehbar und hat mir auch einiges an Spaß an diesem Buch genommen.

Außergewöhnlich fand ich dagegen die geradezu klaustrophobische Atmosphäre, die sich durch das gesamte Buch hindurch zog. Es ist sicherlich keine neue Idee, ein Buch als Aneinanderreihung von Gesprächs- oder Verhörprotokollen zu gestalten. Der besondere Kniff sind die zwischen den Kapiteln/Protokollen eingefügten Gebete aus der „Litanei zum Troste der armen Seelen“. Durch das monoton heruntergebetete und sich ständig wiederholende „Erhöre uns… Erbarme dich“ usw. entsteht eine beklemmende Stimmung, die sich gegen Ende hin mehr und mehr ins beinahe Panische steigert. Spannung erzeugt sich beinahe ausschließlich aus dieser Litanei.

Die Protokolle geben die Aussagen der Dorfbewohner und Nachbarn der Mordopfer wieder. Jeder redet so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, was das Ganze sehr lebendig macht (wobei ich mir dennoch etwas mehr bayerische Mundart gewünscht hätte, in der bayerischen Provinz redet man einfach kein Hochdeutsch). Jeder weiß etwas mehr beizutragen über diese verrufene Familie, jeder kennt den Dorfklatsch und scheint froh über diese offizielle Möglichkeit, mal so richtig zu tratschen.
Zwischen diesen Protokollen beinhalten die Kapitel kürzere Abschnitte über die Vorgehensweise des Täters, alles in nüchternen und knappen Sätzen. In Kombination mit den Aussagen der Dorfbewohner kann man sich dann so langsam zusammenreimen, um wen es geht – die Auflösung überrascht insofern nicht, da von vornherein keine (falschen) „Spuren“ gelegt oder mehrere Möglichkeiten angeboten werden.

Ich muss sagen, im Nachhinein denke ich etwas besser über das Buch als vor 1 Woche, als ich es gelesen habe. Man muss es ein wenig auf sich wirken lassen. Offenbar haben einige Kritiker es zu lange wirken lassen, denn all diese Lobeshymnen und Auszeichnungen kann ich dennoch nicht recht nachvollziehen. Allein die unkonventionelle Atmosphäre macht noch kein gutes Buch aus. Der fast völlig fehlende Spannungsbogen und insbesondere die Auflösung des Falles auf die meiner Meinung nach dümmste, platteste und langweiligste Art und Weise stehen der spannenden Atmosphäre leider sehr negativ gegenüber und lassen das Buch ein wenig amateurhaft wirken. Schade – aber eventuell wäre es den Versuch Wert, mal das zweite Buch von Andrea Maria Schenkel zu lesen.

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10 Kommentare zu “Tannöd

  1. hi Maren,
    wer sagt, wie ein Krimi aufgebaut sein muss? Du beschreibst die klaustrophobische Atmosphäre, die sich durch das gesamte Buch hindurch aufbaut und die durch die Litaneien verursachte panische Stimmung, das ist doch schon eine ganze Menge an Spannung wie ich finde. Ich habe auch das 400 Seiten starke Sachbuch vom Leuschner zu dem Fall gelesen, auch interessant, aber den Krimipreis hat eindeutig Andrea Maria Schenkel verdient :-)
    LG

  2. Das gibt freilich niemand vor, daher ist jede Rezension auch mehr oder weniger subjektiv. :)

    Wie ich bereits oben geschrieben habe: Ein Krimi sollte vor allem spannend sein IMHO, und das ist Tannöd einfach nicht. Die „Spannung“ liegt in der Atmoshäre, aber mehr ist nicht vorhanden. Mir reicht es nicht, nur eine spannungsgeladene Atmosphäre zu haben, wenn diese Spannung in der überaus profanen Handlung einfach verpufft. Die Art und Weise, wie wir zum Täter geführt werden, fand ich unspektakulär und langweilig. Auch die Auflösung, wer der Täter ist – da hätte es weit interessantere und weniger platte Möglichkeiten gegeben. Ich kam mir fast ein wenig „verarscht“ vor, weil diese klaustrophobische Stimmung wirklich gut war – und dann so ein Ende…

  3. Danke, finde deine Besprechung sehr interessant und es gibt so einiges, dass ich wohl nochmal überdenken kann. Mir hat diese Litanei gar nicht gefallen und ich fand sie eher ermüdend. Kann aber nachvollziehen, dass man das komplett anders lesen kann. Noch mehr Dialekt hätte mich vermutlich zum Abbruch des Buches gebracht auch wenn es gut zum Geschehen passt. Mag das einfach nicht lesen (reine Geschmackssache). Vielleicht hätte ich hier die Hörbuchfassung versuchen können? Habe gehört, die soll gut eingelesen sein. Bin gespannt, ob du Frau Schenkel bald nochmal besprechen wirst ;-)

  4. Anja: Anfangs hab ich diese Gebete auch nur überflogen, weil ich nicht kapiert habe, was das soll. Bis mir dann irgendwann doch dämmerte, wie sie eigentlich wirken (soll?).

    So bald werde ich „Kalteis“ wohl nicht lesen, aber vllt versuch ichs irgendwann mal.

  5. ich kenne ja beide bücher als hörbuch & mochte sie so sehr (da bin ich wohl mit einer anderen erwartung rangegangen als du, ich schätze die art der protokollierung etc. ja sehr), kann mir aber vorstellen, dass das ganze gelesen bzw. ohne monika bleibtreus stimme irgendwie verliert.

  6. Also die Atmosphäre kommt schon gut rüber, auch wenn mans liest. Das war ja auch das, wa smir gefallen hat. Aber abgesehen davon fand ich das Buch einfach zu lasch, zu unspannend, die Auflösung zu „gewöhnlich“ (ich find, sie hat den Naheliegendsten als Täter gewählt/dargestellt.)

    Ich lese ja schon recht viele Krimis, und vllt bin ich deswegen auch mit anderer Erwartung rangegangen. Aber allein die Atmosphäre reicht mir einfach nicht.

  7. ja, das meine ich. die erwartung (die sicher mit dem krimi-preis zu tun hat) war einfach „falsch“, vielmehr: irreführend.
    generell höre ich ja krimis eher, aber „tannöd“ fällt für mich eben auch nicht in die kategorie, einfach weil ich nicht den eindruck hatte, dass es nicht primär um die aufklärung des falles ging.

  8. Deswegen hab ich mich auch so schwer damit getan, mir klar zu werden, wie ich das Buch nun eigentlich fand. Einerseits hats mir gefallen, andererseits hab ich eben einen Krimi erwarte, dh zumindest ein Minimum an Spannung, immer wieder neue Wendungen und Impulse und eben auch ein „interessantes“ Ende. Irgendwie war mir die Story dafür einfach zu geradlinig.

    Fandest du Kalteis besser oder schlechter als Tannöd?

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