Die Wahrheit meines Vaters

Eigentlich fand ich auch dieses Buch ein wenig enttäuschend, aber hier hatte ich wenigstens damit gerechnet. Der Klappentext macht neugierig, und die Geschichte an sich hat mir wirklich sehr gut gefallen. Allein der Schreibstil von Frau Picoult ist für meinen Geschmack, wie schon befürchtet/vermutet, einfach etwas zu schwülstig und zu triefend. Ein bisschen mehr Sachlichkeit, ein bisschen weniger Druck auf die Tränendrüse der Leser hätte dem Roman sicherlich gut getan.

„Wenn du plötzlich nicht mehr die bist, die du zu sein glaubst“ – wer Delia wirklich ist und warum sie glaubte, jemand anderes zu sein, das erfährt man schon auf den ersten 50 Seiten. Die restlichen knapp 500 sind dann die Beleuchtung der Vergangenheit und der Gründe für diese Identitätskrise. Und zwar aus jedem nur erdenklichen Blickwinkel, wobei leider einige einfach zu breit getreten werden und einige dagegen zu kurz kommen.

Die Geschichte wird abwechselnd aus fünf (!) verschiedenen Perspektiven erzählt, was ich deutlich zu viel finde. Schon deswegen, weil ich, wenn ich das Buch mal mitten im Kapitel weggelegt hatte, am nächsten Tag immer erst nachschauen musste, wer da eigentlich gerade erzählt. Aber auch deswegen, weil ich es für die Geschichte nicht für notwendig halte, dass es so viele Erzähler gibt. 2-3 Sichtweisen sind interessant und hätten vollauf genügt. Die restlichen beiden sind in meinen Augen Nebenfiguren, so dass ich auch deren Sichtweise nicht wirklich interessant oder wichtig fand. Man findet auf diese Weise auch schwer Zugang zu den einzelnen Personen, und durch das ständige Springen geht viel an Geradlinigkeit verloren, was der Geschichte sehr gut getan hätte.

Als „Nebenhandlung“ wird noch eine rührselige kleine Liebesgeschichte eingeflochten, was mir ebenfalls sauer aufgestoßen ist. Erstens weil dadurch der Erzählfluss noch träger wird und zweitens, weil ich es für die Geschichte für absolut unwichtig halte. Frau Picoult kann ohne Zweifel spannend erzählen, aber sie kann sich offenbar weder kurz fassen, noch sich entscheiden, welche Geschichte sie nun eigentlich erzählen will. Man hätte gut und gerne 3 Romane aus den ganzen Stories machen können: Ein bisschen Gerichtskrimi, ein bisschen Familienstory, ein bisschen Ethno à la Barbara Wood, ein bisschen Geschnulze um die große unerfüllte Liebe… für einen einzigen Roman ist das zu viel des Guten.

Für mich gerade knapper Durchschnitt; bin mir nicht sicher, ob ich noch mehr Bücher von Picoult lesen werde. Leichte Kost, einfach zu lesen und durchaus kurzweilig und unterhaltsam – aber in der Gesamtheit für meinen Geschmack einen Tick zu amerikanisch-rührselig und auch leider zu flach, gemessen an der Brisanz des Themas, aus dem man deutlich mehr hätte machen können.

5 thoughts on “Die Wahrheit meines Vaters

  1. Jodi Picoult hatte ich durch „Beim Leben meiner Schwester“ kennen gelernt, ein Buch, das für mich zu den besten des vorigen Jahres zählte. Dementsprechend neugierig war ich natürlich darauf, was die liebe Frau Picoult noch so alles geschrieben hat. Ich habe von ihr Anfang dieses Jahre „Bis ans Ende aller Tage“ gelesen und war eher enttäuscht davon. Das mit der eingeflochtenen Liebesgeschichte war in „Beim Leben meiner Schwester“ übrigens auch so und hat mich furchtbar genervt (ich hatte den Eindruck, dass sie die nur einschiebt, weil der Großteil der Leser in jedem Buch zumindest eine Liebesgeschichte erwartet), wohingegen ich die vielen Erzählperspektiven dort sehr gut gemacht fand (es waren glaube ich auch fünf oder sogar sechs).

    Vielen Dank für die interessante & ausführliche Rezi! Das Buch ist jetzt auf meiner Wunschliste weit nach hinten gewandert, weil ich mir nach deinen Ausführungen ziemlich sicher bin, dass es mich wie „Bis ans Ende aller Tage“ eher enttäuschen wird.

  2. Ja, das mit dem „Einschieben“ der Liebesgeschichte war auch mein Eindruck: Verkauft sich halt gut, kann also nicht schaden.
    Die verschiedenen Perspektiven sind durchaus OK, aber ich finde, man muss nicht jede Randfigur ihre eigene Sichtweise schildern lasen. Dadurch geht viel an Geradlinigkeit verloren, und ich habe mich eigentlich streckenweise nur geärgert, weil ich speziell eine Figur total überflüssig fand.

    Ich wollte von ihr eigentlich nur noch „Die einzige Wahrheit lesen“. Irgendwann kaufe ich mir das Buch wohl auch nochmal, weil mich die Amish schon immer interessiert haben. Aber ich weiß jetzt auch definitiv, dass ich mit meinen „Befürchtungen“ zu Picoult richtig gelegen habe: Mir ist das alles eine Spur zu schnulzig und das liegt mir auf Dauer einfach nicht.

  3. Jodi Picoult ist meine absolute Lieblingsautorin :-) Aber dieses Buch hier halte ich auch nicht gerade für eines ihrer besten ;-) Noch schlimmer finde ich aber „Change of Heart“, das neueste von ihr…

    Empfehlen kann ich euch „Ninteteen Minutes“ und „The Pact“, die haben mir bisher am allerbesten gefallen! Sehr packend, ich konnte es immer kaum erwarten, weiterzulesen! :-)

  4. Hm… nee ;) Ich wollte eigentlich mal „Die einzige Wahrheit“ lesen, aber ich glaube, ich bin von ihrem schwülstigen Schreibstikl erstmal bedient.

  5. Da hatten wir wohl gleiche Empfindungen beim Lesen dieses Buches. Danke, dass du mir durch deine Reaktion im Büchertreff den Weg zu deinem Blog gewiesen hast. Mir gefällt es.

    LG
    Heike

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