Bibliomanie. Ein Blog übers Lesen.

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Monatsliste April 2012

Sechzig Lichter

Ein herrliches Buch. Gewaltig. Ich habe mir gewünscht, es möge nie aufhören, denn ich hätte der Geschichte noch ewig weiter folgen wollen.
Da ich selbst sehr ambitioniert und mit viel Herzblut fotografiere und mich zudem sehr für die Geschichte der Fotografie interessiere, schien dieses Buch wie für mich gemacht geschrieben:

“Lucy Strange ist eine der ersten Fotografinnen des 19. Jahrhunderts. Ihr Leben war kurz, aber prall gefüllt mit Licht, Farbe und Abenteuer. Ein grandioses viktorianisches Lebensbild zwischen Sydney, Bombay und London und zugleich eine Archäologie der Fotographie. Ein Roman von flammender Schönheit.”

Und ich wurde nicht enttäuscht. Lediglich der Anfang machte mir etwas zu schaffen, ich musste mich erst in die etwas nüchterne und beinahe distanzierte Sprache gewöhnen, und brauchte etwas um in die Geschichte rein zu kommen, da Gail Jones weit ausholt und zuerst das weit zurückliegende Kennenlernen von Lucys Eltern beschreibt. Abgesehen von diesen Startschwierigkeiten habe ich die Sprache bald sehr zu schätzen gelernt. Das Buch ist voller Metaphern, und ich habe mich der forschen Lucy und ihrer hingebungsvollen Faszination für das Licht sofort verbunden gefühlt. Licht, schon im Buchtitel enthalten, nimmt einen zentralen Platz in Lucys Leben ein. Fotografie bedeutet “Schreiben mit Licht”. Selbst Lucys Name leitet sich ab von “Lux”, was ebenfalls Licht bedeutet. Lucy entwickelt schon lange bevor sie erstmals überhaupt mit der Fotografie in Berührung kommt, eine regelrechte Obsession für das Licht, für die Atmosphäre, die es schaffen kann und seine physikalischen Besonderheiten. An vielen Stellen des Buches wird das Licht geradezu beiläufig erwähnt, und man muss sehr aufmerksam lesen oder so wie ich selbst stark für Lichtsituationen sensibilisiert sein, um dies zu bemerken.

Lucys kurzes, aber intensives Leben führt sie als Waise aus Australien über London nach Indien und wieder zurück nach England. Von Beginn an zentral ist neben dem Licht für Lucy der Drang zum Festhalten von Situationen, von Momenten, von Stimmungen. So legt sie schon früh ihr “Journal of Special Things Seen” an, in welchem sie Dinge festhält und akribisch beschreibt, die ihr aufgefallen sind.
Sehr richtig bemerkt sie Jahre später, nachdem sie zur Fotografin wurde, dass dieses Tagebuch Besonderer gesehener Dinge für sie das war, was ihr nun die Fotografie ist. Denn “jedes fotografische Unterfangen ist der Versuch, ein Gesicht heraufzubeschwören und das wieder aufzuspüren, was sich hinter dem Geschehenen verbirgt.”

Lucy legt keinerlei Wert auf technische Perfektion, obwohl sie die Fotografie handwerklich solide bei einem Fotografen erlernt. Ein gutes Bild ist für Lucy eines, das den Moment so abbildet, wie er war. Und wenn das Foto unscharf ist, dann ist das eben eine Aussage für sich und kein Makel. Ich liebe diese Einstellung und könnte Gail Jones dafür küssen, mit welch schönen Worten sie diese zu Papier gebracht hat!

Lucys “äußeres” Leben ist entbehrungsreich und doch so reich. An Bildern, Erfahrungen, Menschen. Als Waise von dem fürsorgeberechtigten alten Onkel an dessen alten Freund Isaac nach Indien “verkauft”, erlebt sie auf der Überfahrt mit dem Schiff ihre erste Liebe. Sie wird bitter enttäuscht, jedoch bleibt ihr dieser Mann auf ewig liebevoll im Gedächtnis – weil er “ein neues Wort für das Licht gewusst hat.” Isaac entpuppt sich als alt und grau, aber harmlos und nicht weniger verschroben als Lucy selbst. Diese ist unglückseligerweise bereits schwanger als sie in Indien ankommt, doch das ungleiche Paar entwickelt allen Widrigkeiten zum Trotz Respekt, wenn auch keine Liebe, füreinander. Jeder profitiert vom anderen, jeder auf seine Weise.

Lucy reist schließlich mit ihrer Tochter zurück nach England, und auf auf dieser Überfahrt nimmt eine folgenschwere Veränderung ihres Körpers ihren Lauf: Sie erkrankt an der Schwindsucht (=Tuberkulose). Lucy ahnt, dass sie nicht mehr lange Leben wird, und umso wichtiger wird ihr das Sammeln von Licht und von Bildern.

Die Geschichte an sich wäre sehr schnell erzählt, und ich möchte diejenigen Leser davor warnen, die eine Liebesgeschichte erwarten oder einen dieser unsäglichen unzähligen historisch angehauchten “Braut-wandert-aus” Romane. Sechzig Lichter ist nichts davon. Es ist sperrig und zugleich unglaublich poetisch geschrieben. Es ist ein Roman über die Faszination der Bilder und der Geschichten, die aus ihnen sprechen. Über die Hingabe an die Fotografie und dem, was sie im Kern ausmacht: Das ungeschönte Konservieren von Stimmung, Atmosphäre und Emotionen.
Der Roman ist auch nicht umsonst zeitlich in den Anfängen der Fotografie angesiedelt, denn heutzutage kann ja jedes Telefon schon Fotos aufnehmen. Zur damaligen Zeit war ein einziges Foto mit einem riesen technischen und zeitlichen Aufriss verbunden, da musste man such schon gut überlegen, was und warum man fotografiert. Und dennoch nimmt Lucy ihre Fotografien so intuitiv wie möglich auf – ohne dabei etwas zu retuschieren, verstecken oder schönen zu wollen, denn das mit Makeln Behaftete fasziniert Lucy, es ist für sie menschlich (ähnlich wie bei der grandiosen Fotografin Diane Arbus): “Zufall und Irrtum. Das sind die schönen Dinge.”

Ich bin ebenso nur zufällig (durch einen Hugendubelgrabbeltisch) an dieses Buch geraten, und das sind ja bekanntlich oftmals die besten!


Gail Jones – Sechzig Lichter
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN 3423138475
224 Seiten
8,90 Euro

Monatsliste März 2012

Das mit dem Bloggen, das klappt einfach nicht mehr so recht.
(Das mit dem Lesen aber irgendwie auch  nicht.)

Same producure as every month! ;-)

Gelesen

Thomas Brussig – Berliner Orgie 
Elly Griffiths – Totenpfad (abgebrochen, weil ich nach 70 Seiten schon den Mörder wusste)

Neuanschaffungen

Harlan Coben – No second Chance
Harlan Coben – Backspin
Bret Easton Ellis – Less than Zero
Kresley Cole – Demon from the Dark
Mary Warner Marien – Photography: A Cultural History
Michel Frizot – Neue Geschichte der Fotografie

SUB-Stand Anfang / Ende des Monats

98 / 101

Monatsliste Februar 2012

Before I go to sleep

Ich möchte für dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen!
Es lag bei Hugendubel auf einem Stapel englischsprachiger Sonderangebote, und mich sprach zunächst die Covergestaltung an. Der Klappentext verriet, dass es sich um genau mein Beuteschema handelt, denn ich liebe Krimis um vermisste, verschollene oder vergessene Personen.

In diesem Falle geht es um einen Gedächtnisverlust, der der Protagonistin zu schaffen macht. Christine Lucas leidet an einer besonders schweren Form der Amnesie: Ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert nur solange sie wach ist. Legt sie sich über Nacht zum Schlafen hin, ist am  nächsten Morgen alles wieder verschwunden, und sie wacht Tag für Tag erneut auf, nicht wissend, wer der Mann neben ihr ist und erstaunt darüber, dass ihr aus dem Spiegel eine Mittvierzigerin entgegen blickt statt einer jungen Frau in den Zwanzigern.

Die Schwere dieses Gedächtnisausfalles sowie auch die eindringliche Perspektive – erzählt wird aus Christines Sicht in der Ich-Form (ich liebe Icherzählungen!) haben mich sofort gefesselt. Da ja streng genommen keine Handlung im eigentlichen Sinne stattfinden kann, wenn die Protagonistin jeden tag neu beginnen muss und nicht mehr weiß, was am vorherigen passiert ist,  hat sich der Autor eines guten Kunstgriffes bedient: Christine schreibt ein Tagebuch, in dem sie akribisch alles festhält, was sie erlebt  und über ihr bisheriges und aktuelles Leben erfahren hat. Zu diesem Tagebuch hat sie der junge Psychiater Dr. Nash ermuntert, de sie täglich anruft und ihr sagt, wo sie das Buch findet und sie ans Schreiben erinnert. Sie beiden treffen sich auch regelmäßig zu Therapiesitzungen, denn Nash ist der Meinung auch Christine könne nach 18 (!!) Jahren Amnesie noch geholfen werden.

Angenehm schnörkellos und sehr eindringlich lasst Watson Christine Ausschnitte ihres Lebens beschreiben, ihre Gefühle und immer mehr auch ihr Misstrauen und ihre Vermutung, dass irgendetwas nicht stimmt mit der Geschichte, die ihr Mann Ben ihr erzählt. Zu konstruiert scheint manches, zu glatt ihre Vergangenheit.
Der Clou ist, dass man als Leser keinen Schritt voraus ist, da ausschließlich von Christine erzählt wird. Man wird immer mehr hineingezogen in diesen Strudel aus Ungereimtheiten und ist nicht sicher, wer von den wenigen Personen,  mit denen Christine zu tun hat, lügt und wer etwas um jeden Preis verbergen möchte. Der Schluss ist nachvollziehbar und im Rahmen dieser unglaublichen Geschichte auch logisch und schlüssig.

Der Roman hat einige Längen, ist aber insgesamt unglaublich spannend! Man muss sich einlassen können und wollen auf diese etwas ungewöhnliche Konstruktion, die im Kern an “Täglich grüßt das Murmeltier” erinnert. Jedoch hat Watson dies in seinem wie ich finde überragenden Debütroman wirklich geschickt gelöst. Zugegeben: Wirklich thrillermäßige  Hochspannung entwickelt das Buch erst etwas ab dem letzten Drittel, aber mich hat das nicht gestört, da ich andere Aspekte des Romans noch viel spannender fand. Ich mochte Christine sofort und habe mit ihr gelitten und getrauert um diese 18 verlorenen Jahre ihres Lebens, von denen sie nichts weiß. Das Buch bearbeitet sehr stark die Frage, was einem Menschen eigentlich noch bleibt, wenn er keinerlei Erinnerungen mehr hat. Weder an Großteile seines eigenen Lebens, noch an die Personen, die er kennt und die ihn geprägt haben. Was bleibt, wenn man nicht mehr weiß, wen man liebt und warum? Wenn man nicht weiß, warum man der Mensch geworden ist, der man ist?

Ein eindringliches und kluges Buch mit viel Tiefgang, das mehr ist als ein Thriller (ich kann die vielen negativen Stimmen auf Amazon irgendwie überhaupt nicht nachvollziehen.)


SJ Watson – Before I Go To Sleep
Doubleday
ISBN 0857520172
368 Seiten
9,30 Euro

In deutscher Sprache: Ich. Darf. Nicht. Schlafen.

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