All Yours / Ganz die Deine

Hat mir unheimlich gut gefallen! Aufmerksam wurde ich auf die argentinische Autorin Claudia Piñeiro durch We read Indie und habe mich dann auch ein wenig schlecht gefühlt, das Buch auf Englisch gelesen zu haben statt auf Deutsch und somit den vorgestellten Verlag zu unterstützen. (Wieso tun sich so viele deutsche Verlage immernoch so schwer damit, eBooks zu veröffentlichen? Am besten noch zu einem im Verhältnis der Printausgabe stehenden Preis?) Allerdings lese ich wirklich wenn es geht nur noch eBooks, ich finde das einfach bequemer, und auf Deutsch gibt das nicht.

Aber zurück zum Buch selber: Ganz die Deine / All yours ist ein Krimi genau nach meinem Geschmack: Kurz und knackig, ohne temporeichen Showdown und ohne überflüssiges Geschwafel drum herum, welches den Leser verwirren soll und trotzdem oder gerade deswegen sehr spannend.

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Über Bord

Ingrid Noll ist bei mir eine sogenannte “Auto-Buy Autorin”. Das heißt, wenn ein neues Buch von ihr erscheint, wird das automatisch von mir gekauft/gelesen, weil ich mich darauf verlasse, dass von dieser Autorin etwas Gutes kommt bzw mich ihr Stil und ihre Geschichten ansprechen. Noll ist für mich eine geniale Autorin, die bitterböse Krimis schreibt, welche nicht von brutalem Mord und Totschlag leben oder von egozentrischen Ermittlern, sondern auf geradezu gelassene Art und Weise richtig perfide sind. Ich mag es, wie sie ihren Figuren Leben einhaucht und sie alle behandelt als seien es ihre eigenen Kinder. Ihre Romane Der Hahn ist tot und Die Apothekerin gehören zu meinen liebsten Lieblingsbüchern und den von mir am meisten gelesenen (ich lese selten ein Buch mehr als einmal, und wenn ich es tue, dann will das schon was heißen).

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Before I go to sleep

Ich möchte für dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen!
Es lag bei Hugendubel auf einem Stapel englischsprachiger Sonderangebote, und mich sprach zunächst die Covergestaltung an. Der Klappentext verriet, dass es sich um genau mein Beuteschema handelt, denn ich liebe Krimis um vermisste, verschollene oder vergessene Personen.

In diesem Falle geht es um einen Gedächtnisverlust, der der Protagonistin zu schaffen macht. Christine Lucas leidet an einer besonders schweren Form der Amnesie: Ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert nur solange sie wach ist. Legt sie sich über Nacht zum Schlafen hin, ist am  nächsten Morgen alles wieder verschwunden, und sie wacht Tag für Tag erneut auf, nicht wissend, wer der Mann neben ihr ist und erstaunt darüber, dass ihr aus dem Spiegel eine Mittvierzigerin entgegen blickt statt einer jungen Frau in den Zwanzigern.

Die Schwere dieses Gedächtnisausfalles sowie auch die eindringliche Perspektive – erzählt wird aus Christines Sicht in der Ich-Form (ich liebe Icherzählungen!) haben mich sofort gefesselt. Da ja streng genommen keine Handlung im eigentlichen Sinne stattfinden kann, wenn die Protagonistin jeden tag neu beginnen muss und nicht mehr weiß, was am vorherigen passiert ist,  hat sich der Autor eines guten Kunstgriffes bedient: Christine schreibt ein Tagebuch, in dem sie akribisch alles festhält, was sie erlebt  und über ihr bisheriges und aktuelles Leben erfahren hat. Zu diesem Tagebuch hat sie der junge Psychiater Dr. Nash ermuntert, de sie täglich anruft und ihr sagt, wo sie das Buch findet und sie ans Schreiben erinnert. Sie beiden treffen sich auch regelmäßig zu Therapiesitzungen, denn Nash ist der Meinung auch Christine könne nach 18 (!!) Jahren Amnesie noch geholfen werden.

Angenehm schnörkellos und sehr eindringlich lasst Watson Christine Ausschnitte ihres Lebens beschreiben, ihre Gefühle und immer mehr auch ihr Misstrauen und ihre Vermutung, dass irgendetwas nicht stimmt mit der Geschichte, die ihr Mann Ben ihr erzählt. Zu konstruiert scheint manches, zu glatt ihre Vergangenheit.
Der Clou ist, dass man als Leser keinen Schritt voraus ist, da ausschließlich von Christine erzählt wird. Man wird immer mehr hineingezogen in diesen Strudel aus Ungereimtheiten und ist nicht sicher, wer von den wenigen Personen,  mit denen Christine zu tun hat, lügt und wer etwas um jeden Preis verbergen möchte. Der Schluss ist nachvollziehbar und im Rahmen dieser unglaublichen Geschichte auch logisch und schlüssig.

Der Roman hat einige Längen, ist aber insgesamt unglaublich spannend! Man muss sich einlassen können und wollen auf diese etwas ungewöhnliche Konstruktion, die im Kern an “Täglich grüßt das Murmeltier” erinnert. Jedoch hat Watson dies in seinem wie ich finde überragenden Debütroman wirklich geschickt gelöst. Zugegeben: Wirklich thrillermäßige  Hochspannung entwickelt das Buch erst etwas ab dem letzten Drittel, aber mich hat das nicht gestört, da ich andere Aspekte des Romans noch viel spannender fand. Ich mochte Christine sofort und habe mit ihr gelitten und getrauert um diese 18 verlorenen Jahre ihres Lebens, von denen sie nichts weiß. Das Buch bearbeitet sehr stark die Frage, was einem Menschen eigentlich noch bleibt, wenn er keinerlei Erinnerungen mehr hat. Weder an Großteile seines eigenen Lebens, noch an die Personen, die er kennt und die ihn geprägt haben. Was bleibt, wenn man nicht mehr weiß, wen man liebt und warum? Wenn man nicht weiß, warum man der Mensch geworden ist, der man ist?

Ein eindringliches und kluges Buch mit viel Tiefgang, das mehr ist als ein Thriller (ich kann die vielen negativen Stimmen auf Amazon irgendwie überhaupt nicht nachvollziehen.)


SJ Watson – Before I Go To Sleep
Doubleday
ISBN 0857520172
368 Seiten
9,30 Euro

In deutscher Sprache: Ich. Darf. Nicht. Schlafen.

Der Augenjäger

Vor einem Jahr hatte ich noch meiner Hoffnung Ausdruck gegeben: “Ich hoffe, er schreibt mal wieder Bücher im Stile von Die Therapie – für mich nach wie vor sein bestes Buch.” Das hat der Herr Fitzek anscheinend nicht gelesen, denn der Augenjäger haut in genau die gleiche Kerbe wie der Augensammler. Hätt’ ich mir ja denken können, dann nach eigener Aussage handelt es sich hierbei um eine Serie, von der du selbst noch nicht weißt, wie umfangreich sie werden wird.

Ich für meinen Teil werde ab hier wirklich aufhören, seine Bücher zu lesen, denn da ist überhaupt nicht mehr, was an seine frühen Romane erinnert, die vor allem auf psychologische Spannung, geschickte (!) trügerische Fährten und wirklich überraschende Wendungen setzten.
Inzwischen  geht es nur noch darum, den Leser durch ekelerregende Schilderungen zu schocken. Würde ich sowas lesen wollen, würde ich Richard Laymon lesen oder Cody McFayden -wobei ich sicher bin, dass Fitzek im Vergleich dazu noch harmlos ist. Trotzdem, ich mache mir nichts aus detaillierten Schilderungen von Leuten mit abgeschnittenen Augenlidern oder versuchten Vergewaltigungen. Ich finde das weder spannend, noch interessant, noch sorgt das bei mir für gruselige Gänsehaut, sondern ich möchte mich einfach nur übergeben und das Buch weglegen.

Der Plot an sich ist so lala. Ein bisschen ausgelutscht inzwischen, die Idee von dem genialen, aber irren Wissenschaftler, in diesem Falle der Augenarzt Zarin Suker. Suker vergewaltigt Frauen, denen er zuvor die Augenlider abgeschnitten hat (ohne Betäubung  ich sach nur: Too much information…) und setzt sie dann aus.
Soweit, so gut. Der schon aus dem Augensammler bekannte Journalist Alexander Zorbach und seine Partnerin in Crime Alina Gegoriev sind auch wieder mit von der Partie und beide auf Kriminellenjagd. Wobei hier schön dick aufgetragen wird und der zu Anfang des Buches noch schwerst verletzte Zorbach mental einem Stück Gemüse gleicht plötzlich ungeahnte Kräfte mobilisiert. Eben noch im Bett gelegen, turnt er wenig später schon einem hoch gefährlichen Irren hinterher. Auch Alina, die blinde Masseuse ist völlig unerschrocken und tappt einerseits bereitwillig in jede Falle, die man ihr anbietet, andererseits befreit sie sich dann furios aus jeder noch so ausweglosen Situation. Unrealistisch bis zum Gehtnichtmehr.

Die Charaktere fand ich ganz gut gezeichnet, wenn auch leider durch die Bank völlig unsympathisch. Alina ist mir einfach zu sehr Lisbeth Salander, ich mag diese Frau nicht mit ihrer Kratzbürstigkeit und ihrer abstoßenden Direktheit. Zorbach hat sich zu sehr zum schillernden Gutmenschen entwickelt, der war mir im 1. Teil auch noch lieber.
Letztlich: Die Täteridentität. Ich fand sie nicht überraschend, es wurde einfach zu oft mit dem Zaunpfahl gewunden vorher.

Mir ist das Buch zu Schwarzweiß und zu platt, zu sehr auf Schockeffekte gerichtet und nicht wirklich logisch. Spannend erzählt, ja. Aber leider erzählt Fitzek inzwischen immer die falschen Geschichten und setzt dabei nicht auf psychologischen Horror, der mehr in den Köpfen der Leser abläuft, sondern auf plumpe Ekelszenen.

Das Beste an dem Buch war noch die Danksagung am Schluss.


Sebastian Fitzen – Der Augenjäger
DroemerVerlag, September 2011
ISBN 3426198819
432 Seiten
19,99 Euro