Plädoyer für Gebrauchsspuren an Büchern

2008 Juni 1
by Maren

Ich bin ein Buchmörder.

Ich gehöre nämlich zu der wohl eher selteneren Gattung Mensch Leser, der ein “schiefgelesener” Buchrücken nicht nur nichts ausmacht – ich mach die Knicke sogar mit voller Absicht rein. Auch abgestoßene Kanten stören mich nicht, und lassen sich im Übrigen meiner Meinung nach auch nicht vermeiden, wenn man ein Buch wirklich LIEST und nicht nur vorsichtig abends 1 Stunde zur Hand nimmt und dann aufs Nachtschränkchen zur Ruhe bettet.

So ganz kann ich nicht nachvollziehen, warum bei so vielen Menschen die Bücher auch nach dem Lesen am besten ungelesen und unangetastet aussehen müssen. Ein Buch ist für mich ein Gebrauchsgegenstand und kein “Heiligtum” (wie zu dieser Thematik mal jemand in einem Forum sagte). Das heißt nicht, dass ich mutwillig Seiten rausreiße, um sie zum Einkaufszettel umzufunfktionieren oder Fettflecken reinschmiere. Und Knicke im Cover machen mich auch immer ganz traurig (zum Glück sind die meisten Cover robust genug, um ein paar Reisen in meiner unordentlichen und vollgepackten Handtasche zu überstehen. Einzig die Diogenes-Cover sind extrem anfällig.)

Aber ansonsten bin ich da sehr tolerant (jedenfalls solange ICH diejenige bin, die den Buch “schief liest”).
Überhaupt: Schiefgelesen. Diese seltsame Vokabel ist mir erstmals beim Stöbern in einer Gebrauchtbuchbörse über den Weg gelaufen, und ich wusste lange Zeit gar nicht, wie denn wohl ein schief gelesener Buchrücken ausschaut. Irgendwann dämmerte mir dann, dass damit die für mich ganz alltäglichen Knicke gemeint sind, die ich beim Lesen immer reinmache (pro Buch je nach Umfang 1-4
mindestens).

Ich lese viel im Bett, in der S-Bahn und im Strandsessel auf meinem Balkon. Und da will ichs einfach gerne bequem haben beim Lesen. Es ist verdammt unbequem, ein Buch so zu halten, dass es auch ja nicht ganz aufklappt, damit keine Knicke in den Rücken kommen. Beim Lesen habe ich gerne die Hände frei (ich pflege beim Lesen beispielsweise mit Vorliebe meine Fingernägel. Klingt komisch – ist aber so.), und das gestaltet sich schwierig bis unmöglich, wenn man immer mit einer Hand aufpassen muss, dass auch nur ja das Buch nicht aufklappt und am Ende “gebraucht” aussieht.

Nun, um zum Ende meines Plädoyers für Gebrauchsspuren an Büchern zu kommen: Ich finde, mit Büchern ist es wie mit Kuscheltieren: Es ist gut, wenn man ihnen ansieht, dass sie geliebt werden ;)

(Letztlich darf das freilich gerne ein jeder so halten, wie er mag, und ich wollte hiermit auch keinesfalls diejenigen angreifen, die ihre Bücher zB in einer Plastiktüte transportieren, wenn wie unterwegs lesen möchten und aus ästhetischen, moralischen oder sonstigen Gründen ungeknickte und unangetastet aussehende Bücher bevorzugen.)

14 Responses leave one →
  1. 2008 Juni 1

    Wie schön! Ein Plädoyer, Bücher endlich so zu behandeln, wie sie es verdient haben: Nämlich zu lesen, an allen passenden und unpassenden Orten, und nicht bloß dekorativ-steril im Bücherregal stehen zu lassen! Ich unterstreiche gerne, wenn ich etwas wichtig oder interessant finde; früher habe ich sogar meine Kommentare am Seitenrand hinterlassen. Sollte ich vielleicht wieder einführen, nach dieser ermutigenden Anregung. Mir ist übrigens mal ein Bibliotheksbuch beim Lesen in der Badewanne ins Wasser gefallen … das war allerdings wirklich peinlich!
    Gruß, Sprechakt

  2. 2008 Juni 1
    bjoerncologne permalink

    Hallo,

    auch ich oute mich (gerne) als knickender Leser! Bei Taschenbüchern kann ich es gar nicht abwarten, den ersten “Knick” zu machen und damit dem Buch das Rückgrat zu brechen ;-)) – aber das geht nur bei Taschenbüchern … Und wenn sie dann so richtig schief und zerlesen aussehen (mit garantiert MEHR als nur 1-4 Knicken!), dann liebe ich sie umso mehr…

    Andererseits fliegen weniger belastbare Bücher in den Müll (sprich: wenn sie das Knicken nicht überlebt haben und Seiten verlieren).

    Andere, ordentliche Leser nerv ich immer mit: “Wie, DAS hast Du gelesen? Sieht man doch gar nicht, erzähl mir doch keinen” ;-))

  3. 2008 Juni 1

    @ Sprechakt: Ui, das mit dem gebadeten Bibkiotheksbuch ist natürlich schon unangenehm. Ist mir auch schon passiert, allerdings war das mein eigenes. Und das hat mir nichtmal gefallen, also wars wohl Schicksal. Nasse/gewellte Seiten finde ich auch nicht so prickelnd, aber auch nicht so schrecklich. Am tollsten sind doch eigentlich Bücher, die man mit im Urlaub hatte und am Strand gelesen hat. Wenn man sie später nochmal in die Hand nimmt, rieselt Sand aus den Seiten… herrlich.

    @ Björn: Geht mir auch immer so mit dem Nicht Abwarten Können. Für mich ist das Buch dann quasi eingeweiht. Selbst das wirklich dünne “Tannöd” habe ich vorhin schon nach 12 Seiten geknickt.
    Nach 1x Lesen hat bei mir noch kein Buch Seiten verloren. Das mag ich dann auch wiederrum gar nicht (ist mir früher bei Bibliotheksbüchern aber öfter passiert, dass ich solch zerfledderte Exepmpare erwischt habe)

  4. 2008 Juni 1
    argentina permalink

    Das seh ich auch so. Einzig bei den Schutzumschlägen von Hardcoverbüchern finde ich es traurig, wenn da Knicke oder gar Risse reinkommen. Aber ansonsten ist ein Buch auch für mich ein Gebrauchsgegenstand, und das darf man dem Buch auch ansehen. Da ich auch so eine bin, die eigentlich (außer auf kurzen Trips zum Supermarkt oder so) nie ohne Buch in der Tasche aus dem Haus gehe, ich aber nunmal eine Handtasche oder ab und zu mal einen Laptoprucksack und keinen akkuraten Aktenkoffer mit mir rumtrage, sieht kein Buch lange aus wie neu.

  5. 2008 Juni 1

    Ich habe/kaufe gar keine Hardcover. Und wenn ich mal eins lese, dann mache ich diesen Schutzumschlag zum Lesen immer ab. Nicht, damit er unbenutzt aussieht, sondern weil es mich beim Lesen schlichtweg stört, dass die Teile andauernd verrutschen…

  6. 2008 Juni 1
    Coelia permalink

    Wundervoll, dass es mal jemand ausspricht!
    Danke dir … ;D

  7. 2008 Juni 2

    Natürlich darf ein Buch Gebrauchsspuren aufweisen. Spuren, wohlgemerkt und keinen absichtlichen oder unabsichtlichen Vandalismus. Knicke, gerade bei dickeren Büchern, sind unvermeidlich, und auch ich lege gern einmal ein geöffnetes Buch mit dem Rücken nach oben ab. Vermeidbar sind allerdings Eselsohren, Markierungen mit aufdringlichen Markerstiften, totales Verbiegen, Fraß durch Nagetiere. Bücher sollen nämlich auch über Jahrzehnte halten, sei es als Bestandteil meiner Sammlung, sei es wegen einer möglichen Wiederverwertung durch Tausch / Verkauf. Schieflesen läßt sich selten ausschließen – damit sind übrigens keineswegs Knicke gemeint, sondern bei einem schiefgelesenen Buch verschiebt sich der Buchblock und drückt auch den Einband in eine bestimmte Richtung, sodaß die Symmetrie des Buchkörpers im Ganzen verschoben ist. LG tinius

  8. 2008 Juni 2

    Tja, ich gehöre dann eher zu der Gattung die ihre Bücher wie ein rohes Ei behandeln :) Ich finde es einfach schöner wenn die Bücher ungeknickt im Schrank stehen und man sie eventuell ein zweites mal lesen kann. Bei Büchern mit Knicken im Rücken kommt es meiner Meinung nach nämlich sehr oft dass diese auseinanderfallen. Meine Technik habe ich dabei über die Jahre sehr perfektioniert und ich lese sehr viel. Also… ihr könnt mich jetzt lynchen :)

  9. 2008 Juni 2

    @ Tinius: Dann wissen offenbar auch viele andere nicht, was “schief lesen” bedeutet. Es sind mir schon mehrmals Bücher untergekommen mit der Beschreibung “schiefgelesen (geknickter Buchrücken)”. Allerdings ist mir die Symmetrie eines Buches so herzlich egal, dass das wohl aufs Gleiche rauskommt.

    @ Starkiller: Warum sollte dich jemand lynchen? Hab doch geschrieben, dass ich persönlich kein Verständnis dafür habe, es aber jeder so machen soll, wie es ihm am liebsten ist… Ich kann übrigens auch völlig ramponierte Bücher ein zweites oder drittes Mal lesen, das schließt sich nicht aus. Meine Bücher haben alle mehrere Knick eim Buchrücken, und bei keinem davon sind die Seiten auch nur ansatzweise gelockert. Kommt auch immer ein wenig auf die Verarbeitung an.

  10. 2008 Juni 2

    also ich muss mich dann auch mal hier OUTEN, als eine die ihre bücher gern makellos hat. ;) und, peinlich aber wahr, wenn ich weiß, ich nehme das buch in einer tasche mit, in der es nicht einwandfrei bleibt, kommt es in eine klarsichthülle. ;)
    ich mag es einfach, wenn bücher neu und “schön” aussehen. minimale gebrauchsspuren lassen sich sicher nicht vermeiden. aber ich hasse es wenn z.b. der buchschnitt so schmuddelig wird, oder knicke im buchrücken sind.

  11. 2008 Juni 2

    Ich habe es mittlerweile aufgegeben – auch wenn ich (Taschen-)Bücher noch so vorsichtig behandle, der Knick im Buchrücken ist obligatorisch ;-)

    Nur wenn es allzusehr “kaputt” und “durchgelesen” ist, mag ich’s nicht meh – schließlich soll es sich auch im Schrank gut machen ;-)

  12. 2008 Juni 2

    Meine Bücher sehen oft ziemlich gelesen aus, allerdings habe ich für geliehene Bücher meist eine Stofftasche dabei, wenn das Buch in den Rucksack oder die Tasche kommt. Habe ein Buch regelrecht kaputt gelesen, so oft war es mit mir unterwegs. Solange ich meine eigenen Bücher habe, ist das auch okay. Allerdings gibt’s bei Gebrauchsspuren auch deutliche Grenzen. Wenn ich ein Buch z.B. nicht mehr im Bett lesen mag, dann ist diese Grenze überschritten. Das kommt bei Knickspuren nicht vor, da muss schon was anderes im/am Buch sein. Was ich allerdings gar nicht mag: Bücher aufgeschlagen “auf den Kopf legen” – dabei lösen sich so schnell Seiten, dass ich doch lieber ein Lesezeichen benutze.
    So nebenbei: eins meiner Lieblingsbücher ist über bookcrossing einmal mehr oder weniger um die Welt gereist und sieht auch so aus (war u.a. sogar mit auf Radtour in Amerika) – das Buch sieht wirklich benutzt und weitgereist aus, aber hergeben würd ich’s nicht. Es hat dadurch eine besondere Geschichte erhalten

  13. 2008 Juni 2

    @ Caro: Oha. Dich hätte ich eher auf die Buchknickerfraktion geschätzt ;) Ich mag neue und schöne Buücher auch, und wenn ich welche kaufe, such ich mir aus dem Stapel auch immer eins von weiter unten aus, das noch nicht so abgegrabbelt aussieht. Denn das ist ja der Punkt: Nur ICH darf sie abgrabbeln! Ich find meine Bücher einfach irgenndwie besser, wenn man sieht, dass ich sie gelsen habe. Das heißt ja nicht, dass ich sie absichtlich ins Wasser werfe, und Fettflecke find ich zB auch eklig. Aber abgestoßene Kanten (die sich wirklich nicht vermeiden lassen) und besagte Knicke im Rücken stören mich nicht, sonderm im Gegenteil: Die gehören da rein (nachdem ich das Buch gelesen habe).

    @ Anjasi: So schlecht behandle ich meine Bücher nun nicht ;) Eklig und dreckig dürfen sie nicht aussehen, aber gelesen, benutzt und geliebt.

  14. 2008 Oktober 4

    Hallo, hallo.
    Ich stimme dir vollends zu. Bücher sind dazu gedacht, gebraucht zu werden. Wenn ein Buch Kratzer und Knicke hat, heißt das für mich, dass es geliebt wurde.
    Doch in einem muss ich dich korrigieren:
    Ein Buch IST ein Heiligtum. Nur eines zum anfassen, zum herzen. Alles klar?
    Gut. Bis dann ;)

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