Südland

Hat mir jetzt nicht so gefallen.
Beworben wird das Buch als „historischer Roman, Familiensaga und Abenteuerroman zugleich“, in welchem „Pioniergeist, Abenteuerlust und große Gefühle“ eine Rolle spielen.

Soweit, so gut. Bei dieser angeblichen „Familiensaga“ handelt es sich vielmehr um die Geschichten von gut 10-12 Personen. Von Familie kann gar keine Rede sein. Ich hatte mich auf einen Roman gefreut, der die Besiedlung Australiens beschreibt. Statt dessen wird abwechselnd und anfangs in scheinbar wahlloser Reihenfolge von allen möglichen Leuten erzählt, die mit dem gleichen Schiff aber aus unterschiedlichen Gründen von England nach Australien kommen. Auch daraus hätte man sicher ein spannendes Buch machen können, aber diese Möglichkeit hat Patricia Shaw ganz klar verschenkt. Es werden die Geschichten der einzelnen Personen häppchenweise erzählt, man findet lange Zeit gar keinen roten Faden. Immer wieder mal ein Kapitel von Mister Soundso, dann Miss Sowieso, Lady Wasweißich… so zieht sich das gut über die Hälfte hin, alles Einzelschicksale, die nichts miteinander zu tun haben. Ganz allmählich erst werden diese Einzelgeschichten dann miteinander verwoben, aber es fehlt an einem sinngebenden Handlungsstrang.

Was mich besonders gestört hat, ist das völlige Fehlen von Zeitangaben. Man kann doch keine „Saga“ schreiben, die sich über circa 30-35 Jahre erstreckt, ohne dem Leser auch nur das geringste Zeitgefühl zu vermitteln! Lediglich das erste Kapitel und der Prolog tragen eine Zeitangabe in der Überschrift. Den Rest kann sich der Leser selbst zusammenreimen, was extrem schwer ist, da nicht einmal das Alter der Personen erwähnt wird oder auch nur angedeutet wird, dass diese überhaupt altern. Zwischen einzelnen Kapiteln können Jahre oder Wochen liege, man weiß es einfach nicht. Nur anhand der Tatsache, dass die zu Beginn des Romans geborenen Kinder am Schluss schließlich Heiratsabsichten hegen, kann man in etwa nachvollziehen, über welchen Zeitraum sich der Roman eigentlich erstreckt.

Gut gefallen hat mir, dass an vielen Stellen sowas wie Pioniergeist, Abenteuerlust und Neugierde auf ein Leben auf einem völlig unbekannten Kontinent sehr plastisch beschrieben wurde. Allerdings finde ich die Erzählweise Shaws recht steif und unangemessen.
Genervt hat mich außerdem, dass die Aborigines (stets nur als „die Schwarzen“ bezeichnet) sehr einseitig als „Wilde“ dargestellt werden. Im Nachwort des Buches schreibt Patricia Shaw salbungsvoll über die vierzigtausendjährige Geschichte der Aborigines, welche durch spirituelle Aspekte geprägt war etc. Im Roman selber wird mit keiner Silbe darauf eingegangen. Es wird zT beschrieben, wie die Eingeborenen sich gegen die weißen Siedler zurecht auflehnten, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die Aborigines im Vergleich eher schlecht wegkommen.

Alles in allem hat mir das Buch nicht so gefallen, ich hatte mir wesentlich mehr erwartet. Mehr Gefühl, mehr Pathos, mehr Authentizität und vor allem deutlich mehr LEBEN. Die meisten der handelnden Personen sind durch die Bank furchtbar oberflächlich beschrieben – und das trotz 750 Seiten, auf denen sich Charakter hätte entwickeln können. Eine einzige Person war mir ansatzweise sympathisch, und auch ihre Geschichte fand mit dem Schluss des Romans ein sehr abruptes Ende.

Ich finds schade, hatte da einfach andere Erwartungen. Wahrscheinlich werde ich aber trotzdem noch das ein oder andre Buch von Shaw lesen. Mich interesiert das Thema Kolonialismus einfach, auch von der nichtwissenschaftlichen Seite aus. Da muss es doch gescheite Romane drüber geben…

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