11.22.63 / Der Anschlag

Eins dieser sehr raren Bücher, die man am Ende zuklappt und erstmal tief ausatmen muss. Weil man noch völlig benommen ist von der Wucht der Worte und der Geschichte. Weil man nicht möchte, dass es schon vorbei ist (obwohl über 800 Seiten nun auch wahrlich nicht gerade wenig sind). Und weil man eigentlich auch gar nicht glauben kann, was man da alles durchlebt hat mit dem Charakteren.

11.22.63 (Deutscher Titel Der Anschlag) ist kein Buch über den Mord an John F. Kennedy. Dieses Ereignis wurde wohl deswegen zur Darstellung dieser Raum-Zeit-Thematik gewählt, weil es noch nicht zu lange her ist und weil es in den Köpfen vieler Amerikaner immernoch ein gewisses Trauma darstellt. Das Buch zentriert sich vor allem um die Frage: Wie  hängen kleinste Ereignisse miteinander zusammen, und ist es richtig , darauf Einfluss zu nehmen?
22.11.63 ist ein bisschen wie Die Frau des Zeitreisenden meets Friedhof der Kuscheltiere. Ein bisschen Liebesgeschichte, ein bisschen Alternate History, ein bisschen subtiler Grusel, ein kleiner Schwenk in Richtung Dystopie. Und vor allem: Ganz große King’sche Erzählkunst!
Am Anfang tat ich mich noch sehr schwer mit dem doch sehr ausschweifenden Erzählstil (obwohl das bei weitem nicht mein erstes King Buch war, aber das erste nach langer Zeit), aber nach etwa 150 Seiten habe ich beschlossen, mich einfach tragen zu lassen von diesem unaufgeregten und fließenden Erzähstil, ja beinahe Plauderton. Denn mit fortschreitender Handlung entwickelt dieses Buch einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. King beschwört Emotionen  herauf, positive wie negative, wie es nicht viele Schriftsteller können.

Weiterlesen

Sechzig Lichter

Ein herrliches Buch. Gewaltig. Ich habe mir gewünscht, es möge nie aufhören, denn ich hätte der Geschichte noch ewig weiter folgen wollen.
Da ich selbst sehr ambitioniert und mit viel Herzblut fotografiere und mich zudem sehr für die Geschichte der Fotografie interessiere, schien dieses Buch wie für mich gemacht geschrieben:

“Lucy Strange ist eine der ersten Fotografinnen des 19. Jahrhunderts. Ihr Leben war kurz, aber prall gefüllt mit Licht, Farbe und Abenteuer. Ein grandioses viktorianisches Lebensbild zwischen Sydney, Bombay und London und zugleich eine Archäologie der Fotographie. Ein Roman von flammender Schönheit.”

Und ich wurde nicht enttäuscht. Lediglich der Anfang machte mir etwas zu schaffen, ich musste mich erst in die etwas nüchterne und beinahe distanzierte Sprache gewöhnen, und brauchte etwas um in die Geschichte rein zu kommen, da Gail Jones weit ausholt und zuerst das weit zurückliegende Kennenlernen von Lucys Eltern beschreibt. Abgesehen von diesen Startschwierigkeiten habe ich die Sprache bald sehr zu schätzen gelernt. Das Buch ist voller Metaphern, und ich habe mich der forschen Lucy und ihrer hingebungsvollen Faszination für das Licht sofort verbunden gefühlt. Licht, schon im Buchtitel enthalten, nimmt einen zentralen Platz in Lucys Leben ein. Fotografie bedeutet “Schreiben mit Licht”. Selbst Lucys Name leitet sich ab von “Lux”, was ebenfalls Licht bedeutet. Lucy entwickelt schon lange bevor sie erstmals überhaupt mit der Fotografie in Berührung kommt, eine regelrechte Obsession für das Licht, für die Atmosphäre, die es schaffen kann und seine physikalischen Besonderheiten. An vielen Stellen des Buches wird das Licht geradezu beiläufig erwähnt, und man muss sehr aufmerksam lesen oder so wie ich selbst stark für Lichtsituationen sensibilisiert sein, um dies zu bemerken.

Lucys kurzes, aber intensives Leben führt sie als Waise aus Australien über London nach Indien und wieder zurück nach England. Von Beginn an zentral ist neben dem Licht für Lucy der Drang zum Festhalten von Situationen, von Momenten, von Stimmungen. So legt sie schon früh ihr “Journal of Special Things Seen” an, in welchem sie Dinge festhält und akribisch beschreibt, die ihr aufgefallen sind.
Sehr richtig bemerkt sie Jahre später, nachdem sie zur Fotografin wurde, dass dieses Tagebuch Besonderer gesehener Dinge für sie das war, was ihr nun die Fotografie ist. Denn “jedes fotografische Unterfangen ist der Versuch, ein Gesicht heraufzubeschwören und das wieder aufzuspüren, was sich hinter dem Geschehenen verbirgt.”

Lucy legt keinerlei Wert auf technische Perfektion, obwohl sie die Fotografie handwerklich solide bei einem Fotografen erlernt. Ein gutes Bild ist für Lucy eines, das den Moment so abbildet, wie er war. Und wenn das Foto unscharf ist, dann ist das eben eine Aussage für sich und kein Makel. Ich liebe diese Einstellung und könnte Gail Jones dafür küssen, mit welch schönen Worten sie diese zu Papier gebracht hat!

Lucys “äußeres” Leben ist entbehrungsreich und doch so reich. An Bildern, Erfahrungen, Menschen. Als Waise von dem fürsorgeberechtigten alten Onkel an dessen alten Freund Isaac nach Indien “verkauft”, erlebt sie auf der Überfahrt mit dem Schiff ihre erste Liebe. Sie wird bitter enttäuscht, jedoch bleibt ihr dieser Mann auf ewig liebevoll im Gedächtnis – weil er “ein neues Wort für das Licht gewusst hat.” Isaac entpuppt sich als alt und grau, aber harmlos und nicht weniger verschroben als Lucy selbst. Diese ist unglückseligerweise bereits schwanger als sie in Indien ankommt, doch das ungleiche Paar entwickelt allen Widrigkeiten zum Trotz Respekt, wenn auch keine Liebe, füreinander. Jeder profitiert vom anderen, jeder auf seine Weise.

Lucy reist schließlich mit ihrer Tochter zurück nach England, und auf auf dieser Überfahrt nimmt eine folgenschwere Veränderung ihres Körpers ihren Lauf: Sie erkrankt an der Schwindsucht (=Tuberkulose). Lucy ahnt, dass sie nicht mehr lange Leben wird, und umso wichtiger wird ihr das Sammeln von Licht und von Bildern.

Die Geschichte an sich wäre sehr schnell erzählt, und ich möchte diejenigen Leser davor warnen, die eine Liebesgeschichte erwarten oder einen dieser unsäglichen unzähligen historisch angehauchten “Braut-wandert-aus” Romane. Sechzig Lichter ist nichts davon. Es ist sperrig und zugleich unglaublich poetisch geschrieben. Es ist ein Roman über die Faszination der Bilder und der Geschichten, die aus ihnen sprechen. Über die Hingabe an die Fotografie und dem, was sie im Kern ausmacht: Das ungeschönte Konservieren von Stimmung, Atmosphäre und Emotionen.
Der Roman ist auch nicht umsonst zeitlich in den Anfängen der Fotografie angesiedelt, denn heutzutage kann ja jedes Telefon schon Fotos aufnehmen. Zur damaligen Zeit war ein einziges Foto mit einem riesen technischen und zeitlichen Aufriss verbunden, da musste man such schon gut überlegen, was und warum man fotografiert. Und dennoch nimmt Lucy ihre Fotografien so intuitiv wie möglich auf – ohne dabei etwas zu retuschieren, verstecken oder schönen zu wollen, denn das mit Makeln Behaftete fasziniert Lucy, es ist für sie menschlich (ähnlich wie bei der grandiosen Fotografin Diane Arbus): “Zufall und Irrtum. Das sind die schönen Dinge.”

Ich bin ebenso nur zufällig (durch einen Hugendubelgrabbeltisch) an dieses Buch geraten, und das sind ja bekanntlich oftmals die besten!


Gail Jones – Sechzig Lichter
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN 3423138475
224 Seiten
8,90 Euro

Before I go to sleep

Ich möchte für dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen!
Es lag bei Hugendubel auf einem Stapel englischsprachiger Sonderangebote, und mich sprach zunächst die Covergestaltung an. Der Klappentext verriet, dass es sich um genau mein Beuteschema handelt, denn ich liebe Krimis um vermisste, verschollene oder vergessene Personen.

In diesem Falle geht es um einen Gedächtnisverlust, der der Protagonistin zu schaffen macht. Christine Lucas leidet an einer besonders schweren Form der Amnesie: Ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert nur solange sie wach ist. Legt sie sich über Nacht zum Schlafen hin, ist am  nächsten Morgen alles wieder verschwunden, und sie wacht Tag für Tag erneut auf, nicht wissend, wer der Mann neben ihr ist und erstaunt darüber, dass ihr aus dem Spiegel eine Mittvierzigerin entgegen blickt statt einer jungen Frau in den Zwanzigern.

Die Schwere dieses Gedächtnisausfalles sowie auch die eindringliche Perspektive – erzählt wird aus Christines Sicht in der Ich-Form (ich liebe Icherzählungen!) haben mich sofort gefesselt. Da ja streng genommen keine Handlung im eigentlichen Sinne stattfinden kann, wenn die Protagonistin jeden tag neu beginnen muss und nicht mehr weiß, was am vorherigen passiert ist,  hat sich der Autor eines guten Kunstgriffes bedient: Christine schreibt ein Tagebuch, in dem sie akribisch alles festhält, was sie erlebt  und über ihr bisheriges und aktuelles Leben erfahren hat. Zu diesem Tagebuch hat sie der junge Psychiater Dr. Nash ermuntert, de sie täglich anruft und ihr sagt, wo sie das Buch findet und sie ans Schreiben erinnert. Sie beiden treffen sich auch regelmäßig zu Therapiesitzungen, denn Nash ist der Meinung auch Christine könne nach 18 (!!) Jahren Amnesie noch geholfen werden.

Angenehm schnörkellos und sehr eindringlich lasst Watson Christine Ausschnitte ihres Lebens beschreiben, ihre Gefühle und immer mehr auch ihr Misstrauen und ihre Vermutung, dass irgendetwas nicht stimmt mit der Geschichte, die ihr Mann Ben ihr erzählt. Zu konstruiert scheint manches, zu glatt ihre Vergangenheit.
Der Clou ist, dass man als Leser keinen Schritt voraus ist, da ausschließlich von Christine erzählt wird. Man wird immer mehr hineingezogen in diesen Strudel aus Ungereimtheiten und ist nicht sicher, wer von den wenigen Personen,  mit denen Christine zu tun hat, lügt und wer etwas um jeden Preis verbergen möchte. Der Schluss ist nachvollziehbar und im Rahmen dieser unglaublichen Geschichte auch logisch und schlüssig.

Der Roman hat einige Längen, ist aber insgesamt unglaublich spannend! Man muss sich einlassen können und wollen auf diese etwas ungewöhnliche Konstruktion, die im Kern an “Täglich grüßt das Murmeltier” erinnert. Jedoch hat Watson dies in seinem wie ich finde überragenden Debütroman wirklich geschickt gelöst. Zugegeben: Wirklich thrillermäßige  Hochspannung entwickelt das Buch erst etwas ab dem letzten Drittel, aber mich hat das nicht gestört, da ich andere Aspekte des Romans noch viel spannender fand. Ich mochte Christine sofort und habe mit ihr gelitten und getrauert um diese 18 verlorenen Jahre ihres Lebens, von denen sie nichts weiß. Das Buch bearbeitet sehr stark die Frage, was einem Menschen eigentlich noch bleibt, wenn er keinerlei Erinnerungen mehr hat. Weder an Großteile seines eigenen Lebens, noch an die Personen, die er kennt und die ihn geprägt haben. Was bleibt, wenn man nicht mehr weiß, wen man liebt und warum? Wenn man nicht weiß, warum man der Mensch geworden ist, der man ist?

Ein eindringliches und kluges Buch mit viel Tiefgang, das mehr ist als ein Thriller (ich kann die vielen negativen Stimmen auf Amazon irgendwie überhaupt nicht nachvollziehen.)


SJ Watson – Before I Go To Sleep
Doubleday
ISBN 0857520172
368 Seiten
9,30 Euro

In deutscher Sprache: Ich. Darf. Nicht. Schlafen.

Wir waren jung und brauchten das Gel

Erinnert sich noch jemand an JOY-Gläser und dass man die irgendwann in grauer Vorzeit mal gesammelt hat (ohne eigentlich so genau zu wissen, wozu und wieso)?  An auf das Nervigste fiepsende  Tamagotschis, an Radlerhosen, die zu jeder Gelegenheit getragen wurden nur nicht zum Radfahren? An Loopingstrohhalme und Beverly Hills 90210?

Dann ist man mit diesem Buch gut beraten, denn es ist schon ein befreiendes Gefühl, zu wissen, dass man mit all dem Krempel nicht alleine dagestanden hat..
Untertitelt ist das Buch mit “Lexikon der Jugendsünden”, was ich nicht wirklich treffend finde. Es geht nicht ausschließlich um “Sünden”, sondern schlicht um Erinnerungen an Dinge, die in den 80ern-90ern “angesagt” waren. Das Buch richtet sich somit an die Generation der Thirtysomethings und löst stellenweise einen gewissen Fremdschämreflex aus. Wie konnten wir nur? Haben wir sowas wirklich getragen? Und auch  noch GUT gefunden?? Man weidet sich an all den Scheußlichkeiten, die hier hervorgekramt und einem unter die Nase gerieben werden) (Radlerhosen, XXXXXL-Shirts, hochtoupierte Ponys, Blümchenbodys usw.) und erlebt andererseits auch schöne nostalgisch angehauchte Momente: Brieffreundschaften hat man früher beispielsweise noch geführt, so richtig mit Papier und Stift und Briefmärkchen! Auf Klassenfahrten Splatterfilme geschaut und liebevoll gestaltete Poesiealben ausgefüllt…

Eine Mischung aus Kuriositätenkabinett und Schatzkästchen, das leider viel zu kurz war. Staubtrockener Humor und stellenweise absolut ernüchternd in seiner Endgültigkeit. Absolut lesenswert für alle, die in den 80ern und 90ern ihre Jugend erlebt haben!


Lisa Seelig, Elena Senft – Wir waren jung und brauchten das Gel
Fischer Taschenbuch Verlag, Mai 2011
ISBN 359618987X
255 Seiten
8,99 Euro

Ohne jede Spur

Lange kein Buch mehr gehabt, das mich so positiv überrascht hat und nach dem ich sofort noch mehr Bücher des Autors lesen wollte. Angesprochen hat mich der Klappentext zwar sofort, aber das von mir so sehr geliebte Krimithema “Vermisste Personen” ist leider auch schon etwas ausgelutscht, und selten kommt da (für mich) was wirklich Neues bei rum.
Ohne jede Spurhabe ich völlig atemlos innerhalb kurzer Zeit durch gehabt. Es ist eins dieser Bücher, die so einen Sog entwickeln und einen dermaßen mit sich ziehen, dass man auch beim Nichtlesen immer mal an das Buch denkt.

Der Plot: Die 23jährige Lehrerin Sandy Jones verschwindet von jetzt auf gleich aus ihrem eigenen Haus spurlos. Das letzte was man gesichert von ihr weiß ist, dass sie ihre kleine Tochter Ree ins Bett brachte und dann Klassenarbeiten korrigierte. Als ihr Ehemann Jason spät nachts von seiner Arbeit als Zeitungsreporter nach Hause kommt, findet er nur noch Sandys Handtasche nebst Handy in der Küche. Alles deutet zunächst auf eine Entführung hin. Da sich jedoch keine Einbruchsspuren finden, fällt der Verdacht schon recht bald auf Jason, denn die Ermittler nehmen an, er habe seine Frau “verschwinden lassen”.
Allerhand Motive finden sich schnell. Die Ermittler, und das war für mich eine der Schwachstellen des Buches, kamen mir  aber zu planlos, zu verbissen und teilweise regelrecht vertrottelt vor. Sie treten bei ihren Ermittlungen oft auf der Stelle und sehen manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht. So löst sich der Fall dann letztlich auch mehr oder weniger von selbst.
Wie ich erst später herausfand, handelt es sich um das dritte Buch einer losen Serie um die Sergeantin D. D. Warren, die als schlagfertig, clever und so ein bisschen nymphoman untervögelt dargestellt wird. Nur wie gesagt, das mit der Cleverness, das hat zumindest bei diesem Fall nicht so richtig gekappt, denn ich fand es irgendwann etwas nervig, wie penetrant der Leser auf  falsche Fährten gelockt werden sollte anhand der Ermittlerdenkweise. Trotzdem würde ich gerne auch weitere Bände aus der Serie lesen, um D.D. besser kennenzulernen.

Es wird von Anfang an darauf abgestellt, dass nur Jason Jones als Täter in Frage kommen kann und der in der Nachbarschaft lebende Sexualstraftäter Aidan. Bei Aidan hat mich persönlich gestört, dass er im Grunde nur die Rolle des Buhmanns innehatte, die aber völlig  unlogisch dargestellt wurde: Einerseits soll man ihn unbedingt als Kinderschänder sehen (er hatte als 19jähriger mit seiner 14järhrigen Freundin geschlafen und wurde dafür  mit Gefängnis bestraft), andererseits ist Sandra Jones eine erwachsene Frau und somit nun gar nicht sein Beuteschema. Vermutlich wollte die Autorin genau diese Stigmatisierung anprangern, die jemandem anhaftet, der einmal einen Fehler begangen hat. Das gelingt leider nur teilweise, denn die Figur des Aidan wird bis zur Unkenntlichkeit ins Lächerliche verzerrt.

Spannend fand ich das Buch dennoch, denn das was Schicht für Schicht über Jason Jones zusammengetragen wird, birgt genug Material für Spekulationen. Geschickt erzählt die Autorin abwechselnd aus Sicht der Ermittler und aus Sandys Sicht. Letztere berichtet sehr sachlich in der Ich-Erzählform von den Geschehnissen der letzten Wochen und aus der seltsamen Ehe mit ihrem Mann. Somit weiß man als Leser zumindest, dass sie noch lebt – was ihr Verschwinden für mich um so spannender machte!
Sandy lernt man so als sehr umsichtige junge Frau kennen, sehr vernünftig, aber auch emotional. Und Stück für Stück setzt sich das Bild einer sehr bizarren Ehe zusammen, was Sandys Verschwinden erneut in ganz neuem Licht erscheinen lässt: Man erfährt, dass beide Partner die Ehe als willkommene Fluchtmöglichkeit angesehen haben. Dass sie einander Dinge verheimlichen, dass es diese stillschweigende Übereinkunft gibt, das Vergangene ruhen zu lassen und einander Sicherheit zu geben und der kleinen Tochter Ree eine stabile Familie. Das Spannende ist, dass man erst sehr spät erfährt, was genau beide voreinander zu verbergen haben und warum. Und Sandy scheint Dinge herausgefunden zu haben über ihren Mann, die Anlass zu der Frage geben: Ist Jason ein Pädophiler, der einem K.inderp.ornoring angehört, welcher im Internet sein Unwesen treibt? Schritt für Schritt wird durch Sandys Erzählungen das freigelegt, was die Ermittler nicht herauszufinden vermochten – und das fand ich einfach extrem unlogisch.

Das Ende war nicht unbedingt das, womit man von Anfang an gerechnet hat, aber ein aufmerksamer und erfahrener Krimileser ahnt zumindest auf den letzten Metern dann doch schon, wie der Hase läuft. Für mich war es somit schlussendlich nicht mehr wirklich überraschend, aber die Darstellung hat mir gefallen!
Unterm Strich hat mich das Buch begeistert, insbesonderer wegen der Charaktere und des “Nichts-ist-wie-es-scheint”-Plots. Einige Stellen hätte man sicherlich kürzen können, die Sache um den “Kinderschänder” aus der Nachbarschaft hätte man umgestalten können und nicht ganz so breit treten müssen. Dann hat man eine solide und spannende Geschichte um ein lang gehütetes Familiengeheimnis und den Versuch einer jungen Frau, sich davon freizumachen und ein normales Leben zu führen. Und einen spannenden Krimi mit liebenswerten Charakteren.


Lisa Gardner – Ohne jede Spur
rororo, August 2011
ISBN 349925557X
544 Seiten
9,99 Euro